Gleichmut (upekkhā)

Derzeit, wir schreiben April 2020, herrscht große Ungewissheit. Wir haben keine Ahnung, wie lange die Virus-Thematik und die damit verbundenen Einschränkungen und Maßnahmen noch dauern. Viele sind überrascht, dass es zu einer Pandemie gekommen ist. Manche sind überrascht, dass so viele Menschen überrascht sind, da eine solche im Grunde vorhersehbar war und in bestimmten Kanälen auch vorausgesagt wurde.

Angesichts des unermesslichen Leids auf dem Planeten Erde und angesichts der Schwierigkeiten, die entstehen können, sobald wir uns dafür öffnen, braucht es Gleichmut. Eine friedvolle und offene Einstellung gegenüber dem Leben, die dazu beiträgt, sich selbst und den Mitmenschen verständnisvoll zu begegnen und den guten Humor zu bewahren.

Um fähig zu sein, sich selbst und anderen mit Verständnis zu begegnen, braucht es einen klaren Geist, ein ausgeglichenes Gemüt. Damit beschreibe ich einen Zustand, der einer fixierten Sichtweise auf sich selbst und die Welt gegenüber steht. Es braucht, wie Robert Anton Wilson sagt, die Einsicht in die Möglichkeit, falsch zu liegen: maybe logic. Shunyru Suzuki nennt dies big mind. Es ist die Fähigkeit, sich selbst und die eigenen Ideen, Meinungen, Konzepte eben als solche anzusehen statt sie als gegebene Wahrheiten zu verbreiten. Es braucht intellektuelle Bescheidenheit, um tatsächlich Klarheit zu schaffen.

‚Delusion isn’t the same as fogginess. Fogginess on its own is just confusion, disarray, forgetfulness. Delusion is fog plus the illusion of clarity. Delusion isn’t confusion about what’s true – it’s full belief in what’s not true.‘

Tim Urban

Ein kurzes Gespräch mit Gott

Letzten Endes entspringt die Idee der Theodizee der Überzeugung, dass an den Kriegen und Katastrophen irgendwer schuld sein muss. Das Konzept der Schuld, das, von sich selbst auf andere übertragen, oft mit der Unfähigkeit zu vergeben und zu trauern einhergeht, führt zu der Haltung und der vorwurfsvollen Frage: „Wie kann Gott das alles zulassen?“

Da fällt mir eine Geschichte ein. Eine Frau, die zeit ihres Lebens für andere gesorgt und gebetet hatte, starb eines Tages, wie es eben für Sterbliche üblich ist. Da sie ein Leben lang ans Himmelreich geglaubt hatte, kam sie auch in ein solches, um auf ihrer persönlichen Wolke im Paradies Platz zu nehmen. Die gottesfürchtige Frau verbeugte sich tief und bat darum, eine Frage stellen zu dürfen. Es war eine Frage, die sie während ihres menschlichen Daseins auf der Erde oft beschäftigt hatte. Gott-im-Himmel gewährte ihr diese Bitte und lächelte. Er kannte die Frage bereits, da die Seele der Frau vor ihm aufbereitet war wie ein offenes Buch. „Weißt du, Gott“, begann die Frau, „weißt Du, was auf der Erde los ist? Siehst Du, wie Kinder verhungern, Städte zerbombt, Völker vernichtet werden? Wie kannst du zusehen, wie Millionen Tiere geschlachtet, Millionen von Menschen hingerichtet, und unzählige fühlende Wesen leiden?“ Die Frau erzählte Gott-im-Himmel, dass die Menschen ihren Glauben verlieren würden, wenn ER nicht bald etwas dagegen unternehme. Sie fragte, warum Er denn all die Jahrzehnte des Krieges und der Armut geschehen ließe, wo Er doch allerbarmend, allwissend, allmächtig sei. „Warum hast Du nichts getan?“ fragte die Frau verzweifelt, mit tränenerfüllten Augen und erstickter Stimme. Und Gott sprach: „Aber ich tat doch etwas, mein Kind: Ich erschuf Dich.“


