Geschichtsvergessenheit

Persönliche Überzeugungen und gesellschaftliche Übereinkünfte lassen sich mit zunehmendem Alter immer schwieriger voneinander trennen. Sie entstehen in Abhängigkeit voneinander und beeinflussen einander. Es ist fraglich, wie eigen denn tatsächlich die eigenen Überzeugungen sind – entstehen doch bereits eine ganze Menge von Ansichten und Meinungen, auf denen unser alltägliches Leben basiert, durch Gruppendruck, soziale Meinungsblasen und Ausschlussmechanismen. Ich spreche natürlich von dem, was wir gewöhnlich Kultur nennen. Als Fundament der gegenwärtigen Kultur sehe ich eine allgemeine Abmachung: Geld.

Lass uns gemeinsam eine selten hinterfragte Überzeugung, die an der Wurzel unserer weltlichen Anstrengungen liegt, kritisch überprüfen. Woher rühren denn Argwohn und Misstrauen, sobald es um Geld geht? Glauben wir, dass das Leben etwas ist, das es zu »bewältigen« gilt? Wie formt sich eine Weltanschauung, wenn nicht auf Grundlage von Überzeugungen, Vorstellungen, Ideen? Und all die Ideen, wo kommen die her? Was machst du mit ihnen, und was machen sie mit dir? Sind »Geld« und »Schulden« vielleicht auch nur Ideen?

You’re just a part of it
So get to the heart of it
‚Cause if you don’t go
You won’t know

Die Macht der Schulden

Was sind Schulden denn überhaupt? Sie sind nichts weiter als die Perversion eines Versprechens, das von der Mathematik und der Gewalt verfälscht wurde. Wenn wirkliche Freiheit darin besteht, Freundschaften zu schließen, so umfasst sie zwangsläufig auch die Fähigkeit, wirkliche Versprechen abzugeben. Welche Art von Versprechen könnten wirklich freie Menschen einander geben? Heute sind wir nicht einmal in der Lage, diese Frage zu beantworten. Wir müssen erst einmal die Fähigkeit entwickeln, herauszufinden, wie solche Versprechen aussehen könnten. Wir müssen uns nur Folgendes bewusst machen: Niemand hat das Recht, uns zu sagen, was wir wirklich schulden. Niemand hat das Recht, uns zu sagen, was wir wirklich wert sind.

David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre (2014), S. 496

Über Geldnot zu klagen und Schulden als Geißel der Menschheit zu bezeichnen scheint das Los vieler Menschen zu sein. Tatsache ist, dass der Großteil der Bevölkerung Geld nicht als Tauschmittel ge-braucht. Viel eher wird die persönliche Wahrnehmung durch die Vorstellung regiert, dass wir Geld zum Leben brauchen. Daraus folgt, dass ein Leben ohne Geld zu Ende wäre, und wenn es nicht zu Ende wäre, dann wäre es zumindest ein Leben, das nicht lebenswert wäre.

Wer ehrlich mit sich selbst ist, muss wohl oder übel eingestehen: Die Angst ohne Geld dazustehen ist fast schon gleichbedeutend damit, dass das eigentliche Leben zu Ende ist und dass fortan eine Existenz in Mühsal, Elend und Abhängigkeit gefristet wird. Doch wie sieht das Leben für viele Menschen heutzutage aus? Besteht es nicht für viele aus Mühsal, Elend und Abhängigkeit von dieser mysteriösen Sache namens »Geld«? Besteht nicht das, was allgemein »Leben« genannt wird, zu großen Teilen aus Hegemonie… Monogamie… Monotonie… und dem Befolgen der entsprechenden Dogmen eines programmierten Bewusstseins, oder sollte ich sagen: einer programmierten Bewusstlosigkeit?

Wie funktioniert Geld? Es ist für alles Nützliche einsetzbar, eben weil es selbst keinen Nutzen hat. Im kollektiven Bewusstsein wird Geld als ungeheuer komplexe Materie aufgefasst. Wie die Juristerei ist für die Mehrheit der Bevölkerung die Geldwirtschaft ein Buch mit sieben Siegeln. Eine kurze Analogie aus dem IT-Bereich möge zur Veranschaulichung dienen. Es ist für einen Benutzer (user/consumer) vollkommen ausreichend, Geld zu verdienen und auszugeben. Die Macht zu entscheiden, was Benutzern erlaubt ist und was nicht, liegt bei den Entwicklern (developer/banker). Worin sich alle Benutzer ähnlich sind, ist ihre Einstellung, dass die Zusammenhänge unheimlich kompliziert sind und es geradezu an Magie grenzt, das Ganze im Überblick zu behalten. Was aber, wenn Geld in Wirklichkeit etwas ist, an das wir alle glauben, damit es zum Fundament eines Systems werden kann, dass die Ausbeutung des Menschen durch Menschen ermöglicht?

