Im Dickicht der Meinungen

If you let go a little
You will have a little peace.
If you let go a lot
You’ll have a lot of peace.
If you let go completely
You’ll have complete peace.

Ajahn Amaro

Gedanken…

Gerade wenn scheinbar alles verkehrt läuft und pervertiert, ist es noch viel wichtiger, ja geradezu essentiell, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu leben, einem anderen Menschen den Vortritt zu lassen. Gerade jetzt ist es unabdingbar, die eigene Mein-ung nicht für die allgemein-gültige Wahrheit zu halten. Besonders wenn wir aufgerufen sind, mit Verweis auf eine unsichtbare Gefahr auf Distanz zu gehen, nehmen wir Menschen unser Existenzbedürfnis nach Nähe und Wärme verstärkt wahr (Stichwort Corona-Babyboom) und werden gewahr, auf welch komplexe Art und Weise alles mit allem verbunden ist.

Wodurch wird die Zusammenschau erschwert, vermieden, ignoriert? Durch fremdgesteuertes bzw. betreutes Denken. Durch Überzeugungen, die das Trennende betonen. Es wird erschwert durch übernommene Ideen und Meinungen. Damit meine ich Ansichten, die auf etwas gegründet sind, das nicht eigener Reflexion entsprungen ist. Stattdessen wurde es Quellen entnommen, die den bereits gehegten Vorstellungen einer „Welt-wie-sie-sein-sollte“ am ehesten entsprechen. Meinungen, mit denen ich mich am stärksten identifiziere und die ich am vehementesten verteidige, bauen nicht immer auf eigener Erfahrung auf. Oft resultieren sie aus unreflektiert übernommenen Ansichten von Familie, Freunden, Peer-Groups oder bedeutsamen Personen, die einen auf irgendeinem Level beeindrucken. Ein Beispiel, das mir dazu einfällt, dass stark vertretene Ansichten nicht zu Missionierungsbemühungen führen, sobald die eigene Erfahrung den Platz eingenommen hat, den zuvor Information-von-außen innehatte: Ich lebe seit nunmehr 20 Jahren vegan und habe nicht im entferntesten die Absicht, irgendjemanden davon zu überzeugen, es mir gleichzutun, eben weil ich aus persönlicher Erfahrung davon überzeugt bin, dass dies für mich der richtige Weg ist.

Es scheint fast, als sei ich als Mensch selbst in Frage gestellt, sobald meine Meinung kritisiert wird. Dabei übersehe ich, dass der voreilig „Denken“ genannte Prozess einem im Kopf drehenden Mühlenrad gleicht, das jeden Tag 95 % der am Vortag gedachten Gedanken wiederkäut. Ja, fast wie eine Gebets-Mühle. Auf diese Weise sind bestimmte Gedanken un-denkbar für Republikaner, für Demokraten, für Rechte, für Linke, für Befehlsausführer, für Befehlsverweigerer, für Städter und Bauern, für schlechthin jede Klasse, die sich dadurch definiert, dass sie sich eben gegen andere Klassen abgrenzt und von diesen wiederum abgegrenzt wird.

Frei zu sein bedeutet demnach, mich mit keiner Gruppierung auf Gedeih und Verderb zu identifizieren. Daraus ergibt sich, nur Meinungen zur Sprache zu bringen, die ich mit eigenen Argumenten untermauern kann und die tatsächlich etwas mit meiner eigenen Sinnes-Erfahrung zu tun haben. Robert Anton Wilson verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff Maybe Logic: Die Gabe, stets neue Hypothesen annehmen zu können, das Wörtchen „ist“ nach Möglichkeit aus dem eigenen Sprachgebrauch zu entfernen und nach eigenen Behauptungen aus Anstand und intellektueller Redlichkeit ein „Vielleicht“ anzufügen. Der umstrittene (lies: er hat etwas Grundsätzliches zu sagen!) Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend hat dazu auch einiges zu sagen, jedenfalls mehr als das oft zitierte „anything goes“.