Lauschen, Horchen, Spüren

Gleichmut hilft uns, uns selbst und die Dinge klarer zu erkennen und in die Tiefe unseres Selbst einzutauchen. Es ist eine Form der unbedingten Liebe, wie sie Großeltern ihren Enkelkindern gegenüber empfinden. Gleichmut trägt dazu bei, Herzensqualitäten zu entfalten und ein einfaches, ruhiges und zufriedenes Leben zu führen. In verschiedenen Listen der Buddhisten wird Gleichmut als Schlusslicht angeführt, da es sich um eine außerordentlich wichtige Geistesqualität handelt. Denn Gleichmut hilft dabei, die zu entwickelnden Eigenschaften auf dem Edlen Achtfachen Pfad sowie die emotionalen Zustände bei Bedarf auszugleichen, sodass Extreme vermieden werden. Zu den Listen, in denen Gleichmut als umfassender Ausgleich und kulminierender Schlusspunkt angeführt wird, gehören:

  • 4 Brahma Viharas („Göttliche Verweilzustände“):
    Liebe (metta), Mitgefühl (karuṇā), Mitfreude (muditā), Gleichmut (upekkha)
  • 7 Bojjhangas („Faktoren des Erwachens):
    Achtsamkeit (sati), Untersuchung des Dhamma (dhamma vicaya), Freude (pīti), Gelassenheit (passadhi), Konzentration (samādhi), Gleichmut (upekkha)
  • 10 Paramitas („Qualitäten“):
    Großzügigkeit (dāna), Tugendhaftigkeit (sīla), Entsagung (nekkhamma), Weisheit (paññā), Energie (viriya), Geduld (khanti), Wahrhaftigkeit (sacca), Entschlossenheit (adhiṭṭhāna), Freundlichkeit (metta), Gleichmut (upekkha)

Eine stabilisierende und ausgleichende Qualität des Geistes also. Gleichmut zählt allerdings immer noch zu den „bedingten Geisteszuständen“ und ist damit dem Kommen und Gehen unterworfen. Es fällt auf, dass es einfacher ist, in gleichmütiger Verfassung starke Konzentration zu entwickeln. Mit Hilfe der Konzentration stabilisiert sich wiederum der Geist und wird offener, weiter, raumhafter, um angesichts der Hochs und Tiefs des Alltags in Gleichmut zu verweilen.


Der nahe und ferne Feind

Wie bei den anderen Unermesslichen gibt es auch hier einen „nahen Feind“, mit dem die echte Qualität Gleichmut leicht verwechselt werden kann. Der Unterschied zwischen upekkha und Gleichgültigkeit könnte aber größer nicht sein! Während sich ein Mensch, dem etwas gleichgültig ist, abschließt und sein Herz zusammenzieht, weitet sich das Herz des Menschen, der sich in Gleichmut übt.

Upekkha heißt nicht umsonst Gleich-Mut. Es bedeutet Mut zu haben, sich allen Seiten zu stellen, d.h. sowohl der unangenehmen, der angenehmen wie auch der neutralen. Gleichmut ist nicht eine Form von Kälte, Abgehobenheit, Zögerlichkeit oder Rückzug. Ganz im Gegenteil. Gleichmut hat keinerlei Abneigung in sich, weil es sich um eine Form der (großelterlichen, nicht romantischen) Liebe handelt.

Durch diese Gemütsverfassung entwickeln sich Ruhe, Gelassenheit, Frieden, ein so tiefer Frieden, Entspannung, Präsenz, Ausstrahlung, Stabilität, Festigkeit, Unerschütterlichkeit, offenes Gewahrsein und die Fähigkeit, in turbulenten Zeiten (!) gegenwärtig zu bleiben. Andere Synonyme für Gleichmut sind Unparteilichkeit, Nichtreaktivität, Ausgeglichenheit, Balance. Natürlich gibt es in unserer Zeit unzählige Arten, das Konzept Gleichmut begrenzt aufzufassen, es für eigene kurzsichtige Zwecke zu instrumentalisieren oder dem Trick 17 des Egos auf den Leim zu gehen.

Gleichmut lässt sich am ehesten dann erfahren, wenn wir uns völlig dem gegenwärtigen Augenblick hin-geben. Es hat durchaus mit der Fähigkeit vorbehaltlos zu geben zu tun, anders gesagt: mit der Fähigkeit, der Wirklichkeit zuzugestehen, dass sie ist wie sie ist und den eigenen Lebensfluss und inneren Frieden zu bewahren, wenn die äußeren Umständen nicht unseren Erwartungen entsprechen.

