„Es gibt hier keinen Zusammenhang…“

(„… und wer was Anderes behauptet, ist ein Lügner!“)

Die Gründe, eine Weile mal nichts zu schreiben, sind vielfältiger Natur. Einerseits scheint das allgegenwärtige Thema nach wie vor jegliche Originalität zu ersticken. Mit Originalität meine ich: Ursprünglichkeit des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns, also selbst zu denken und nicht die öffentliche Meinung, den Hausverstand oder die Wissenschaft bemühen, um der Arbeit des eigenen Denkens zu entrinnen. Ja, Freunde, Denken bedeutet Arbeit, und tiefes Innenschau braucht Zeit. Es gibt professionelle Denker in unserer Gesellschaft und es gibt Rhetoriker, deren Aufgabe in der Vernebelung von Tatsachen besteht. Es gibt und gab auch immer Nachahmer, Trittbrettfahrer, Opportunisten. Dass die Sprache zunehmend verarmt ist ein Symptom unserer Zeit, in der sich viele Menschen autoritären Strukturen unterwerfen, ja Sehnsucht verspüren, ihr Verhalten von einer höheren Macht bestimmen zu lassen. Zugleich ist so gut wie jeder felsenfest davon überzeugt, die eigene Meinung kundzutun, während doch nur der alter Brei wiedergegeben wird, der am Vortag im Fernsehen gesehen, im Radio gehört oder in der Zeitung gelesen wurde.

Mit der Fremdbestimmung geht also, und dieser Punkt ist von entscheidender Bedeutung, die Illusion einher, selbst zu wollen, was von einem erwartet wird. Erich Fromm analysiert in Die Furcht vor der Freiheit jene Fluchtmechanismen und Selbsttäuschungsmanöver, die Menschen bereits zu seiner Zeit – und vermutlich zu allen Zeiten (?) – benutzt haben, um die Angst vor Ohnmacht und Isolation wenn schon nicht zu verhindern, so doch vorübergehend zu vermindern. Das Buch erschien im Jahre 1941 und ist nun, 80 Jahre danach, ebenso aktuell wie damals. Wenn ich einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen werfe, so erschlagen mich Kriegsrhetorik und Stumpfsinnigkeit. Da ist von „vorpreschen“ und „Druck machen“ die Rede, von „Kontrollen verschärfen“ und anderen ideologisch gefärbten Sentenzen. Ideologisch, denn von offenem, evidenzbasiertem Diskurs kann schon lange nicht mehr gesprochen werden. Wir müssen uns eingestehen: Wir leben in einem Zeitalter, in dem Propaganda verheerende Auswirkungen auf das Gemeinschaftsleben hat und zur Spaltung von Freundeskreisen, Familien und Partnerschaften führt.

Auf individueller Ebene zeigt sich meines Erachtens eine perfide Art der Erniedrigung. Sie wird im Laufe der Jahre verinnerlicht, sodass sich der einzelne Mensch zunehmend selbst erniedrigt. Doch das macht sich niemand bewusst. Die Angst vor Armut, Alter, Krankheit und Tod verbleibt somit im Unterbewusstsein. Ebenso verhält es sich mit der Angst vor Diktatur, Bestrafung und Kontrolle. Daniele Ganser stellt in diesem Zusammenhang die Frage: „Wovor habe ich Angst? Wäre es interessant für mich, mir diese Angst anzuschauen?“ Unbewusste Ängste vor einem Konflikt auf der Straße oder im Supermarkt führen dazu, dass sich Menschen an Verhältnisse anpassen, die letztendlich dazu führen, die Situation zu verschlimmern.

Wir müssen uns klar vor Augen halten, dass die Umwertung menschlicher Werte und Umdeutung sprachlicher Bedeutungen stattfindet. Ziviler Ungehorsam wird als unsolidarisch betitelt. Verantwortung für die eigene Gesundheit wird als unverantwortlich verstanden. Selbstbestimmung und Zivilcourage wird diffamiert als Egoismus und Idiotie. Wir leben wahrlich in einer Idiokratie. Auch der Film Don’t Look Up (2021) kann von Vertretern der verschiedenen sozialer Blasen auf je eigene Weise interpretiert werden, sodass dem Werte-Relativismus ebenso wie dem Wahrheits-Relativismus Vorschub geleistet wird.

