Im Dickicht der Meinungen

If you let go a little
You will have a little peace.
If you let go a lot
You’ll have a lot of peace.
If you let go completely
You’ll have complete peace.

Ajahn Amaro

Gedanken…

Gerade wenn scheinbar alles verkehrt läuft und pervertiert, ist es noch viel wichtiger, ja geradezu essentiell, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu leben, einem anderen Menschen den Vortritt zu lassen. Gerade jetzt ist es unabdingbar, die eigene Mein-ung nicht für die allgemein-gültige Wahrheit zu halten. Besonders wenn wir aufgerufen sind, mit Verweis auf eine unsichtbare Gefahr auf Distanz zu gehen, nehmen wir Menschen unser Existenzbedürfnis nach Nähe und Wärme verstärkt wahr (Stichwort Corona-Babyboom) und werden gewahr, auf welch komplexe Art und Weise alles mit allem verbunden ist.

Wodurch wird die Zusammenschau erschwert, vermieden, ignoriert? Durch fremdgesteuertes bzw. betreutes Denken. Durch Überzeugungen, die das Trennende betonen. Es wird erschwert durch übernommene Ideen und Meinungen. Damit meine ich Ansichten, die auf etwas gegründet sind, das nicht eigener Reflexion entsprungen ist. Stattdessen wurde es Quellen entnommen, die den bereits gehegten Vorstellungen einer „Welt-wie-sie-sein-sollte“ am ehesten entsprechen. Meinungen, mit denen ich mich am stärksten identifiziere und die ich am vehementesten verteidige, bauen nicht immer auf eigener Erfahrung auf. Oft resultieren sie aus unreflektiert übernommenen Ansichten von Familie, Freunden, Peer-Groups oder bedeutsamen Personen, die einen auf irgendeinem Level beeindrucken. Ein Beispiel, das mir dazu einfällt, dass stark vertretene Ansichten nicht zu Missionierungsbemühungen führen, sobald die eigene Erfahrung den Platz eingenommen hat, den zuvor Information-von-außen innehatte: Ich lebe seit nunmehr 20 Jahren vegan und habe nicht im entferntesten die Absicht, irgendjemanden davon zu überzeugen, es mir gleichzutun, eben weil ich aus persönlicher Erfahrung davon überzeugt bin, dass dies für mich der richtige Weg ist.

Es scheint fast, als sei ich als Mensch selbst in Frage gestellt, sobald meine Meinung kritisiert wird. Dabei übersehe ich, dass der voreilig „Denken“ genannte Prozess einem im Kopf drehenden Mühlenrad gleicht, das jeden Tag 95 % der am Vortag gedachten Gedanken wiederkäut. Ja, fast wie eine Gebets-Mühle. Auf diese Weise sind bestimmte Gedanken un-denkbar für Republikaner, für Demokraten, für Rechte, für Linke, für Befehlsausführer, für Befehlsverweigerer, für Städter und Bauern, für schlechthin jede Klasse, die sich dadurch definiert, dass sie sich eben gegen andere Klassen abgrenzt und von diesen wiederum abgegrenzt wird.

Frei zu sein bedeutet demnach, mich mit keiner Gruppierung auf Gedeih und Verderb zu identifizieren. Daraus ergibt sich, nur Meinungen zur Sprache zu bringen, die ich mit eigenen Argumenten untermauern kann und die tatsächlich etwas mit meiner eigenen Sinnes-Erfahrung zu tun haben. Robert Anton Wilson verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff Maybe Logic: Die Gabe, stets neue Hypothesen annehmen zu können, das Wörtchen „ist“ nach Möglichkeit aus dem eigenen Sprachgebrauch zu entfernen und nach eigenen Behauptungen aus Anstand und intellektueller Redlichkeit ein „Vielleicht“ anzufügen. Der umstrittene (lies: er hat etwas Grundsätzliches zu sagen!) Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend hat dazu auch einiges zu sagen, jedenfalls mehr als das oft zitierte „anything goes“.

… und Gespräche

Was wir normalerweise ein Gespräch nennen, ist oft gar kein Dialog, sondern bloß das, was die laute, allzu bekannte Stimme im Kopf bereits unzählige Male zuvor wiederholt hat und das nun einfach raus muss. Ich gebe preis, was sich Luft verschaffen möchte und versuche, den Anderen auf meine Seite zu ziehen. Das ist kein echtes Gespräch. Es findet kein wirklicher Austausch statt. Je wichtiger es einem Menschen zu sein scheint, dass Du seine Meinung übernimmst, umso weniger ist diese Meinung darauf gegründet, was er selbst empfunden hat.

Die Stimme als Überredungsinstrument zu verwenden zeigt mitunter recht deutlich, dass es sich beim Inhalt um etwas handelt, das beim ichbezogenen Sprecher auf nichts als Hörensagen gründet. Was wird weitergegeben? Was quillt aus uns heraus? Eben das, was bereits lange in uns gärt, sei es nun bewusst oder unbewusst. Wir erinnern uns: 95% der Vortagesgedanken werden heute wiedergekäut. Vor allem bei Menschen, die nicht aufhören können zu reden, bemerke ich das. Ich wage nicht mir vorzustellen, was sich den ganzen lieben Tag lang zwischen ihren Ohren abspielt, wie laut es sein muss, dass, wenn jemand auf zwei offene Ohren trifft, alles aus ihm herausplatzt, sodass kein Raum bleibt um zuzuhören.

Dialog ist somit ein Zustand, der in einem Gespräch erst – im besten Falle – erreicht werden muss. Dia-Logos im Sinne: Verstand bzw. Verständnis, Wissens-Vermittlung, Erkenntnis durch den Logos, der dazwischen entsteht. Dafür ist Interesse notwendig. Inter-Esse verstanden als: Dazwischen-Sein. Jegliche Perspektive, die sich auf das Erklären und Vermitteln und Unterrichten von einem egozentrischen Standpunkt (Horizont=0) aus beschränkt, hat die Eigenheit, andere Meinungen als „bloße Meinungen“ abzutun und die eigene Meinung als die Wahrheit aufzufassen. Und wie könnte es anders sein – die Parallele dazu findet im Inneren des allzu überzeugten Sprechers statt: Hier werden Gedanken abgespult und als Eigene angenommen. Durch Identifikation wird weiters angenommen, dass diese Gedanken der Wahrheit entsprechen. Doch wie Daniele Ganser ganz richtig bemerkt, redet der Verstand andauernd und es wäre eine Illusion anzunehmen, dass er immer die Wahrheit sagt. Darüber hinaus ist die menschliche Wahrnehmung über die fünf Sinnestore blitzschnell korrumpiert durch Zuneigung und Ablehnung, kurzum: durch das Lust-/Unlust-Prinzip vorgestaltet, was für-wahr-genommen wird und was nicht.


Das Prinzip der Unvoreingenommenheit

Zu allen Zeiten ist es Gebot aller denkenden und mündigen Menschen, sich keine voreilige Meinung über Dinge oder Personen zu machen oder aufschwatzen zu lassen. Wann immer Du etwas hörst, siehst oder liest, frage nicht zuerst: „Was wird über diesen Menschen geschrieben oder gesagt?“ Stattdessen: Nimm Dir 15 Minuten Zeit und höre selbst – ehi passiko! – sieh für Dich selbst, was Du von dieser Sache oder diesem Menschen hältst. Am allerwichtigsten, sei Dir im Klaren über Deine Wahrnehmungsweise, und was bedeutet das? Mach dir deine persönlichen Vorlieben und Abneigungen bewusst, denn sie sind es, die die menschliche Wahrnehmung prägen.

Je unbewusster du in Bezug auf Präferenzen voraneilst, dahintreibst und dich an deiner Umgebung aufreibst, umso getriebener erscheinst du, Dinge zu sagen und zu tun, die nicht deiner tiefsten Wahrheit entsprechen.

Energy flows where attention goes

Alles, und ich meine wirklich alles: die Totalität des Ganzen, auch der tosende Lärm um Nichts, das Riesentheater, das wir Realität nennen und das durchaus seine komischen Züge hat… einfach alles alles: auch der jetzige Zustand, die Gesellschaft in stiller Resignation, zwischen Apathie und Panik hin und her pendelnd, auch die Angst vor Armut, Alter, Krankheit, Tod, alles kann als Dünger verwendet werden, um im Garten des menschlichen Geistes wunderschöne Blumen gedeihen zu lassen. Ich habe schon verschiedene Artikel gelesen – darunter meine eigenen – in denen es immer wieder um die gleiche Sache geht, um eine einzige Einsicht, die jeder Mensch für sich selbst gewärtigen muss, um sie „für sich“ wahr werden zu lassen. Es ist die gleiche Einsicht, die so viele Coaches und Selbstsicherheitstrainer heutzutage verkaufen. Eine teure Einsicht, sicherlich. Doch zugleich keine, die sich mit Geld erkaufen lässt. Diese Einsicht entspringt einer inneren Erfahrung, einer Er-Innerung: ES LIEGT AN UNS. Es liegt an uns, und zwar in einem Ausmaß, in dem wir uns dieser Tatsache nicht einmal annähernd gewahr werden können. Denn seit der Kindheit sind wir befangen in der je eigenen durch Sozialisierung und Akkulturation definierten – und damit begrenzten – Sichtweise. Ans Ego gefesselt, gebunden an persönliche Agenda und biographische Details, Sinn und Sehnsucht schon lange verloren im Strome der allzu persönlich genommenen Vergangenheit.

The world which we perceive
is a tiny fraction of the world which we can perceive
which is a tiny fraction of the perceivable world…
you see?

Terence McKenna

In letzter Zeit habe ich Tagebuch geschrieben, Traumsequenzen notiert, habe Bücher gelesen, Freunde getroffen. Den größten Teil meiner frei verfügbaren Zeit habe ich in der Natur verbracht. Mein Weg führte und führt mich immer wieder in die freie Natur, in den Wald, und die Augen und Ohren und alle Sinne öffnen für die Schönheit der Natur. Raus aus dem bee hive, raus aus dem Dickicht der Meinungen und vorgefertigten Denkschemata, weg von den Vorurteilen und Schubladisierungen.

Bei Pacha Mama fühle ich mich gut aufgehoben.

Im Wald kann ich atmen.

Tief in den Bauch atmen.


Unverhofft während meiner Radrunde entdeckt

Der Mensch liebt bekanntlich die Abwechslung. In die Stadt zurückgekehrt bemerke ich bald, wie polarisiert die Gesellschaft ist und wie ferngesteuert der einzelne Mensch in der Gesellschaft wirkt. Kontrolliert von Gedankenmustern, die nicht die eigenen sind. Propaganda wirkt. Was sich herauskristallisiert ist der Versuch, Abweichler zu diffamieren, zu diskreditieren und mundtot zu machen. Manchmal bemerkt man in den wenigen stillen Momenten, die einem verbleiben, die allgegenwärtige Spaltung auch in sich selbst. Das althergebrachte divide et impera. So wie Sitzen das neue Rauchen ist, so ist das Verweigern der Maskenpflicht in der U-Bahn das neue Schwarzfahren. Ob wir die Maske nun tragen, um nicht ohne Maske erwischt zu werden oder um andere Menschen nicht anzustecken oder ob die Angst vorm eigenen Erkranken der innere Beweggrund ist, wer weiß das schon? Wer kann in die Herzen der Mitmenschen blicken?

Getrennt verbunden

Zwischen all dem Meinungswirrwarr und zugleich mittendrin im Stadtgetümmel spielt ein junger Mann Gitarre, nimmt die selbst gespielten Klänge auf und legt dann virtuos mit Geige nach. Ich bleibe stehen und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, hat sich eine Gruppe von etwa einem Dutzend Menschen im Halbkreis um ihn herum geformt. Der junge Mann mit den roten Haaren bezaubert Ohren und berührt Herzen. Nach seinem Spiel spreche ich ihn an. Er nennt sich Jo und eröffnet mir, dass er sich kürzlich in einem Zenkloster angemeldet hat.

Danach steige ich in die U-Bahn und ziehe mir mein head buff übers Gesicht.

Setze mich auf den Boden.

Bedecke Mund, Nase, Augen, Ohren.

Bewache die Sinnestore.

Schließe die Augen.

Und atme tief.


Was ist für Dich Erfolg?

Kürzlich fragte mich mein Lieblingsmensch: „Was heißt für Dich Erfolg?“ Ich gab zur Antwort, was mir spontan einfiel: „So zu leben wie ich es mir wünsche.“ Das war einfach so dahin gesagt. Danach fragte ich mich selbst: „Was meine ich damit: so wie ich mir das wünsche?“ Es ist klar, ich kann die Welt nicht so einrichten, dass all meine Wünsche erfüllt werden. Nicht nur, weil erfüllte Wünsche weitere Wünsche nach sich ziehen (siehe auch den Charakter von Ohngesicht in Chihiros Reise ins Zauberland), sondern auch, weil die mit den menschlichen Sinnen wahrgenommene Welt nur eine bestimmte Art von materiellen Sinnes-Wünschen erfüllen kann.

Einerseits bin ich glücklich, dass ich wählen kann, wie ich in dieser Welt lebe, dass ich mich frei bewegen kann, und dass ich mich für niemanden verbiegen muss. Erfolg hat heute für mich bedeutet, in der U-Bahn am Boden zu sitzen und vollkommen still zu werden. Vollkommen in mir zu ruhen, nach getaner Arbeit auf dem Weg nach Hause einfach nur da zu sitzen und zu SEIN.

Nun, nach ein paar Mal drüber schlafen (immer eine gute Idee z.B. bei scheinbar unbezwingbaren Konsumgelüsten) würde ich hinzufügen: Erfolg bedeutet für mich auch, das Leben meiner Mitmenschen zu vereinfachen und zu versüßen – to make life easier and more beautiful for you, wie Marshall Rosenberg es ausdrückt. Random acts of kindness – das ist das Gebot der Stunde, meine lieben Freunde. Und wenn ich das nicht schaffe, dann bedeutet Erfolg für mich momentan Gleichmut walten zu lassen, angesichts der feigen Vernaderer in den Öffis und am Arbeitsplatz sowie der allgegenwärtigen Staatsgewalt in der Stadt, angesichts der Zensur auf YouTube und anderen Kanälen, sobald der offizielle Narrativ auch nur ansatzweise in Frage gestellt wird. Ich will meinen Selbstrespekt wahren, indem ich diese nutzlose Maske nicht trage. Es geht hier nämlich nicht um soziales Gewissen und auch nicht um Solidarität und Zusammenhalt. Dann wären Kinder und Senioren nicht in jener Lage, in der sie heute sind: isoliert, verängstigt, verstört, depressiv. Wir müssen alle lernen, in größeren Zusammenhängen zu denken. Sonst werden wir in Zukunft noch viel mehr gegängelt werden.


Ein einzigartiges Schaltjahr

2020 ist jedenfalls nicht nur in einer Hinsicht ein Schaltjahr. Es ähnelt in gewisser Weise dem Jahr 1989 – doch wurden damals Mauern zwischen Menschen niedergerissen, während heutzutage Masken zwischen uns hochgezogen werden. Ist die Impfung tatsächlich die Lösung, oder nur eine scheinbare Er-Lösung? Wird es möglich sein, in einigen Monaten schon über das vergangene Jahr zu lachen? Können wir wieder mit unseren Kindern im Park spielen ohne aus Angst vor Ansteckung durch „fremde Personen“ lieber drinnen zu bleiben? Werden Home Office, Videokonferenzen und Online-Yoga dauerhaft den Platz von Büroluft, persönlichen Treffen und Shala Community einnehmen? Wir entscheiden täglich mit, in welcher Welt wir 2030 leben.

Wie bereits erwähnt: ES LIEGT AN UNS.

Die Maske ist bloß ein Vorwand. Die Situation mit dem Lockdown entspricht dem im Jahre 2010 veröffentlichten Lock Step Scenario (S. 18ff.). Dieses öffentlich zugängliche pdf-Dokument wurde bereits vor einem Jahrzehnt ausgearbeitet, nachdem 2009 die Definition von „Pandemie“ (im Anschluss an die Identifizierung von H1N1 Influenza) geändert wurde, sodass eine Ansteckung nicht mehr mit schwerwiegenden Symptomen einhergehen muss – das heißt: seither braucht sich ein Virus nur in mindestens drei verschiedenen Regionen verbreiten, um die Kriterien der Phase 6 einer Pandemie zu erfüllen, mit allen Konsequenzen, die dies mit sich bringt. In den 2010er Jahren wurde bereits wiederholt versucht, einen Impfstoff als unabdingbar zu vermarkten. Nun wurde scheinbar geschafft, was zuvor nicht geklappt hat: die meisten politischen Oberhäupter dieser Erde haben nun angebissen, hatten keine Ahnung oder keine Wahl und erteilen notgedrungen den Auftrag des Jahrhunderts. Sie übernehmen ihre Rollen und spielen sie (beinahe) fehlerlos. Es geht schließlich um sehr viel Geld. Wer glaubt noch, dass es um Gesundheit geht? Es ist unfassbar, wie viele Nachrichten-Themen an den Rand gedrängt wurden bzw. das Feld räumen müssen für eine Pseudogefahr, die das kollektive Bewusstsein im Bann unbestimmter Befürchtungen befangen hält. Daher ist es wohl angeraten, sich nach diesem geschichtsträchtigen Schaltjahr zu entschließen, einfach mal abzuschalten, um einzuschalten, und die TV-Flimmerkiste als Propagandamedium und Relikt des 20. Jahrhunderts zu betrachten.

Was seit dem Frühjahr 2020 passiert, ist aus meiner Sicht an Absurdität kaum zu überbieten. Die Politik agiert als Sprachrohr pharmazeutischer Konzerne. Kollektive Paranoia greift um sich. Kritische Gedanken werden verboten. Strukturelle Gewalt nimmt zu. Mit jedem Schritt der Unterdrückung nimmt auch die Feindseligkeit untereinander zu. Zahlreiche Menschen schieben einen Film, der nur mehr beschränkt etwas mit der eigenen Wahrnehmung zu tun hat. Vielmehr orientieren sich Meinungen an Berichten aus zweiter und dritter Hand.

Die Tatsache, dass Infektionen und nicht Erkrankungen gezählt werden, spielt direkt in die Agenda von Big Pharma hinein und lässt meines Erachtens den Schluss zu, dass es sich um konzertierte Bemühungen handelt, die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen vor etwas Unsichtbarem. Je mehr Verwirrung herrscht, umso weniger klares Denken, umso weniger Organisation, umso weniger effektiven Widerstand gibt es in der Bevölkerung, und umso rascher etabliert sich wiederum das System der Bevormundung. Und umso weniger Selbstrespekt, Einzigartigkeit und vor allem Vertrauen in die eigene Urteilskraft werden Menschen haben. Durch Gaslighting breiter Bevölkerungsschichten wird betreutes Denken zur neuen Normalität. In diesem Sinne: Bleib wachsam. Bleib wachsam.

Bleib wachsam!

Geboren um zu atmen, zu lachen, zu tanzen und zu spielen

What you do has very little importance,
and it’s very important that you do it.

Mahatma Gandhi

Antworten oder Reagieren

Was auch immer geschieht – Gutes wie Schlechtes, erfreuliche Ereignisse ebenso wie kaum zu ertragende Schicksalsschläge – hängt von Faktoren ab, die sich unserer persönlichen Kontrolle entziehen. Was uns widerfährt ist nicht vorhersehbar. Das Einzige, das unserer Kontrolle unterliegt oder zumindest unterliegen sollte, ist unsere lebendige Gegenwärtigkeit und die darauf aufbauende Entscheidung, wie wir auf ein Ereignis antworten.

Ich sage absichtlich antworten und nicht: reagieren. Denn Reagieren bedeutet, von den äußeren „Dramen“ abgelenkt zu werden – so wie es dem Panther (in uns) ergeht:

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

RAINER MARIA RILKE

Auch David Icke spricht davon in seinem Werk Human Race Get Off Your Knees. The Lion Sleeps No More. Vorurteile und fixe Meinungen hindern Menschen daran zu erkennen, was sich zeigt und zu hören, was gesagt wird. Einmal ist es passiert, dass ich den Namen Icke bloß erwähnt habe, und das Gespräch war vorbei. Mein Gesprächspartner war so voreingenommen, dass allein die Erwähnung dieses Namens ihn cholerisch reagieren ließ – ich sage reagieren, denn es schien nicht, als hätte er eine Wahl. Immer wieder fällt mir auf: Im Laufe unserer Lebensläufe verlieren wir den Blick aufs Wesentliche und bleiben bei Namen, Begriffen und Vorstellungen hängen – wir hängen uns im sprichwörtlichen Sinne daran auf. Das erscheint mir einer Sichtweise abträglich zu sein, die auf Zusammenhänge und Subtexte Acht zu geben vermag. Denn Namen werden durch den Schmutz gezogen, Begriffe werden verdreht, Vorstellungen werden instrumentalisiert für Zwecke, die nicht unsere eigenen sind. Marshall Sahlins beschreibt in seinem Buch Das Menschenbild des Westens – Ein Missverständnis? die von Quentin Skinner rhetorische Figur der Paradiastole, „die auf moralisch gegenläufige Bewertungen eines Begriffs verweist“ (Sahlins, 2017, S. 22). „Demokratie“ wird z.B. als Herrschaft des Pöbels dargestellt. „Freiheit“ wird im Sinne einer Freiheitlichen Partei verkürzt. „Sicherheit“ schließlich wird im Sinne der am status quo interessierten Herrschenden umgedreht. Wann immer Machthaber davon sprechen etwas zu schützen, wollen sie sich etwas sichern: ein Gebiet, ein Land, ein Vorrecht. Und immer wenn die Sicherheit bedroht ist, geht es in Wirklichkeit um die Interessen der Mächtigen, die sich bedroht fühlen. Fazit: Wenn (z.B. durch Framing) Begriffe instrumentalisiert werden bzw. deren ursprünglicher Sinn ins Gegenteil verkehrt wird, fallen Korrumpierung von Mensch und Sprache in eins.

