Sprachpolitik und Transformation im 21. Jahrhundert

Aus gegebenem Anlass

In einer kürzlich gesehenen Doku wendet sich ein kanadischer Universitätsprofessor gegen Sprachregelungen und gegen die Einschränkung der freien Meinungsäußerung. Die Gesellschaft, in der er lebt und die er mit Hilfe seiner Erfahrungen und Einsichten aufklären will, ist zutiefst gespalten. Die Instrumentalisierung seiner Person im Sinne partikulärer Interessen, die Vereinnahmung durch ideologische Gruppierungen und nicht zuletzt der verzerrte Diskurs sowie die verkürzte Darstellung seiner Motivation und Grundhaltung in den Massenmedien haben dazu beigetragen, dass ihn heute mehr Menschen kennen als je zuvor.

Als sensibler Beobachter nimmt er eine Schlüsselrolle im Kampf gegen Schwarz/Weiß-Denken ein. Er setzt sich für ideologiefreie Diskurse und offene Kommunikation ein. Sein scharfer Intellekt, seine Verve und Chuzpe erinnern mich an Noam Chomsky. Beide sind Professoren und beide plädieren für die Anhebung des Gesprächs auf ein Meta-Level. Beide vermitteln eine Botschaft, die nur auf dieser Ebene verstanden werden kann, während sie auf inhaltlicher Ebene von einer der beiden Seiten auf mechanische Weise in politisches Kleingeld umgemünzt wird. Deshalb wird er entweder geliebt oder gehasst. Identifikationsfigur und Projektionsfläche für die einen, Feindbild für die anderen. Je nach Interpretation ist er Rebell oder Reaktionär, Liberaler oder Traditionalist. Dabei ist alles was er will, dass Menschen ihrem Leben Sinn verleihen und dass dadurch der Hang zum Extremismus aus der Welt geschafft wird. Aber alles der Reihe nach. Ja: Der kanadische Professor heißt Jordan Bernt Peterson. Die erwähnte Dokumentation heißt The Rise of Jordan Peterson. Was mich inspiriert diesen Beitrag zu schreiben ist nicht nur seine persönliche Lebensgeschichte, sondern auch sein Mut. Es braucht Mut, sich so hingebungsvoll seiner auserwählten Mission zu widmen!

Es war teilweise irritierend, wie unbeugsam die öffentliche Meinung sein kann und wie unzugänglich die meisten Anhänger einer Ideologie für Gespräche über soziale Prozesse auf einer Metaebene sind; sei es, weil sie befürchten, dass ihre konkreten Anliegen übergangen werden und sich stattdessen eine Grundsatzdiskussion über »das Sagbare« oder über deren Weigerung, sich »dem Realen« zu stellen, entwickelt; sei es, dass sie zu sehr von einer bestimmten Ideologie vereinnahmt sind, um auf einer tieferen Ebene die Meinung des Anderen gelten zu lassen statt ihn als Gegner zu dämonisieren.

Der Dokumentationsfilm zeigt auf Grundlage der Erfahrungen von Jordan Peterson, wie wichtig es ist, die Anliegen der Nicht-Binären und Transgender Communities in Kanada und auf der ganzen Welt ernst zu nehmen: Sie wollen gesehen und gehört werden.

Mir erscheint es wichtig, näher auf die in der Dokumentation zu Tage tretenden Prozesse von Definitionsmacht, Aneignung politischer Begriffe und Framing einzugehen, da sie vom »Aufstieg des Jordan Peterson« bisweilen überlagert wurden. Deshalb möchte ich in diesem Artikel auf diese Themenbereiche näher eingehen.

Die Macht des Wortes

Ganz wesentliche Aspekte einer Persönlichkeit werden durch die Haltung zu Sprachregelungen offenbar. Es sagt einiges über dich als Menschen aus, inwieweit du dich an soziale Normen hältst. Hinter der Übernahme einer »politischen Haltung« und der Vorstellung, sich »korrekt« zu verhalten – im Sinne der eigenen Integrität und um des Zusammenlebens willen – steht das Verhältnis des einzelnen Menschen zur eigenen Sprachverwendung:

Was ist Sprache für mich?
Wie wende ich Sprache an?
Verwende ich Sprache, um Verbindung herzustellen oder um mich abzugrenzen?
Ist Sprache für mich ein Instrument, das gut gestimmt werden muss?
Dient Sprache für mich in erster Linie dazu, Informationen auszutauschen?
Ist Sprache für mich ein Mittel, andere zu beeinflussen, sie zu beherrschen, zu manipulieren und zu unterdrücken?
Ist mir bewusst, dass 70 % der aufgenommenen Information aus nonverbaler Kommunikation besteht?


Und wenn wir schon dabei sind:

Verstehe ich, was Wittgenstein mit »Sprachspielen« meinte?

All diese Fragen rühren an die Struktur deiner Motivation, noch bevor es darum geht, wie die eigene Haltung im politischen Spektrum einzuordnen ist. »Korrektes« (Sprach-)Verhalten ist im Grunde jenseits von »Rechts« und »Links« im politischen Spektrum. Die Gleichschaltung des individuellen Ausdrucks mit der Begründung, andere unter keinen Umstäden zu verletzen hat das Ziel, dass alle sich so benehmen, wie es der herrschenden Norm entspricht. Als Mitglieder einer Zivilgesellschaft muss es möglich sein, die Machtverhältnisse und manipulativen Aspekte von Sprache anzusprechen, ohne in ein politisches Lager gesteckt zu werden.