Seit zwei Jahrzehnten ist Gil Fronsdal einer meiner Mentoren. Er ist wirklich ein ganz außergewöhnlicher Lehrer. Ich habe ihn bisher noch nicht persönlich getroffen. Dennoch fühlt es sich durch die unzähligen Stunden, die ich seiner Stimme gelauscht habe so an, als ob ich ihn gut kennen würde. In diesem Dhamma-Vortrag erläutert Gil anhand zahlreicher Gleichnisse die Fertigkeit namens GLEICHMUT und zeigt auf, wie mit der entsprechenden Geisteshaltung jedes Ereignis im Leben dazu beitragen kann, eine klare Sicht auf die Dinge und sich selbst zu entwickeln. Er verdeutlicht, dass wir Begebenheiten und Zuständen mit Gelassenheit begegnen können, weil wir imstande sind zu wählen worin unser größtes Vertrauen liegt.

Wege zu Gleichmut

Wie kommen ich in diesen wünschenswerten Geisteszustand und verhindere, in die Falle des „nahen Feindes“ zu gehen? Eine gute Frage. Und wie so oft lautet die Antwort: Übung macht den Meister. Welche Übung? Die beständige, ausdauernde Übung in Achtsamkeit. Während dieser Übung selbst wird Gleichmut bereits eingeübt, denn der Geist schwirrt im normalen Wachbewusstsein von hier nach dort und schwingt sich von einem Gedanken zum nächsten like a monkey seeking fruit in the forest.

Die Auswirkungen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung auf dieser Welt mögen Niedergeschlagenheit und Hilflosigkeit hervorrufen, manchmal auch vermischt mit einem leisen Gefühl der Hoffnung, nicht direkt davon betroffen zu werden. Dabei bin ich bereits davon betroffen, wenn ich davon höre, lese, oder darüber mit jemandem spreche. Die Hoffnung, nicht betroffen zu sein, erscheint mir deshalb als trügerisch, denn in einer globalisierten Welt, auf einem Planeten mit beschränkten Ressourcen, umfassenden Kommunikationsnetzen und monopolisierten Medienlandschaften scheint der einzelne Mensch ganz automatisch abhängig zu sein von der Gemeinschaft und der Kultur, in der er lebt. Kein Mensch ist eine Insel, auch wenn manche meinen, sie seien sicher auf der „Insel der Seligen“. Kein Mensch ist eine Insel. Und doch: „Sei dir selbst eine Insel der Zuflucht“, sagte Buddha, bevor er verschied. Was meinte er damit? Was bedeutet atta-dīpā-saranam?

It is necessary to withdraw, to be „an island unto oneself,“ at least for a time (as any meditator knows), not for any „selfish“ reasons but precisely in order to make this profound introspective investigation. In another sense, Buddhists would of course agree with John Donne that „No man is an island.“

(Kommentar zum Attadīpā Sutta: An Island to Oneself)

Es ist nicht notwendig, sich über gesellschaftliche, kulturelle oder wirtschaftliche Verwicklungen und Probleme den Kopf zu zerbrechen. Es reicht schon, wenn ich lerne, auf verantwortungsvolle und emotional reife Art und Weise auf körperliche Gebrechen oder Krankheitsfälle zu antworten: Wie gehe ich damit um, wenn Schnupfen, Halsweh oder Kopfweh mich plagen? Wenn mich das Fieber schüttelt und ans Bett fesselt? Reagiere ich mit Groll und Ungeduld, mit Angst und Widerwillen, wenn ich mal einen Tag lang nichts esse?

Wie die Liebe lässt sich Gleichmut nicht erzwingen. Abkürzungen, die das Ego immer wieder anbietet, führen zu Verlusten an Authentizität und Integrität. Psychosomatische Erkrankungen weisen auf innere Verknotungen und mentale Verrenkungen hin, mithin auf den Versuch, bestimmten Erwartungen an sich selbst gerecht werden zu wollen. Zugegeben, die emotionale Panzerung aufzubrechen tut anfangs weh. Doch es lohnt sich jedes Mal.

Denk daran: Es gibt in jedem Augenblick die Chance, aus gewohnten Mustern auszusteigen. In jedem Moment bietet sich die Möglichkeit, sich selbst das Geschenk der Präsenz zu machen. That’s why it’s called the present.

4 Kommentare zu „Gleichmut (upekkhā)

  1. Ich habe Gleichmut geübt und weiter gesucht, daher schreib ich dir jetzt, dass mir deine JUNGE website sehr gefällt und auch schon ziemlich umfanreich ist, zumindest aus meiner Sicht.

    Gefällt mir

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: