Den Garten kultivieren

So wie Pflanzen gewisse Bedingungen brauchen um zu sprießen und zu gedeihen, braucht auch der Mensch bestimmte Bedingungen, um das in ihm schlummernde Potenzial zu aktivieren. Pflanzen brauchen Sonnenlicht, Erde und Wasser. Manche brauchen mehr Sonnenlicht, manche weniger. Manche lieben es im direkten Sonnenbad – und zeigen diese Liebe auch bei Tag und bei Nacht. Andere verkümmern sobald sie direkter Bestrahlung ausgesetzt sind. Auch wieviel Wasser eine bestimmte Pflanze benötigt ist unterschiedlich. Wie durchtränkt soll oder darf die Erde sein? Wie soll die Erde beschaffen sein? Wir Menschen leben auf der Erde. Auch wenn sie an manchen Stellen zubetoniert wird, bahnt sich die Natur doch stets einen Weg ans Licht. Was von Menschenhand installiert und in Stand gehalten wird, bricht die Natur wieder auf sobald die Bemühungen um die Einebnung, Begradigung, Oberflächenregulierung, Nivellierung usw. usf. nur etwas nachlassen. Wir Menschen schaffen uns tagtäglich die Bedingungen, die uns gedeihen oder verkümmern lassen. Natürlich sind Menschen viel komplexer als Pflanzen, natürlich natürlich. Und klar, wer würde schon so weit gehen, Menschen mit Pflanzen zu vergleichen? Das ginge doch wirklich etwas zu weit. Oder?

Zunächst sollte dieser Beitrag vom Thema LOSLASSEN handeln. Doch dann dachte ich mir, was soll’s, schreib einfach mal drauf los. Und lass los von dem geplanten Vorhaben, einen Text zu einem vorbestimmten Thema verfassen zu wollen. Geht es nicht beim Umgang mit dem eignen Leben einfach um das, was gerade ansteht? Um das was gerade in diesem Moment passiert? Und ist es nicht im Umgang mit Sprache genau so? Alles was als Schablone davor geschoben wird, wirkt auch wie eine Schablone. Wir können niemandem wirklich etwas vormachen. Auch nicht uns selbst. Wenn ich mit jemandem spreche, ist es meine Stimme, die wirkt. Der Inhalt mag eine Rolle spielen, doch wie die Stimme die Nachricht moduliert, eben diese Sprach-Melodie bewirkt, was wie ankommt und beim Gegenüber auf taube oder offene Ohren stößt. Und hier schließt sich der Kreis zum Garten. Es ist vielleicht ein Gedankensprung, doch bitte, liebe Leserin, lieber Leser, vollführe ihn mit mir. Ich spreche vom Garten des Geistes, von der Kultivierung des Bewusstsein. Wie wir mit uns selbst sprechen, so sprechen wir im Allgemeinen mit anderen. Sind wir fähig uns selbst anzuhören und in uns zu gehen, um zu sehen, was da vor sich geht? Dann werden wir auch willens und fähig sein, anderen unser Ohr zu leihen. Das andere im besten Falle nach wie vor nach innen gerichtet um den eigenen Körper zu spüren, mit dem ganzen Wesen zuzuhören und im Atemrhythmus mitzudenken. Und wir werden mit der entsprechenden Melodie aufwarten können, die sich auf Grundlage dieser Geistes-Kultur entfaltet.

Die Unterschiede im Pflanzenreich sind so groß wie in der Welt der Menschen: Ein Garten ist stets das Ergebnis von Bemühungen, mit den Bedingungen der Natur die größtmögliche Schönheit, Eleganz und Vielfalt hervorzuzaubern, mit anderen Worten: das in ihr schlummernde Potenzial zu aktivieren. Ich finde mich bei manchen Begegnungen in Gärten wieder, in denen wuchert es nur so von verknöcherten Ideen und fixen Konzepten, man verliert sich vollkommen im Dickicht der Meinungen. Andere Gärten erblühen in kunterbunten Regenbogenspektren und fantastischen Farbenfraktalen, Möglichkeiten ohne Ende.


Die Erfahrung der Erfahrung

Tras el vivir y el soñar,
está lo que más importa:
despertar.

Antonio Machado

Je nachdem inwieweit ein Mensch die Grundlagen geschaffen hat, der eigenen Natur Ausdruck zu verleihen, werden sich Menschen finden, die diesen Ausdruck von Herzen wertschätzen. Denn was sie finden, das lebt seit Jahren im Herzen und harrt des Ausspruchs, der Verwirklichung im Jetzt. Die buddhistische Praxis des Zen besteht darin, sich der eigenen Erfahrung zuzuwenden. Nicht dem Inhalt der sinnlich wahrgenommenen Gegen-Stände. Sondern dem Geschmack der Gegenwart. Im Zen wird der außergewöhnlich gewohnten Erfahrung Mensch zu sein der ihr zustehende Tribut gezollt.