Jordan Peterson auf einer Kundgebung
zum Thema 'free speech' im Oktober 2016
(Foto: Wikipedia)
Jordan Peterson auf einer Kundgebung
zum Thema ‚free speech‘ im Oktober 2016
(Foto: Wikipedia)

Vergessen wir nicht, woher der Begriff der »Korrektheit« stammt und zu welchem Zweck er zum ersten Mal in politischen Kreisen verwendet wurde: Nationalsozialisten haben das Verhalten des reinen Ariers als »korrekt« definiert. Jeder, der sich anders als »korrekt« verhält – und dies lag damals wie heute im Ermessen der urteilenden Person – musste dafür bezahlen. Nach den Faschisten wurde der Begriff von den Emanzipationsbestrebungen der 68er (Studentenkreise, Progressive, Frauenrechte, »Das Private ist politisch« etc.) und dann von der Agenda der politischen Rechten vereinnahmt.

I was trying to solve this terrible puzzle about how it was that human beings got themselves in such a tangle about what they believed; such a tangle that we were pointing the ultimate weapons of destruction at one another.
And it seemed to me that the proper solution to that was to live properly, as an individual.
Because you are more powerful than you think.
Way more powerful than you think.

JORDAN PETERSON

Entweder – Oder

Die Frage, »auf welcher Seite stehst Du?« ergibt sich aus folgender Betrachtung: Der Begriff »politische Korrektheit« kann Unterschiedliches bedeuten, je nachdem von wem und in welchem Kontext er verwendet wird.

Auf der einen Seite wollen Minderheiten und unterstützende Solidaritätsgruppen, dass die Wahrung ihrer Interessen gesichert ist. Ihr Ziel ist es, dass moralische Codices innerhalb der Gesellschaft eingehalten und Kritik am momentanen Sprachgebrauch möglich ist. Sie rufen: »Diskriminierung!« Auf der anderen Seite wird »politische Korrektheit« als politischer Kampfbegriff der populistischen Rechten eingesetzt, um vor der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten zu warnen. Sie kritisieren die Bemühungen um Sprachänderungen, unterstellen den Verfechtern »Zensur« und rufen laut: »Ihr wollt uns unsere Sprache verbieten und unser Denken manipulieren!« Darauf wiederum die Kritiker der Kritiker: »Ihr wollt uns unsere Geschlechtszugehörigkeit diktieren und uns in ein binäres System hineinpressen!«

Beide Seiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich sehr stark mit der Gruppe identifizieren. Die Ursachen und Auswirkungen von Gruppenidentität und politischen Ideologien sind jene Themen, mit denen sich Jordan Peterson seit seiner Jugend in den 1970er Jahren intensiv beschäftigt. Und was er sieht: Wie in der Vergangenheit so oft geschehen werden die von der eigenen Haltung abweichenden Meinungen ins gegenüberliegende Extrem manövriert. Extremistisch sind immer die Anderen. Die Feinde. Die Gegner. Und wie so oft wird dem Anderen vorgeworfen, was man selbst tut.

Dabei wird übersehen, dass die Sprache als Instrument der Verständigung zunehmend versagt, wenn immer mehr Verbote und Regelungen verankert werden. Schlimmer noch: Sprache verwandelt sich zusehends in ein Propagandainstrument autoritärer Systeme. Genau das wollen die Minderheiten nicht. Sie wünschen sich eine Welt, in der sie wahrgenommen und respektiert werden. Doch indem per Gesetz vorgeschrieben wird, in das Sprachkorsett des Englischen Änderungen einzuführen, die sie berücksichtigen, wird ein weiterer Schritt in Richtung totalitärer Systeme gesetzt. Unter diesen Umständen wird der tägliche Sprachgebrauch durch die Euphemismus-Tretmühle (Slavoj Žižek) behindert. Die tatsächlichen Ursachen von Rassismus und Sexismus können laut Žižek nicht allein durch Sprachpolitik überwunden werden; mehr noch: sie sei ein Mittel um tiefgreifende Veränderungen zu erschweren. An Universitäten und Schulen wird es zunehmend schwieriger, über bestimmte Sachverhalte offen zu diskutieren, ohne dass sich diese oder dieses Individuum als Mitglied einer Gruppierung zurückgesetzt oder angegriffen oder verletzt oder missverstanden oder ignoriert oder übergangen oder nicht-respektiert »fühlt«.

Übernimm Verantwortung für deine persönliche Art und Weise, die Welt wahrzunehmen

Wer hat die Definitionsmacht?

Ein wesentlicher Aspekt des Diskurses ist die Frage nach der Definitionsmacht. Erinnern wir uns an »Black Power«, »I‘m a loser baby« – die Möglichkeit, sich ursprünglich negativ konnotierte Begriffe anzueignen, kreativ für die eigenen Zwecke zu nutzen und zunächst innerhalb der Minderheitengruppierung (Judn kinnan witzln iva KZs) bzw. Subkultur (»all my niggaz in da house yo!«) und schließlich auch bei der breiten Bevölkerung zu einer Bedeutungsverschiebung und positiv konnotierten Verwendung des Begriffs zu gelangen, waren und sind nach wie vor gegeben. Statt andere dazu bringen zu wollen, etwas nicht mehr zu sagen, weil es »absichtlich oder unabsichtlich« die Gefühle anderer Menschen verletzt, gleicht dem Versuch, die ganze Welt von Dornen, Stacheln und spitzen Steinen zu befreien – besser ist es, Schuhe zu tragen, und das bedeutet eben, die Definitionsmacht an sich zu nehmen.

Ein Kommentar zu “Sprachpolitik und Transformation im 21. Jahrhundert

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