Zensur im Abendland

Ostern ist heuer entfallen. Warum? Das weiß niemand mehr so genau. Es hieß: Um die Kurve abzuflachen („to flatten the curve“) müsse u.a. vorübergehend Nase und Mund bedeckt werden. Wofür ist dies ein Symbol? Für Kontrolle, Unterwerfung, Zensur. Wer heute eine Ansicht abseits der Virus-zentrierten Debatte vertritt, welche noch dazu nicht im Einklang mit den Maßnahmen seitens der Regierung steht, wird als VerschwörungstheoretikerIn abgestempelt, als Corona-LeugnerIn denunziert, als asozial eingestuft. Mittlerweile haben sich bereits so viele an das Tragen einer Maske gewöhnt, dass diese immer seltener vergessen wird und falls doch, kann es einem gehen wie mit der Brille: Du suchst danach – und trägst sie bereits. Es ist die neue Normalität – und doch frage ich: Ist es normal nur weil alle es tun? Ohne Maske im Gesicht: beobachtet, nackt, potentielle Gefahr.

Was passiert hier im Unterbewussten?

Nach und nach führt die Politik Regelungen ein, droht mit Verschärfungen und harten Strafen bei Nichteinhaltung, sodass die Gesichtsbedeckung schlußendlich aus blindem Gehorsam getragen wird bzw. einfach mit dem Zweck, nicht bestraft zu werden. Widerstand in der Bevölkerung gegen die teilweise völlig überzogenen Maßregelungen (fast so als wäre dies ein Test wie weit man gehen kann) – es gibt ihn, doch wird dieser Widerstand vereinnahmt von der politischen Rechten, und damit die Widerständischen als verantwortungslos diffamiert und leichtfertig in ein extremes Eck gerückt. Darüber hinaus frage ich mich: Welchen Sinn hat eine Demo für Freiheit und Selbstbestimmung, wenn sich die an dieser Demo Teilnehmenden vermummen und Abstand einhalten? Die Politik erscheint mir momentan als Propagandamaschine der Pharmaindustrie – ein ungeheuerliches Theaterstück, bei dem Entscheidungen übernommen werden, die aus demokratischer Sicht nicht vertretbar sind. Darüber zu sprechen und dagegen anzuschreiben scheint ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Denn kritische Stimmen werden zensiert, denunziert, diskreditiert, mundtot gemacht. Die Existenz von Ärztinnen, die sich gegen den allgemeinen Maskenzwang wenden, sehen sich mit Disziplinarverfahren der jeweiligen nationalen Ärztekammer konfrontiert, die nichts Anderes tun kann als sich an die Weisungen zu halten, welche übergeordnete internationale Institutionen vorgegeben haben.

In der alten Ordnung untersuchte die Soziologie Zusammenhänge im gesellschaftlichen Gefüge. Heutzutage müssten wohl TheaterwissenschaftlerInnen auf den Plan treten, um die problematischen Polaritäten und bizarren Blüten zu deuten, die sich durch die Konsequenzen der Zwangsmaßnahmen in der Gesellschaft ergeben. Freunde zögern sich zu umarmen. Familien werden ob ihrer konträren Meinungen entzweit. Unterwegs läuft man womöglich an einer bekannten Person vorbei, die man aufgrund der Gesichtsbedeckung nicht erkannt hat. Es ist, als trügen alle nun eine Art Burka, sei es um sich vor Krankheit, sei es, um sich vor Geldstrafen zu schützen. Man weiß es nicht. Nichts ist sicher. Wie wird das weitergehen? Während sich im Gemüt vieler Menschen in meiner Umgebung ein stiller Horror ausbreitet, der von systemimmanenter, struktureller und damit oft unsichtbarer Gewalt geprägt ist, wird das Feindbild auf der politischen Bühne immer noch in sogenannten fremden Elementen gesucht: in MigrantInnen, BettlerInnen, religiösen Fundamentalisten und anderen Minderheiten und zu Sündenböcken Stigmatisierten, welche die Bevölkerung, also uns, von der Wurzel des eigentlichen Problems ablenken sollen.