Octavio Paz nennt dies la experiencia de la experiencia. Darauf kommt es an. Als Mensch ist das echte Universum, das wirkliche Leben immer in Reichweite. Unser Unterbewusstsein ist ohne Unterbrechung in Kontakt mit den körperlichen Empfindungen. Alle Institutionen verlangen jedoch, dass Menschen die Erfahrung der direkten Erfahrung vernachlässigen, um sodann verlassen in einer konkurrenzorientierten Welt hierarchisch geordnete Daten über das kommende Wetter oder beliebige Informationsbrocken über andere Teile der Welt aufzunehmen, damit die eigene Welt den Anschein von Ordnung und Sicherheit erweckt. Wie wichtig diese Information auch erscheinen mag, sie geht auf Kosten der direkten Erfahrung mittels der Sinne, die jenseits der ichbeschränkten Sicht im gegenwärtigen Moment stattfindet.

Der Garten des Geistes wird fortan nicht mehr kultiviert, sondern konditioniert, auf maximalen Ertrag zurechtgestutzt. Das Einzige was sich unbegrenzt ausbreiten darf ist das Unkraut der Ideologien und Absolutheitsansprüche. Das ist die Frequenz, auf der dann mit anderen kommuniziert wird. Zuhören funktioniert nur eingeschränkt. Das Wachstum ist auf ein paar Ideen-Töpfe beschränkt. Der Garten Erde wird übersehen. So ist es nun mal. Je tiefer wir uns hineingraben, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir das größere Ganze aus den Augen verlieren. Und wenn es erst mal aus den Augen ist… na, wir wissen ja. Zugleich ist es wahr, dass sich die Welt in einem Sandkorn erkennen lässt… wenn wir nur richtig hinschauen. Tatsächlich dient mit der angemessenen Geisteshaltung ein jeder Anblick dem Erwachen zur Wahrheit.


Die Sache mit der Wahrheit

They say ‚the more you know the more there is to know‘, well yeah, on one level that‘s right. But there‘s another way. The more you know, the more you realize how little there is to actually know to take control of your life and your life experience, and so much of the complexity hides the simple, sparkling truths.

Genius…

This is the misunderstanding of the academic intellectual mind. It perceives understanding complexity as intelligence and cleverness – when genius is seeing the simple hidden by complexity.

David Icke

Ich glaube, Wahrheit und Freiheit entspringen derselben Wurzel. Der Schlüssel zur Freiheit liegt in der Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich und wahrhaftig sind. Normalerweise liegt über der direkten Erfahrung ein identifikatorischer Wahrnehmungsfilter über dem anderen. Die Filter selbst sehen wir nicht, und darin liegt die Ursache vieler Missverständnisse und zwischenmenschlicher Querelen. Würden wir uns öfter mit unserer eigenen Form der Wahrnehmung beschäftigen als mit den dort draußen verorteten und mit Namen belegten Dingen, würden sich viele Aufrufe zu Toleranz und Verständnis erübrigen.

Der Schlüssel zur Freiheit, sagte ich und schrieb es. Doch der Schlüssel dient nur als Metapher. Wir brauchen keinen Schlüssel. Denn die Tür ist nicht verschlossen. Es liegt nur an uns aufzuwachen, aufzustehen und hinzugehen. Sie zu öffnen obliegt uns und hindurchzuschreiten wie eine Königin, ein König, und den Garten des Geistes zu betreten. In Stille. Doch in den meisten Fällen passiert uns dasselbe Malheur wie dem zierlichen Tierchen im Vogelkäfig, das sich in der Tür festkrallt und vergisst, dass es Flügel – unendliches Bewusstsein – gibt und sich diese gar nicht weit entfernt von den Schulterblättern (vom Herzen) befinden.

Suzuki Roshi sagte einmal: Just to be alive is enough. Was sich für manch zweibeiniges Arbeitstier wie ein Affront anhört, ja wie ein Angriff auf die so mühsam zurecht gebastelte Version der eigenen Lebensgeschichte wirken mag, kann vor den wachsamen Sinnen eines Beginnergeistes nicht verbergen, worin des Roshis Absicht lag: Uns aufs Wesentliche aufmerksam zu machen. Statt von Gedanken fortgetragen zu werden wie Löwenzahnschirmchen in der Frühlingsbrise; statt der Vergangenheit nachzujagen wie der streunende Kater seinem verlorenen Mäuschen; statt zukünftigen Ereignissen vorzugreifen und sich dabei vorzustellen: »Dann und dort werde ich diese Form, dieses Gefühl, solch einen Gedanken, solche Dinge haben«; schließlich und endlich statt zu trauern, weil wir das persönliche Glück für ein individuelles Vogerl gehalten haben, das ab und zu, sofern es ihm gefällt, auf unserer Schulter Platz nimmt; statt weiterhin der Vorstellung anzuhängen, dass für das eigene Lebensglück bestimmte oder unbestimmte Personen, Plätze oder Sache notwendig sind; statt sich all dieser Irrwege anzunehmen und sich im Irrgarten der eigenen Gelüste und Abneigungen zu verwirren und zu verirren, erinnert Suzuki Roshi dich und mich an die alles entscheidende Frage: Was muss ich hier und jetzt loslassen, um die Erfahrung von Fülle zu haben, um den Geschmack von Fülle zu genießen?