Es ist eines der schmutzigen Geheimnisse der Zivilisation, dass sie auf der systematischen Einführung der Sklaverei beruht.

Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine, 2015, S. 17

Wir sind es, die dem Geld Wert zuschreiben. Geld an sich ist wertfrei. Geld ist kein Allheilmittel und es ist auch nicht die Wurzel alles Bösen (auch wenn ich Horace Andy mag). Zugleich dient Geld zweifellos als Grundlage eines Systems, das auf Ausbeutung, Sklaverei und Krieg basiert. Zu vieles, was heute getan wird für Geld, dient einigen wenigen Menschen und schadet unzähligen Wesen. Der Raubbau am Planeten wird durch unseren Glauben an Geld aufrechterhalten, einfach weil wir für Geld Dinge tun, die wir sonst niemals tun würden.

Die Parallelen zu einem Glaubenssystem in der Tat verblüffend.

  • Im heutigen Finanzwesen finden sich „Gläubiger“
  • Es werden „Kredite“ vergeben (lat. credo=ich glaube)
  • „Vater“ Staat hat das unumschränkte Monopol der „Geldschöpfung“
  • Es kann in einem Staat nur eine einzelne Währung geben, so wie es nur einen Gott geben darf.
  • Geld wird von einer zentralen Stelle ausgegeben und über die Banken (Priester) verteilt.
  • Steuerschulden müssen in der ausgegebenen Währung beglichen werden.
  • Während sich Ökonomen um genaue Begriffsklärungen bemühen und Staatschefs für Ordnung im Staatshaushalt sorgen, wird der Gesamtzusammenhang und dessen Ähnlichkeit mit einer religiösen Überzeugung übersehen bzw. ignoriert.
  • So wie jede Religion hat auch diese ihre Geschichte – ganz so wie die seit der Bronzezeit aus der Erdkruste geschürften Edelmetalle und den daraus geformten Artefakten und Kunstgegenstände, den uniformen Währungseinheiten, die wir als Zahlungsmittel verwenden.

Es gibt indirekte etymologische Hinweise für die herrschende Auffassung, dass der Mensch schuldig geboren sei. Anders gesagt: es ist möglich, durch sprachliche Konventionen darauf hinzuweisen, dass Menschen in dem Glauben gehalten wurden, sie seien von Geburt an mit einer Art »Ur-Schuld« belastet.

In allen indoeuropäischen Sprachen sind die Wörter für »Schulden« synonym mit »Sünde« und »Schuld«, was die Verbindungen zwischen Religion und Bezahlung und die Funktion von »Geld« illustriert, zwischen dem heiligen und dem profanen Bereich zu vermitteln. Zum Beispiel gibt es einen Zusammenhang zwischen dem deutschen Wort Geld, dem altenglischen Geild, das Entschädigung oder Opfer bedeutet, dem gotischen Gild für Steuer und natürlich dem heutigen englischen Wort guilt [Schuld im moralischen Sinn].

David Graeber: Schulden (2014), S. 77 (Graeber zitiert Geoffrey Ingham, der Michael Hudson zitiert, der sich wiederum auf ein Argument von Phillip Grierson’s The Origins of Money, 1977, bezieht.)

Schulden müssen beglichen werden – so lautet die unumstößliche Überzeugung fast aller Menschen. Dabei ist dies gar nicht der Fall, genauer: dieses Credo gilt nicht für alle. Die zu Grunde liegende Ideologie von Schuld und Schuldentilgung bzw. von Sünde und Sühne haben wir im Zuge der Sozialisierung und Aufnahme in die Kultur unserer Gesellschaft aufgesaugt. Sie war Teil unserer Konditionierung, die wie so vieles im Leben ist: a mixed package. Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Schuld. Da ist die ewig uneinbringliche Schuld gegenüber den leiblichen Eltern bzw. Vorfahren. Wir alle kennen Schuldgefühle aufgrund begangener Taten oder gesprochener Worte. Schließlich gibt es die unserer abendländisch-christlichen Kultur eigentümliche Schuld im Sinne der katholischen Kirche – du weißt schon, die berühmte Geschichte mit Adam und Eva und deren Vertreibung aus dem Paradies eines Daseins in Unschuld und Unkenntnis.

Wo auch der Ursprung von Schuld liegen mag, im kollektiven Bewusstsein der Menschheit ist auch das Schuld-Bewusstsein tief verankert. Dass es in der 5000-jährigen Geschichte immer wieder zu verzweifelten Aufständen kam mit dem Ziel, vom Joch der Schuld befreit zu werden, ist nicht verwunderlich. Seit Jahrtausenden war die Grundabsicht von Revolten die Vernichtung der Schuldenregister – ein Hinweis auf das immense Machtpotenzial der Schrift, deren „primäre Funktion“ Claude Lévi-Strauss zufolge darin besteht, „die Versklavung anderer Menschen zu erleichtern“.1 Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen waren – richtig geraten – Bestandslisten und Schuldverzeichnisse, die von den Schriftführern bzw. Schreibern der Tempelanlagen aufgenommen wurden. Heutzutage sind wir im Jahr 2020 n.Chr. angekommen: Wer kann sich denn vorstellen – kannst du dir vorstellen, die Forderung zu stellen, dass alle Schulden erlassen werden?

Ich habe den Eindruck, ein Ablassjahr nach biblischem Vorbild ist überfällig, für Staatsschulden wie für Konsumschulden. Ein genereller Schuldenerlass wäre nicht nur heilsam, weil er menschliches Leid lindern könnte. Er riefe uns auch in Erinnerung, dass Geld nichts Geheimnisvoll-Unvergleichliches ist und dass das Begleichen von Schulden nicht das Wesen der Sittlichkeit ausmacht.

All diese Vorstellungen sind menschliche Erfindungen, und in einer richtigen Demokratie hätten alle Menschen die Möglichkeit, ihre Gesellschaft anders zu organisieren.

Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre (2014), S. 495

Ist es Zufall, dass der weltweit größte Schuldner sich als Weltrichter gebährt, der die effektive Rückzahlung von Schulden anderer fordert und zugleich die eigenen Schulden monetarisiert? Das heißt: mit Hilfe von eigens erschaffenem Kreditgeld werden Staatsanleihen erworben. Neues Geld wird somit aus Nichts erschaffen. Physische, strukturelle und ideologische Macht ebneten seit jeher den Weg für Könige, Feudalherren und multinationale Konzerne, den Rest der Menschheit in Schuldknechtschaft bzw. moderner Lohnsklaverei zu halten. Das alte Motto gilt immer noch: Quod licet Iovi non licet bovi. Was dem Gott Jupiter, dem kaiserlichen Regenten, dem absoluten Herrscher erlaubt ist, das ist dem Vieh, dem Fußvolk, dem Normalsterblichen verboten. Eben: Geld aus Nichts erschaffen und damit die eigenen Schulden bezahlen. Und damit nicht genug. Um dem hegemonialen Machtgehabe die Krone aufzusetzen, ist der weltweit größte Schuldner zugleich jener Richter, der all die anderen Schuldnerstaaten mit verschiedenen Druckmitteln (Bretton Woods, IMF, World Bank, economic hitmen, military intervention) dazu nötigt, ihre Schulden zu begleichen. Die Vereinigten Staaten von Amerika hätten von einem generellen Schuldenerlass überhaupt nichts – im Gegenteil: ihre Gläubigeransprüche an die Verdammten dieser Erde würden für null und nichtig erklärt! Zugleich wäre es eine Gelegenheit, mit dem in immer kürzeren Intervallen von Krisen heimgesuchten Fiatgeld-System und der potenziell unendlichen Anhäufung von Staatsschulden reinen Tisch zu machen.

Wie erwähnt lag einer Vielzahl von Volksaufständen und Bauernrevolten die Forderung nach einem allgemeinen Schuldenerlass und der Ruf nach Freiheit von Schuldknechtschaft und Sklaverei zugrunde. Das Mittelalter war geprägt von erbitterten Rechtsstreitigkeiten zwischen Bauern und Grundherren. Der erste generelle Schuldenerlass jedoch fand bereits im Jahr 2400 v. Chr. unter König Enmetena von Lagasch statt. Dies war zugleich „das erste Mal in der Geschichte, dass das Wort »Freiheit« in einem politischen Dokument auftaucht.“2 Bezeichnend ist, dass das sumerische Wort für Freiheit amargi wörtlich übersetzt etwa „zurückkehren zur Mutter“ bedeutet. Denn das war es, was sumerische und babylonische Könige durch das Dekret der »tabula rasa«, d.h. durch eine Generalamnestie aller Konsumschulden, den Schuldknechten erlaubten.