Der Wahnsinn geht vorbei

Bleibt zu hoffen, dass kritisch denkende Historiker wie Daniele Ganser, Ökonomen wie Markus Krall, Psychologen wie Raphael Bonelli, Mikrobiologen wie Martin Haditsch und Mediziner wie Sucharit Bhakdi und Christian Fiala, Immunologen wie Stephan Hockertz, kurzum: Menschen, die über das aktuelle Tagesgeschäft hinausblicken, mutige, aufklärende Geister, dass diese letztendlich genügend Gehör finden, um dem Wahn-Sinn mit Methode ein Ende zu bereiten. Denn ein Problem löst man immer noch, indem man es benennt.

Du darfst nicht ängstlich sein…

Eines wissen nicht nur Psychologinnen und Psychologen sehr gut: Glaubenssysteme sind notwendig, um einen bestimmten Geisteszustand zu bewirken. Um ihn zu erreichen, muss ich einen bestimmten Prozess durchmachen. Schließlich muss ich den Glaubens-Ballast loslassen, nämlich dann, wenn er den Zweck – die Richtung zu weisen, den Grundstein zu legen, die Agenda voranzutreiben, den Weg zu ebnen – erfüllt hat. Mit anderen Worten: Wenn der Geisteszustand realisiert ist, kann das Glaubenssystem losgelassen werden.

In the province of mind
What one believes to be true
Either is true or becomes true

Within certain limits.

These limits ought to be found

experimentally and experientially.

When so found,
these limits turn out to be
further beliefs to be transcended.

JOHN C. LILLY

Unser eigener Film

Was auch immer wir tun, wie klein der impact auch sein mag, den wir durch Worte und Taten bewirken: es geht in erster Linie darum, wie wir sprechen und wie wir etwas tun.

Mit jedem Tag und jedem Jahr drehen wir unseren eigenen Film. Was wir mit unserer Zeit tun wirkt sich in erster Linie auf die Qualität unserer Wahrnehmung und damit auf die Qualität unseres Lebens aus. Ebenso wichtig ist zu verstehen, dass Unterlassungen unser Leben genauso prägen und formen. Wenn Du, liebe Leserin, lieber Leser, in regelmäßigen Intervallen deinen Körper stählst, deinen Geist schulst, Yoga, Tai Chi oder Qi Gong praktizierst, wirst Du merken, dass es einen großen Unterschied ausmacht, wenn Du einige Wochen das Training, die Meditation oder die spirituelle Praxis schleifen lässt. Es ist unabdingbar, Qualitätssicherung in Sachen Selbstverständnis, Weltanschauung und kultureller Dekonditionierung zu betreiben.

Der Historiker Daniele Ganser klärt über Hintergründe auf und zeigt in klarer Sprache, wie Framing funktioniert und welche Strategien psychologischer Kriegsführung genutzt werden, um bestimmte Meinungsmuster in der Bevölkerung zu aktivieren.
Für mich bedeutet das, Zusammenhänge aufzudecken, Entscheidungen zu hinterfragen, mich zu informieren und wachsam zu bleiben.
Und hochwertige Informationen, die mir zugespielt werden, hier in meinen Blog integrieren.

