Seinsvergessenheit

Ich könnte wie Carl Amery Briefe an den Reichtum schreiben. Ich könnte über die maßlose Gier der kurzsichtigen Profiteure schreiben, die die Umwelt rücksichtslos zerstören, solange für sie dabei etwas herausspringt. Über die Unfähigkeit der Politik, mehr zu sein als eine Institution zur Fortschreibung herrschender Zustände. Über die aktuellen Regierungsmaßnahmen und deren ökonomische und soziale Folgen. Über…
Moment mal. Es ist mir doch stets ein Anliegen, auf die Ursachen zu sprechen zu kommen. Deshalb schreibe ich heute über die Unwissenheit bezüglich einer menschlichen Überzeugung – einer Überzeugung, welche die eben erwähnten Symptome in Gesellschaft, Kultur und Umwelt hervorruft.

Was könnte wichtiger sein als jene so selten hinterfragte Überzeugung kritisch zu überprüfen, die an der Wurzel unserer Wahrnehmung liegt? Genauer: Woran glauben wir, wenn wir die Welt als entfremdet, die Gesellschaft als von unserem Selbst abgespalten wahrnehmen? Worin liegt der Ursprung unserer polarisierten Welt-Anschauung, wenn nicht in unseren eigenen Vor-Stellungen? Liegt nicht die Bedeutung jeder Krise in dir selbst? Was könnte dem Dasein, dem Leben und der Welt Bedeutung und Sinn verleihen, wenn nicht Du?


Von Normalität zur Norm
zur Normativität

It is no measure of health to be well adjusted
to a profoundly sick society.

JIDDU KRISHNAMURTI

Was ist schon normal? Normal ist was den eigenen Gewohnheiten entspricht. Alle Gewohnheiten im privaten und öffentlichen Leben nehmen mit der Zeit normativen Charakter an, mit anderen Worten: der Mensch hängt an Gewohnheit, ist ein Gewohnheitstier. Wir kennen das vom Gewohnheitsrecht, wenn Ansprüche gestellt werden, wo solche nie vereinbart worden sind. Wir wähnen uns im Recht, wenn wir etwas bekommen haben, und werden unmutig, wenn uns dies auf einmal vorenthalten wird. Wir verlangen nach Begründungen. Doch als wir es zuvor einfach grundlos erhalten haben, wo waren da die Fragen nach Begründungen? Wir waren dankbar (vielleicht) und sind nach einer Weile davon ausgegangen, dass es uns zusteht. Sei es die Zuneigung des Partners, das scheinbar sichere Einkommen oder der ohne Mucks anspringende und fortan schnurrende Motor des Privatautos: wir gewöhnen uns daran, entwickeln einen Habitus.

Warum hängen wir Menschen so sehr an Gewohnheiten? Ich nehme an, dass die menschliche Gewohnheit, sich so schnell an etwas zu gewöhnen, sich dadurch ergibt, dass Gewohnheiten eng mit der persönlichen Identität oder/und Gruppen-Identität verwoben sind und deshalb ganz entscheidend mitbestimmen, wie wir uns selbst sehen und uns anderen gegenüber darstellen. Sie sind so sehr Teil von uns, dass die gewohnten Vorlieben und Abneigungen geradezu ausmachen, wer wir zu sein glauben. Wer erinnert sich nicht daran, dass wir bereits als Kind eingeschult und konditioniert wurden: »Mein Name ist…« »Ich mag…« »Ich mag nicht…« »Mein Lieblings… « Das ist natürlich harmlos, wenn im Laufe des Lebens eine Ent-Schul(d)ung und De-Konditionierung stattfindet, die dieses Level der eigenen Seinsweise relativiert. Doch was passiert stattdessen? Im Laufe der Jahrzehnte wird der Wirklichkeit ein persönliches Rezept vorgeschrieben wie sie zu sein hat, damit sie den eigenen Gewohnheiten entspricht. Statt die eigene Sichtweise zu ändern, versuchen Menschen krampfhaft, die äußere Erscheinungswelt so zu einzurichten, dass sie »richtig« ist, d.h. den eigenen Bedürfnissen entspricht. Das ist klarerweise ein endloses Unterfangen.

Manche gehen schließlich bis zu dem Punkt, an dem sie vorgeben, die Wirklichkeit sei so wie sie sie sehen wollen. Bis zu dem Punkt, an dem man die Wirklichkeit schließlich so dekodiert, interpretiert und abgebildet wird, wie man sie zu sehen vorgibt. Subjektiv gesehen scheint dann alles im Lot, solange sich nur »die Anderen« danach richten – l’enfer, c’est pas les autres! – Tatsache ist, dass der Prozess der Entfremdung sich mit jeder weiteren Fehlinterpretation fortsetzt und die eigene Sichtweise als unumstößlich, endgültig, und am Schlimmsten: als wahr proklamiert wird. Da lob‘ ich mir Robert Anton Wilsons maybe logic.

Es ist kaum zu überschätzen, wie eng Gewohnheiten mit Identitäten verzahnt sind und wie stark Identität und Weltsicht zusammen entstehen. Diejenigen, die darauf aufmerksam machen, dass die menschliche Wahrnehmung unzulänglich ist und von falschen Voraussetzungen ausgeht; dass wir wissenschaftlichen Beweisen nicht blinden Glauben schenken dürfen, weil diese »Beweise« interessegeleitet sind und ohnehin nur bis zur nächsten Falsifizierung gelten; dass scheinbare Gegensätze wie Markt und Staat, Mann und Frau, Religion und Wissenschaft, gemeinsam entstehen und vergehen; dass Namen nicht die Dinge sind, sondern eben bloß Bezeichnungen für Dinge; werden als ver-rückt bezeichnet. Manchmal auch als Philosophen belächelt. Wie Jiddu Krishnamurti sagt: Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine zutiefst kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.

VERSTÄNDNIS BEDEUTET VERWANDLUNG

2 Kommentare zu „Seinsvergessenheit

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