Der Anarchist, Ökonom und Vordenker der Occupy-Bewegung David Graeber zeichnet in seinem äußerst lesenswerten Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre die ökonomischen und sozialen Entwicklungen in Mesopotamien (3500 – 800 v.Chr.), Ägypten (2650 – 716 v.Chr.) und China (2200 – 771 v.Chr.) nach. Graeber erläutert ausführlich, in welch engem Zusammenhang Schulden, Sklaverei und Krieg stehen. Er spannt dabei den Bogen von der Antike und der nach Jaspers benannten Achsenzeit (800 v.Chr. – 600 n.Chr.) über das Mittelalter (600 – 1450 n.Chr.), das keineswegs so dunkel und grausam war wie in den Schulbüchern und in den Köpfen der meisten Menschen oft vorgestellt wird, bis hin zum Zeitalter der kapitalistischen Imperien (1450-1971).

Woher nur diese Spiegelung wie beim Phasendreher
Dass der Sklave nicht mehr frei sein will sondern Sklavenaufseher
Auf dass sich jeder verkriecht und das Klagen fällt schwer
Bis jedes Individuum verdaut ist im Magen des Datenmeer

Staat und Markt

Die beliebte Gegenüberstellung von Staat und »freiem Markt« ist eine Fiktion, die mit der geschichtlichen Wirklichkeit nichts zu tun hat.

Fabian Scheidler, Die Megamaschine (2015), S. 7

In jedem sozialen Gefüge wird eine Geschichte erzählt, ein Mythos. Auf diese Weise wird eine Welt erschaffen, die sich von der tatsächlichen Welt abgrenzt. Es ist eine Welt, die im Kopf Form annimmt und beeinflusst wie unsere Sinne funktionieren. Die Botschaft des modernen Mythos besteht im Glauben, dass wir Geld besitzen können.

In Wirklichkeit wird Geld von einer zentralen Stelle (Notenbank) gedruckt und einer staatlichen Autorität mit Gewaltmonopol geliehen. Von Banken wird in digitaler Form Kredit erschaffen – im 21. Jahrhundert symbolisieren Zahlen auf einem Bildschirm Einträge im Buch des Lebens und bestimmen, wer zum Reich der Auserwählten und wer zu den Verworfenen, den losern gehört.

Was Slumbewohner und Aufsteiger voneinander scheidet, sind Ziffern, die in der zeitgenössischen Variante des Lebensbuches verzeichnet sind: dem Konto.

Fabian Scheidler, Die Megamaschine (2015), S. 38

Bis zum Jahr 1971 war das ausgegebene Geld durch die entsprechende Menge an Goldvorräten gedeckt. Ab diesem Zeitpunkt wurde Fiatgeld gedruckt und später in digitaler Form erschaffen. Dieses ungedeckte Fiatgeld, das seine Gültigkeit allein der Macht des Staates verdankt, wurde und wird bis heute dazu verwendet, die Staatsschulden zu begleichen. Auf diese Weise kann der Staat sich immer mehr verschulden, und immer mehr Geld erschaffen, mit dem diese Schulden getilgt werden. Wo beginnt die Schuld – wo beginnt das Geld? Wir haben es mit einem potenziell ewigen Kreislauf des globalen Mammon zu tun, der die Menschheit in kontinuierlicher Schuldsklaverei hält. Denn Schulden müssen seit jeher in der von der staatlichen Auorität nominierten und herausgegebenen Währung entrichtet werden. Dafür sorgen Bankengesetz und Staatsgewalt.

Auf diesem Kreislauf basiert auch im 21. Jahrhundert der Militär-Geld-Sklaverei-Komplex.3 Und gesprengt, gebohrt und geschürft wird nicht mehr in erster Linie um Gold und Silber für die Münzprägung zu gewinnen, sondern Tantal, Coltan, Kupfer und Palladium um die neueste Version von smart phones (for dumb people?) herzustellen.

Geldwirtschaft ist kein Wunder und kein Naturgesetz. Den natürlichen Tauschhandel, so wie ihn Adam Smith sich im stillen Kämmerlein ausgemalt hat, hat es so niemals gegeben. Sein berühmtes Beispiel für die Arbeitsteilung hat er scheinbar vom persischen Gelehrten Ibn-Muhammad al-Ghazali (1058-1111) abgeschrieben.4 Und doch folgen nach wie vor zeitgenössische Wirtschaftswissenschaftler seinen Prämissen.