Und natürlich braucht es einen Sündenbock, wie damals. Sie erniedrigen dich. Sie bestimmen über dich. Sie sorgen dafür, dass du dir selbst untreu wirst. Sie stellen einen Sündenbock auf. Sie hetzen dich auf. Und lassen dich vergessen, dass du erniedrigt, fremdbestimmt und dir selber untreu wirst. Sie behandeln dich wie ein Kleinkind und bevormunden dich. Obwohl, Moment mal. „Wie ein Kleinkind“? Wie behandeln wir denn Kinder? Jordan B. Peterson meint, dass Eltern für Kinder das sind, was Kultur für Erwachsene ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich meinen Vater früh verloren habe, und mit ihm eine zentrale Stütze, Bezugsperson und nicht zuletzt Autoritätsperson, dass ich fähig bin, in meinem Erwachsensein die Autorität der eigenen Kultur, in die ich hineinwachse, zu hinterfragen? Wenn Kulturen jene Rolle einnehmen, die Eltern für Kinder erfüllen, d.h. wenn Eltern im Zuge der Sozialisation als Kulturvertreter fungieren, die dem Kind die eigenen Werte vermitteln… was passiert dann mit Kindern, deren Eltern keine genuinen, originalen (wie zu Beginn im Sinne eines Ursprungs in ihnen selbst) Werte mehr haben? Was geschieht mit dem formbaren Wachs des Geistes und Gemüts eines Kindes, wenn die Eltern zusehends mit der Kultur eines autoritären Systems identifiziert sind, oder sollte ich besser sagen, um dem Zeitgeist gerecht zu werden, infiziert sind?

Meine Zuversicht stützt sich auf die Idee, dass jede Bewegung eine Gegenbewegung hervorruft. Wie bei Heraklits Spiel der Gegenkräfte und Marx‘ dialektischem Materialismus setze ich mein Vertrauen darauf, dass die Tendenz zu übertreiben diesem grausamen Spiel von Profitgier und Menschenverachtung den Garaus machen wird. Es ist eine Frage der Zeit. Und die Zeit spielt für uns, die wir das Spiel durchschauen. Denn – hier schließt sich ein Kreis – je mehr Zeit vergeht, umso mehr Menschen durchschauen das grausame Spiel und wagen es, sich selbst nicht mehr länger zu foppen, sondern den nackten König auch wirklich als splitternackt zu sehen.

Ein weiteres Mosaiksteinchen meines Vertrauens gründet auf dem Prinzip von yin und Yang. Ich meine das Prinzip der Dualität und wechselseitigen Verbundenheit. Die auf fiktiven bzw. fingierten Zahlen beruhende Panik ist meines Erachtens nur durch plumpe Propaganda aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, dass Industrie und Politik so lange fortfahren wie wir, die Leidtragenden, der Propaganda Glauben schenken. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen. Sie bedingen einander. Dieser Sachverhalt spiegelt sich deutlich im Gebrauch der menschlichen Sprache wider. Dualistische Sichtweisen sind unserer Sprache inhärent. Wir sehen etwas entweder so oder so. Entweder du bist krank oder gesund. Entweder positiv oder negativ. Entweder du willst, dass alle mitmachen und das Problem aus der Welt schaffen oder du willst, dass wir nichts tun und alle sterben! Wer mit der HX-Verwirrung vertraut ist, wird verstehen worauf ich hinauswill und dass diese Art zu denken im Grunde kein Denken darstellt, sondern eine 0/1 Option bzw. eine US VS. THEM-Mentalität. Ich bin zuversichtlich, dass in herausfordernden Zeiten wie diesen viele Menschen nicht nur verzweifeln, sondern auch an althergebrachten und nun obsolet gewordenen Glaubenssätzen zu zweifeln beginnen.

Schließlich ist für mich kristallklar, dass wu wei über yu wei stets erhaben ist. Beides hat seinen Platz in der Welt, doch yu wei verbraucht sich selbst. Immer mehr bemühen und immer stärker drücken und immer noch eins draufsetzen, das ist die Strategie einer Gruppe von zynischen und naiven Automatenmenschen. Ich weiß nicht, ob es nützt, auf die Straße zu gehen. Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied macht, dass ich zu Gesetzesentwürfen im Parlament Stellung nehme. Was ich aber fühle, ist Freude, wenn ich mit Menschen gemeinsam singe, und Freiheit, wenn ich im Wald spazieren gehe, und diese Freude und diese Freiheit lasse ich mir von nichts und niemandem nehmen.

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