Meditation: Konzentration & Achtsamkeit

Wenn heutzutage in einem Gespräch von Meditation die Rede ist, kann vieles gemeint sein. Da der Begriff verschiedenste Methoden bezeichnet und mit unterschiedlichen Traditionen assoziiert wird, fällt es schwer, ihn zu definieren und damit einzugrenzen. Teilweise überlagern sich die Bedeutungen von Reflexion und Kontemplation, von Konzentration und Gewahrsein, sodass im Wort Meditation (fast schon wie der Begriff Religion) eine große Bandbreite an Konnotationen mitschwingt. Für manche bedeutet es, über ausgewählte Ideen und Konzepte intensiv nachzudenken; für andere wiederum, vom Denken schlichtweg abzusehen und sich der Präsenz abseits jeglicher konzeptuellen Vorstellungen zu widmen.

The distinction between ideational versus non-ideational is only one of the many contrasting interpretations of the practices called meditation. Thus, while certain techniques (like those in the Tibetan Tantra) emphasize mental images, others discourage paying attention to any imagery; some involve sense organs and use visual forms (mandalas) or music, and others emphasize a complete withdrawal from the senses; some call for complete inaction, and others involve action (mantra), gestures (mudra), walking, or other activities. Again, some forms of meditation require the summoning up of specific feeling states, while others encourage an indifference beyond the identification with any particular illusion.

Claudio Naranjo & Robert E. Ornstein: On the Psychology of Meditation (1971), p. 7

Hinzu kommt, dass Vertreter moderner Bewusstseinsschulung oft auf ihrer jeweiligen Methode als der einzig wirklich Wirksamen bestehen. Daraus ergeben sich Fragen: Was funktioniert wirklich? Woran kann ich mich orientieren? Worauf lasse ich mich ein? Die Auswahl einer geeigneten Technik bzw. Methode kann somit für Suchende zur Lebensaufgabe werden. Zu Buddhas Zeiten war dies scheinbar nicht anders:

As they sat there, the Kalamas of Kesaputta said to the Blessed One, „Lord, there are some brahmans & contemplatives who come to Kesaputta. They expound & glorify their own doctrines, but as for the doctrines of others, they deprecate them, revile them, show contempt for them, & disparage them. And then other brahmans & contemplatives come to Kesaputta. They expound & glorify their own doctrines, but as for the doctrines of others, they deprecate them, revile them, show contempt for them, & disparage them.

They leave us absolutely uncertain & in doubt: Which of these venerable brahmans & contemplatives are speaking the truth, and which ones are lying?

Kalama Sutta

Was ist Meditation?

Diese Frage stellen sich heutzutage immer mehr Menschen. Es herrscht Verwirrung. Aus diesem Grund sowie wegen der eingangs angesprochenen Methodenvielfalt ist es mir ein Anliegen, zwei grundsätzliche Praktiken der Geistesschulung zu untersuchen – Geistesruhe (śamatha) und Achtsamkeit (sati).

Im Laufe der Zeit werden diese beiden Aspekte der Meditation (bhavana = Übung) miteinander verwoben. Mit zunehmender Erfahrung beeinflusst die Übung den alltäglichen Bewusstseinszustand. Alltag wird Meditation. Meditation wird Alltag. Mit anderen Worten: du führst Aktivitäten wie gehen, sitzen, stehen und liegen mit gleichbleibend starker Konzentration aus. Achtsamkeit übernimmt die Aufgabe, das Nachlassen der Konzentration zu registrieren. Sobald du bemerkst, dass du dich in Hirngespinsten, Phantasien, Vorstellungen, Hoffnungen, Erwartungen usw. verlierst, bewirkt Achtsamkeit, dass du zurückkehrst zum gegenwärtigen Augenblick. Gleichzeitig verstärkt Konzentration den Grad deiner Achtsamkeit, d.h. das Ausmaß und die Intensität der in diesem Moment wahrgenommenen Ereignisse. Je schneller das Bewusstsein taktet, d.h. je höher die Frequenz deiner Schwingung, umso mehr Ereignisse nimmst du mühelos pro Zeiteinheit wahr.

Weniger als auf diese oder jene Form der Technik kommt es vielmehr darauf an, einen offenherzigen Habitus zu entwickeln, also eine Haltung, die sich durch Geistesgegenwart auszeichnet. (Cit bedeutet sowohl Herz als auch Geist. In Pasathai wird „Ich verstehe nicht“ so ausgedrückt: „Es geht nicht in mein Herz ein.“) Für diese herzensoffene Geistesgegenwärtigkeit ist immer weniger und weniger bewusstes Aufpassen nötig. Hellwach zu sein, der eigenen Intuition vertrauen, auf die innere Stimme zu hören, nicht alles zu glauben was an Gedanken auftaucht, nicht auf der persönlichen Meinung zu beharren, intellektuelle BEscheidenheit walten zu lassen, zu wissen was in einer Situation wirklich hilft und was nicht hilft (upaya, geschickte Mittel), all diese Eigenschaften und Fertigkeiten werden zu deiner zweiten Natur. Ob der Geist konzentriert oder unkonzentriert ist, beides wird registriert – ohne persönliche Identifikation mit dem konzentrierten oder unkonzentrierten Zustand.

Wie bereits erwähnt interagieren Konzentration & Achtsamkeit miteinander. Diese Interaktion führt zur Auflösung von Subjekt und Objekt und damit zu Nirvāṇa. Was bedeutet Nirvāṇa? Wie Meditation ist auch dieser Begriff auf vielerlei Arten interpretiert worden. Es überrascht daher nicht, dass ihm drei Seiten im Pāli-English Dictionary gewidmet sind. Allerdings möchte ich über das Ziel der Übung in diesem Beitrag nicht zu viele Worte verlieren. Nirvāṇa hin oder her: Schließlich ist das Leben wie ein Tanz, bei dem es nicht darauf ankommt, zu einem bestimmten Punkt auf der Tanzfläche zu gelangen; das Leben gleicht einem Musikstück, welches nicht allein durch das Finale entzückt; und vielleicht ist es auch wie ein Theaterstück, bei dem der letzte Akt nur dann Sinn ergibt, wenn die vorherigen Szenen und Akte einen halbwegs zusammenhängenden Plot darstellen. Ich erinnere mich an einen Dharma Talk, in dem vom Dalai Lama die Rede war. Jemand aus dem Publikum hatte ihn nach einem Vortrag gefragt, was der schnellste Weg zur Erleuchtung sei. Der Dalai Lama verstummte. Nach einer Weile sah man, dass sich eine Träne in seinem Auge formte. Er erklärte, dass er traurig sei, denn er hätte nie gedacht, dass das Erreichen des Ziels so wichtig sei, und dass sein Leben und seine Botschaft vielmehr darin bestünden, den Weg zu erkunden. Der Geschmack von Nirvāṇa und damit die Befreiung vom Anhaften (upādāna) an den fünf skandhas wird dem Geschmack des Weges entsprechen, der zu Nirvāṇa führt.

Im Folgenden gehe ich näher auf die Unterscheidung zwischen Geistesruhe (śamatha) und Achtsamkeit (sati) ein.


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