Aus anthropologischer Perspektive war Geldwirtschaft zu allen Zeiten mit enormen sozialen Spannungen verbunden und Faktor, der die Gesellschaft zutiefst gespalten und in ihren moralischen Grundsätzen schwer erschüttert hat. Mit der Etablierung des sogenannten »freien Marktes« (der mit wahrer Freiheit ebenso wenig zu tun hat wie die Freiheitliche Partei) und der gebetsmühlenartigen Wiederholung, der Neoliberalismus sei ein Naturgesetz, zu dem es keine von Menschen geschaffene Alternative geben könne, haben sich Vertreter dieses Komplexes gegen Kritik immunisiert. Konzepte einer anderen Wirtschaftsstruktur werden im Keim erstickt. Plädoyers zu einer Rückkehr zum menschlichen Maß werden überhört.5 Der Begriff der Anarchie wird seiner ursprünglichen Bedeutung beraubt, der Begriff der Utopie verzerrt und ins Reich des Unmöglichen abgeschoben.

In den letzten 30 Jahren ist ein Bürokratiemoloch entstanden, der Hoffnungslosigkeit erzeugt und aufrechterhält, eine übermächtige Maschinerie, deren Hauptzweck darin besteht, jede Hoffnung auf eine andere Zukunft zu zerstören. Die Regenten unserer Welt bemühen sich seit den Erhebungen der sechziger und siebziger Jahre sehr, den Menschen jegliche Hoffnung zu rauben, dass soziale Bewegungen durchaus gedeihen und überzeugende Alternativen hervorbringen könnten. Sie wollen unbedingt verhindern, dass der Eindruck entsteht, an den bestehenden Machtverhältnissen könne tatsächlich etwas geändert werden.

Dazu bedarf es eines riesigen Apparats von Armeen, Gefängnissen, Polizeieinheiten, verschiedensten privaten Sicherheitsdiensten und zivilen und militärischen Nachrichtendiensten sowie vielfältiger Propagandamaschinen, welche die Alternativen zumeist nicht direkt angreifen, sondern eine ständige Atmosphäre der Furcht, des chauvinistischen Konformismus und der Verzweiflung erzeugen, in der jeder Gedanke an eine andere Welt wie ein nutzloses Hirngespinst wirkt.

David Graeber: Schuld. Die ersten 5000 Jahre (2014), S. 485

Das Vermächtnis der Wolfsmoral macht es schwierig, als Menschheit an einem Strang zu ziehen, weil wir im Gegenüber nur selten eine Schwester/einen Bruder sehen. Darüber hinaus machen es epistemologische Cartoons (Terence McKenna) recht schwierig, das Eindeutige vom Zweideutigen und das Sein vom Schein zu trennen. Nehmen wir zum Beispiel die schrulligen Ideen, die in einer verängstigten Bevölkerung auftauchen, allzu ernst, dann verstricken wir uns rasch im Dickicht der Meinungen. Es ist für die meisten einfacher zu glauben, dass diese oder jene Gruppe von Menschen oder reptiloiden Hybridwesen oder Familien oder Unternehmen an der Macht sei und die Fäden im Hintergrund ziehe. Es sind die Freimaurer. Die Illuminati. Die Weltbank. Die Bilderberger. Die Rothschilds. Die Archons. Die Annunaki. You name it. Ist es tatsächlich so unvorstellbar, dass niemand die Kontrolle hat?! Oder wagen wir das nicht zu denken?

TERENCE MCKENNA

Geschichtsbewusstsein betrifft also keineswegs nur die äußerlichen Verhältnisse. Zu wissen wann was passiert ist – das ist bloß Information. Echte Einsicht entsteht durch Verankerung im Augenblick, sprich: Gewahrsein bzw. Achtsamkeit und damit einhergehend klares Verständnis. In buddhistischer Terminologie: sati-sampajañña. Dazu gehört auch die regelmäßige Überprüfung gewohnter Sichtweisen. Nur so lässt sich verhindern, dass übernommene Einstellungen oder ideologische Voreingenommenheit deine einzigartige Sicht auf die Wirklichkeit verdecken. Wie Thomas D so schön singt: … deine eingeschränkte Sicht bringt dich vom Licht ab…6

Nur mit sati-sampajañña – Gewahrsein und klares Verstehen – nimmst du die Schatten an der Wand als Abbilder der Projektion wahr und machst dich auf, die Quelle der Emanation zu finden.


1 Claude Lévi-Strauss: Traurige Tropen (1996), S. 294
2 David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre (2014), S. 275
3 op.cit., S. 348
4 op.cit., S. 355. Adam Smith steht damit nicht allein. So ist Descartes‘ cogito ergo sum auf Ibn Sina (Avicenna) zurückzuführen. Humes Postulat der Regularität taucht bereits bei al-Ghazali auf. Die islamische Philosophie hat zweifellos viele Erkenntnisse der europäischen Aufklärung vorweggenommen und vorbereitet.
5 Ernst Friedrich Schumacher: Small is beautiful (1973)
6 Wo ist dein Paradies, Reflektorfalke (2011)


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