Was ist Qualität? Rezension eines Klassikers.

Im Roman Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig geht es unter anderem auch um die griechische Philosophie. Die Geschichte entwickelt sich im Zuge einer Motorradtour und lässt Platons Dialog Phaidon wiederaufleben.


Das Werk hilft, den Anfänger-Geist zu entwickeln und zu bewahren. Was meine ich damit? Eine neophile Einstellung zum Leben, die geprägt ist von Neugier, Offenheit, von Bescheidenheit und Schaffensfreude. Das Buch sei jedem Menschen, der in einer (Denk-)Werkstatt arbeitet und wirkt, ans Herz gelegt.

Wer ein Buch sucht, das vor Lebendigkeit sprüht und einen auf die Reise mitnimmt, wird hier fündig werden. Das Buch trägt autobiografische Züge und enthält wissenschaftstheoretische Überlegungen. Genaugenommen erhält man also zwei Bücher in einem. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, erhält noch viel mehr. Hast du Interesse an Philosophie? … an abendländischer und fernöstlicher Geschichte und Kultur? … an der Beat Generation der 1970er Jahre? … an der Bedeutung von Freiheit? … an der feinen Linie zwischen Geisteskrankheit und Genialität? Dann wird dich dieses Buch genauso packen wie mich.

1974 veröffentlicht, habe ich das Buch nun ein zweites Mal gelesen und dabei mein Verständnis dessen, was dem Autor wirklich am Herzen liegt, vertiefen können. Es hat mich noch mehr berührt als beim ersten Mal. Und ich finde es schade, dass ich am Ende des Buches angekommen bin, weil es so ein Genuss war.

Auf einer Ebene findet sich der Reisebericht von Vater und Sohn. Auf einer anderen Ebene ist es eine Chautauqua – eine philosophische Untersuchung, Selbstbefragung, Erkenntnisreise. Zudem ist es das Portrait des außergewöhnlichen Menschen Phaidros, der mit seiner Untersuchung über Qualität bis an die Grenzen der analytischen Vernunft stößt. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er seine Lebenserfahrungen in einem so starken und eindrucksvollen Buch zu vermitteln weiß. Dass es zu einem echten Klassiker der Beat-Generation geworden ist, liegt vermutlich daran, dass es viele Blickwinkel bereithält und somit dazu ermutigt, die Perspektive zu wechseln und den eigenen Lebensweg zu reflektieren. Mir persönlich gefällt diese Verbindung sehr, weil der etwas anspruchsvollere philosophische Text über die Zusammenhänge von Ethik, Rhetorik und Dialektik mit dem Bericht über den Road Trip und den damit empfundenen Gefühlen und Gedanken abwechselt. Auf diese Art und Weise hält sich das Locker-Flockige die Waage mit den philosophischen Reflexionen zu den Begriffen Qualität und Realität sowie zum dualistischen Verhältnis von Subjekt und Objekt.

Robert M. Pirsig beschreibt in seiner Chautauqua die innere Spaltung seines früheren Ichs namens Phaidros, der an einer kleinen Universität in Montana Rhetorik und kreatives Schreiben unterrichtete und zwischen der klassischen und romantischen Vernunft eine Brücke bauen wollte. Etwas, das Kant im 18. Jahrhundert mit den Denkgewohnheiten der Rationalisten und Empiristen vorbereitet hatte. Denkgewohnheiten, Definitionen und Dichotomien begrenzen die Welt und spalten alles in Subjekt und Objekt. Jede Definition schiebt einen weiteren Filter über die Wahrnehmung. So war es mit Heraklit und Parmenides, mit Rationalismus und Empirismus, mit klassischer und romantischer Qualität.

Wenn alles in Worte zerstückelt wird, bleibt mit der Zeit der Sinn für Qualität auf der Strecke. Doch was nicht zerstückelt und damit in seiner kontextualen Ganzheit zerstört wird, existiert nach Auffassung der Kirche der Vernunft nicht. Das Einbüßen des Qualitäts-Sinnes in einer Plastikwelt, die ständig auf die Tube drückt, ergibt sich als Konsequenz einer Geisteshaltung, die der Autor als „squareness“ bezeichnet. Als Undefinierbares und zugleich jedoch Wahrnehmbares/Existentes lässt sich am Begriff der Qualität die Spaltung hip vs. square, romantisch vs. klassisch, humanistisch vs. technologisch festmachen.

Wie der Autor selbst in einer Vorbemerkung festhält, geht es nicht um die Praxis des orthodoxen Zen-Buddhismus. Ebensowenig geht es um Motorräder im faktischen Sinne. Vielmehr beleuchtet der Autor den Begriff der Qualität im täglichen Leben, die Spaltung im Inneren, die Mentalität des ich-bezogenen und ich-losen Bergsteigers, und ja, schließlich die Funktion der Naturgesetze im Universum.

Kurz: Es geht um das Tao. Um das Ankommen im gegenwärtigen Augenblick. Um Aufmerksamkeit und Liebe an der Tätigkeit als Bedingung für Qualität. Ich nehme an, dass es deshalb so beliebt ist. Denn es zeigt, wie viel Hirnschmalz und Herzblut hinter einfachen und effektiven Handgriffen steckt. Ich habe gehört, dass dieses Buch besonders in IT-Kreisen beliebt ist, und zwar in seiner Funktion als „Bibel“ für die Attitude, die es für das Arbeiten am Code und für das intuitive Erkennen mathematischer Schönheit braucht.

Ja, es ist tatsächlich eine Hommage an das lebendige Interesse an der Sache, ein Plädoyer für die Liebe zur Sache selbst.


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