Der Wert von Geschichten

Unwissenheit ist nicht nur: nicht zu wissen was wahr ist, sondern es ist auch: an die Wahrheit von etwas zu glauben, das nicht wahr ist. Und in der Folge zu behaupten, jeder hätte Anspruch auf seine eigene Wahrheit, und auf diese Weise eine Form des absoluten Relativismus in Bezug auf die Wirklichkeit zu stellen, der darauf hinausläuft, dass niemand wirklich irgendetwas wissen kann bzw. dass wir alle gleichermaßen im Dunkeln tappen. Das ist mit ein Grund, warum Geschichten eine so große Rolle im Leben spielen. Welche Geschichten wir uns selbst über unser Leben erzählen hängt zu einem entscheidenden Teil von der Gruppe ab, in die wir eingeteilt werden: In-/Ausländer, Mittelklasse, Arbeitsloser, Patriot, Pazifist, Nihilist, Anarchist, Systemerhalter, Rebell… ist es nicht so, dass Begriffe wie diese schon eine Vorauswahl über die überhaupt denkbaren Geschichten treffen? Manchmal wird auch deutlich wie sehr die Geschichten auf die Charaktere zugeschnitten sind, die in ihnen die Hauptrolle spielen. Und im eigenen Leben spielt wohl jedefrau und jedermann die Hauptrolle, oder?

Als Bodhidharma einmal vom mächtigen Kaiser gefragt wurde: »Wieviel Verdienst habe ich durch meine Taten erworben?« »Worin besteht die Essenz der höchsten Lehren?« und »Wer bist du?«, besann er sich einen Augenblick und antwortete dann: »Keinen Verdienst.« »Nichts Heiliges. Weite Leere.« und »Ich weiß es nicht.« Gelinde gesagt, der Kaiser war erstaunt. Und um noch eins draufzusetzen, verließ Bodhidharma den Thronsaal und begab sich für neun Jahre in eine Höhle um zu meditieren. Warum?

.innehalten Geist den lässt dieses wie Koan Ein

Wie führe ich mein Leben? Führe ich oder werde ich geführt? Wie sieht der Garten meines Geistes aus – nach 30 Jahren auf der Erde, nach 40 Jahren, nach 50, 60, 70 Jahren? Wirkt er gepflegt? Wirkt er so, als möchtest du gerne zur Entspannung einen Spaziergang machen? Wie viel Raum bietet er? Wie viele Grünschattierungen gibt es? Oder gibt es fast nur schwarz und weiß, richtig und falsch? Gibt es womöglich nur nützliche und unnütze Sträucher und Gräser, nur wichtige und unwichtige Dinge? Können sich die vielen über Jahre hinweg sorgsam gepflegten Gewächse noch immer gut riechen? Oder herrscht ein unüberschaubares Wirrwarr von Überzeugungen, Konzepten und Ideen?

Ist es am Ende vielleicht gar so, dass jener berühmte Geschichtenerzähler, den wir alle seit Kindheitstagen kennen und der uns vom verheißungsvollen Garten Eden berichtet, in Wahrheit von der Kultivierung des eigenen Bewusstsein spricht? Ist am Ende … vielleicht… sogar … das alles hier … nein nein das kann nicht sein… oder doch?

5 Kommentare zu „Den Garten kultivieren

    1. Gute Frage. Koan bedeutet soviel wie „offizieller Fall“ oder „öffentliche Aufzeichnung“ und geht ursprünglich auf die chinesische Tang Dynastie zurück, als Meister die Gespräche verstorbener MEister kommentierten und damit ihren eigenen Anspruch auf den Meistertitel rechtfertigten. Koans haben also eine lange Tradition und werden heutzutage v.a. mit der Rinzai-Schule des Zen-Buddhismus assoziiert.

      Koans weisen auf eine universale Wahrheit hin. Ausgebrütet werden sie zwar durch die eingehende Beschäftigung mit der persönlichen Erfahrung. Die tatsächliche Ausarbeitung erfolgt allerdings in der spontanen Beantwortung in Gegenwart des Meisters. Es heißt, wenn ein Koan gelöst wird, dann ist diese Lösung keine Patent-Lösung. Jeder Adept hat die Aufgabe, den „öffentlichen Diskurs“ um seine durch Meditation gewonnene Einsicht zu erweitern. Er kann und darf sich nicht auf die in privater Versenkung gelösten Antworten anderer verlassen. Damit verweisen Koans auf das Leben selbst: Jeder Mensch hat die Antworten auf die Fragen des Lebens selbst zu finden.

      Anders gesagt: Durch ein unauflösbares Dilemma, eine paradoxe Frage bzw. Geschichte soll der menschliche Intellekt und der problembehaftete/problemlösende Geist transzendiert werden. Im Lauf der Jahrhunderte sind viele Sammlungen von Koans entstanden. Manche sind sehr bekannt: „Hat ein Hund Buddha-Natur?“, „Wie lautet das Klatschen einer Hand?“, „Wie sah dein Gesicht aus, bevor deine Eltern geboren wurden?“

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