Wahrnehmung als Rückkopplungsschleife

Erkenntnistheorie beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie wir erkennen. Um eine Erfahrung zu machen braucht es Kontakt der Sinnesorgane mit sinnlich wahrnehmbaren Objekten. Um eine bewusste Erfahrung zu machen, muss ein dem Sinn entsprechendes Bewusstsein vorhanden sein – auch wenn sowohl Auge als auch Objekt vorhanden sind, ich selbst jedoch mit der Aufmerksamkeit abwesend bin, findet kein Sehen statt. Was meine Sinne aufnehmen an Eindrücken, wird anhand der bereits verarbeiteten Informationen in die eigene Weltsicht integriert.

Beobachtung ist die Aufnahme von roher Information. Ohne anschließendes – beinahe augenblickliches – Dekodieren der Information gemäß unserer übernommenen Wertvorstellungen und Glaubenssätze sowieder durch diese mit bedingten identitätsstiftenden Vorlieben und Abneigungen findet keine Bewertung statt. Ohne Bewertung weiß der Mensch nicht, was mit einer Information zu tun ist. Sie wird also entweder schnell wieder vergessen oder unreflektiert weitergegeben. Ersteres ist meines Erachtens weit weniger gefährlich.

Kurzum: Es braucht die Interpretation, um einer aufgenommenen Information Bedeutung zu verleihen. Und welche Bedeutung ein bestimmter Inhalt erhält, liegt nicht im Inhalt begründet, sondern in der Natur des Empfängers, seinen Einstellungen, Vorbehalten, Neigungen, Abneigungen, Abhängigkeiten, Gewohnheiten, Ideen, Meinungen, Konzepten, Kapazitäten… all den individuellen Eigenheiten, die den persönlichen Charakter und damit die Wahrnehmungsweise bestimmen. Wie wir wahrnehmen bestimmt unsere Erfahrung.

If you want to change someone’s behavior, easier than altering their motivation or changing their actual environment is altering their perception of reality.

TIM URBAN, waitbutwhy.com

GLAUBENSSÄTZE
+Wertesystem +Motivationsstruktur

WAHRNEHMUNG

+Urteil über gut/schlecht, richtig/falsch

ERFAHRUNG

=angenehm/unangenehm/neutral

VERHALTEN

Die Tatsache, dass jemand ein Buch oder eine Zeitung mit der nötigen Aufmerksamkeit liest, um den Sätzen ihren sprachlichen Sinn zu entnehmen, bewirkt, dass Informationen aufgenommen werden. Die Wahrnehmungsweise des Individuums bestimmt, was diese Information bedeutet. Ebenso beeinflussen die Überzeugungen des Menschen, ob einer Information Glauben geschenkt wird. Die Auffassungen und Meinungen sind so unterschiedlich, dass eine Information entgegengesetzte Bedeutungen erhalten kann, je nachdem wer sie mit welcher Geisteshaltung liest. Ich spreche von der Gesamtheit jener Phänomene, die in Kognitionswissenschaften und Soziologie unter der Bezeichnung Kognitive Verzerrung bekannt sind und zur irrigen Annahme verleiten, etwas stünde fest und sei gewiss so wie man es auffasst, wenn in Wirklichkeit die eigene Art der Wahrnehmung dafür verantwortlich ist, dass bestimmte Informationen verschieden gewichtet werden, manche ignoriert, andere als unumstößlich gelten usw. usf. Das Feld kognitiver Verzerrungen, zu dem Bestätigungstendenz, kognitive Dissonanz, selektive Wahrnehmung, selbsterfüllende Prophezeiung, Motivated Reasoning u.v.m. gehören, ist geradezu unüberschaubar. Paul Watzlawick fragte daher ganz zu Recht: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“

Eine Person, die a) an eine Natur des Menschen glaubt und b) davon überzeugt ist, dass diese menschliche Natur gut ist, wird von der wohlmeinenden Absicht anderer Menschen eher ausgehen als ein Verfechter des homo homini lupus – Satzes.

„Der Mensch ist dem Menschen wohlgesinnt.“

Eine Person, die dieses Menschenbild verantwortet, wird eher geneigt sein miteinander zu teilen. Dadurch wird sie nach und nach eine Natur des Teilens entfalten. Auch wenn sie hin und wieder ent-täuscht wird, bedeutet das keineswegs, ihren Mut zu verlieren. Sie wird weiterhin teilen und im Lauf des Lebens erkennen, dass darin etwas zutiefst Menschliches liegt und dass es im Endeffekt immer mehr um die innere Haltung des Teilens geht, um die Kultivierung des eigenen Geistes und damit einhergehend die schrittweise Etablierung einer Kultur des Gebens und Schenkens.

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“

Ein Vertreter der Auffassung, die anderen Menschen seien Wölfe und es ginge in erster Linie darum, die eigene Haut zu retten, lebt in einer anderen Welt, die sich durch eine Kultur des Nehmens auszeichnet.1 Diese Person wird andere verdächtigen, auf deren Vorteil bedacht zu sein, und wird selten bemerken, dass diese Geisteshaltung ihre eigenen Vorannahmen (R.G. Collingwood nennt sie absolute Präsuppositionen) im Laufe der Welterfahrung mehr und mehr bestätigt.

So kommt es schließlich, dass je nach Interessenlage und Weltsicht der Aufruf zu einem Systemwandel im Sinne einer persönlichen Transformation vom einen als „realistisch“, vom nächsten „naiv“, vom anderen als „visionär“, von diesem vielleicht als „utopisch“ und von jenem als „illusorisch“ eingestuft wird. Und das Witzige daran: Alle werden von sich selbst aus betrachtet Recht behalten – denn die eigene Wahrnehmung fungiert als Rückkopplungsschleife der eigenen Geisteshaltung.

Was wir in der Welt erkennen ist genau das, was unserer Art der Wahrnehmung entspringt. Die Welt ist Spiegel. Die Wahrnehmung dieser Welt eine selbst erfüllende Prophezeiung, deren Qualität und Charakter sich stets der eigenen Geisteshaltung angleicht. Solange wir nicht imstande sind, die Perspektive zu wechseln, wird auch die Abbildung unserer Welt so bleiben wie sie ist, weil wir stets den gleichen uralten Code verwenden, um die 10000 Dinge zu dechiffrieren, die Kontakt mit unseren Sinnen herstellen – und dazu gehört auch das Gehirn als Organ des Denk-Sinns.

Um zu verstehen, was damit gemeint ist, muss das materialistische Weltbild hinterfragt werden und stattdessen alle Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmung gelegt werden. Die gesammelte Aufmerksamkeit muss der Erfahrung der Erfahrung gewidmet sein. Dann erst gewinnt die Welt als Spiegel an Bedeutung.


1 Daniel Quinn hat in seinen faszinierenden Werken Ishmael und My Ishmael die grundsätzlichen Unterschiede einer Kultur des Gebens und einer Kultur des Nehmens beschrieben.

2 Kommentare zu „Wahrnehmung als Rückkopplungsschleife

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