… und Gespräche

Was wir normalerweise ein Gespräch nennen, ist oft gar kein Dialog, sondern bloß das, was die laute, allzu bekannte Stimme im Kopf bereits unzählige Male zuvor wiederholt hat und das nun einfach raus muss. Ich gebe preis, was sich Luft verschaffen möchte und versuche, den Anderen auf meine Seite zu ziehen. Das ist kein echtes Gespräch. Es findet kein wirklicher Austausch statt. Je wichtiger es einem Menschen zu sein scheint, dass Du seine Meinung übernimmst, umso weniger ist diese Meinung darauf gegründet, was er selbst empfunden hat.

Die Stimme als Überredungsinstrument zu verwenden zeigt mitunter recht deutlich, dass es sich beim Inhalt um etwas handelt, das beim ichbezogenen Sprecher auf nichts als Hörensagen gründet. Was wird weitergegeben? Was quillt aus uns heraus? Eben das, was bereits lange in uns gärt, sei es nun bewusst oder unbewusst. Wir erinnern uns: 95% der Vortagesgedanken werden heute wiedergekäut. Vor allem bei Menschen, die nicht aufhören können zu reden, bemerke ich das. Ich wage nicht mir vorzustellen, was sich den ganzen lieben Tag lang zwischen ihren Ohren abspielt, wie laut es sein muss, dass, wenn jemand auf zwei offene Ohren trifft, alles aus ihm herausplatzt, sodass kein Raum bleibt um zuzuhören.

Dialog ist somit ein Zustand, der in einem Gespräch erst – im besten Falle – erreicht werden muss. Dia-Logos im Sinne: Verstand bzw. Verständnis, Wissens-Vermittlung, Erkenntnis durch den Logos, der dazwischen entsteht. Dafür ist Interesse notwendig. Inter-Esse verstanden als: Dazwischen-Sein. Jegliche Perspektive, die sich auf das Erklären und Vermitteln und Unterrichten von einem egozentrischen Standpunkt (Horizont=0) aus beschränkt, hat die Eigenheit, andere Meinungen als „bloße Meinungen“ abzutun und die eigene Meinung als die Wahrheit aufzufassen. Und wie könnte es anders sein – die Parallele dazu findet im Inneren des allzu überzeugten Sprechers statt: Hier werden Gedanken abgespult und als Eigene angenommen. Durch Identifikation wird weiters angenommen, dass diese Gedanken der Wahrheit entsprechen. Doch wie Daniele Ganser ganz richtig bemerkt, redet der Verstand andauernd und es wäre eine Illusion anzunehmen, dass er immer die Wahrheit sagt. Darüber hinaus ist die menschliche Wahrnehmung über die fünf Sinnestore blitzschnell korrumpiert durch Zuneigung und Ablehnung, kurzum: durch das Lust-/Unlust-Prinzip vorgestaltet, was für-wahr-genommen wird und was nicht.


Das Prinzip der Unvoreingenommenheit

Zu allen Zeiten ist es Gebot aller denkenden und mündigen Menschen, sich keine voreilige Meinung über Dinge oder Personen zu machen oder aufschwatzen zu lassen. Wann immer Du etwas hörst, siehst oder liest, frage nicht zuerst: „Was wird über diesen Menschen geschrieben oder gesagt?“ Stattdessen: Nimm Dir 15 Minuten Zeit und höre selbst – ehi passiko! – sieh für Dich selbst, was Du von dieser Sache oder diesem Menschen hältst. Am allerwichtigsten, sei Dir im Klaren über Deine Wahrnehmungsweise, und was bedeutet das? Mach dir deine persönlichen Vorlieben und Abneigungen bewusst, denn sie sind es, die die menschliche Wahrnehmung prägen.

Je unbewusster du in Bezug auf Präferenzen voraneilst, dahintreibst und dich an deiner Umgebung aufreibst, umso getriebener erscheinst du, Dinge zu sagen und zu tun, die nicht deiner tiefsten Wahrheit entsprechen.

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