Ich möchte die Metapher des Lebensfilms nicht überspannen, und ich behaupte auch nicht einfach, es sei einfach alles subjektiv. Denn andere haben gewiss Einfluss auf die Ereignisse im eigenen Leben, keine Frage – doch inwieweit können sie bewirken, dass Du den inneren Frieden opferst? Inwieweit übernimmst du den Film anderer und spielst für sie eine Neben-Rolle statt in deinem eigenen Film die Hauptrolle? Nun, ich denke hier nur laut, sozusagen. Vielleicht drehst Du ja gar keinen Film – es könnte sich durchaus um eine Collage handeln, ein Mosaik, ein Puzzle, oder eben im besten Falle ein Kunstwerk. Fest steht für mich jedenfalls, dass die Art und Weise, wie wir uns selbst sehen und wie wir mit uns selbst umgehen, in engem Zusammenhang damit steht, wie sich unser Leben gestaltet und wie wir mit anderen Lebewesen und mit unserer Mitwelt umgehen. In der Schwitzhütte wurde neulich wieder klar, wie wichtig es ist, den Ahnen, Mineralien, Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen, Geistern und Göttern Respekt zu zollen. Die Frage ist nicht so sehr, ob es sie gibt oder einen Unterschied macht für jene! Ich bin es, dem es gut tut, die Vorfahren zu ehren. Mir bringt es Kraft und Lebensfreude, wenn ich Bäume umarme und den Garten kultiviere, wenn ich Katzen und Hunde streichle, wenn ich Menschen anlächle, auch wenn sie erwachsen tun und grimmig dreinschaun. Es gibt Einflüsse von diesen und jenen Seiten, und es obliegt dem Einzelnen, es liegt an Dir und mir, die menschlichen Werte hochzuhalten und wenn jemand unfreundlich wirkt, dann wohl deshalb weil dieser Mensch Dein und mein Lächeln am allerdringendsten nötig hat. Die eigene Unfreundlichkeit gegenüber Anderen basiert oft auf einer ungesunden Einstellung zur Zeit. Wenn wir uns mehr Zeit nehmen, dann sind wir auch eher gewillt und fähig, auf Bedürfnisse und Gefühle der Mitmenschen einzugehen. Mitmenschen, wohlgemerkt, die als „außen“ wahrgenommen werden, wo doch ihre Bedürfnisse und Gefühle den unseren so sehr gleichen. Wenn Du es also eilig hast, gehe langsam. Wenn Du „nur schnell mal“ von A nach B springen willst und dich am liebsten teleportieren (jaunting, sh. Alfred Bester’s The Stars My Destination) möchtest, dann fahre langsam. Wenn Dir alle nur im Wege sind und Dir alles zu langsam geht, dann ist es Zeit für Dich, inne zu halten und jemanden vorzulassen. Und plötzlich erscheint es so, als wäre genügend Zeit vorhanden. Du hast vielleicht 5-30 Sekunden „verloren“. Doch Deinen guten Humor und Deinen inneren Frieden – und das ist es schließlich, worauf es am Ende des Tages wie am Ende des Lebens ankommt – wieder gefunden. Du bist angekommen.

Die Qualität der Selbstwahrnehmung ist das Um und Auf im Umgang mit anderen. Die Anderen wirken auf uns so, wie wir sind. Unsere eigene Stimmung bestimmt, wie sich uns die Welt darbietet. Sie stellt sich dar als unser Spiegelbild. Auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogen bedeutet das: Was wir in uns selbst nicht an Werten hochhalten, das bemerken wir auch in anderen Menschen nicht. Nur ein Buddha erkennt einen Buddha. Ein Wolf hingegen wird sich umgeben sehen von Wölfen. Menschen und andere Tiere in meiner Umgebung reagieren normalerweise sobald ich reagiere und nicht vollkommen bei mir bin. Andere Lebewesen spüren, was ich ausstrahle, und dementsprechend verhalten sie sich, et vice versa.

Es ist wie Indras Netz. Alles ist mit allem verbunden.

Und zugleich ist es wie ein Karussell, und wir drehen unsere Runden.

Meditation: Konzentration & Achtsamkeit

Wenn heutzutage in einem Gespräch von Meditation die Rede ist, kann vieles gemeint sein. Da der Begriff verschiedenste Methoden bezeichnet und mit unterschiedlichen Traditionen assoziiert wird, fällt es schwer, ihn zu definieren und damit einzugrenzen. Teilweise überlagern sich die Bedeutungen von Reflexion und Kontemplation, von Konzentration und Gewahrsein, sodass im Wort Meditation (fast schon wie der Begriff Religion) eine große Bandbreite an Konnotationen mitschwingt. Für manche bedeutet es, über ausgewählte Ideen und Konzepte intensiv nachzudenken; für andere wiederum, vom Denken schlichtweg abzusehen und sich der Präsenz abseits jeglicher konzeptuellen Vorstellungen zu widmen.

The distinction between ideational versus non-ideational is only one of the many contrasting interpretations of the practices called meditation. Thus, while certain techniques (like those in the Tibetan Tantra) emphasize mental images, others discourage paying attention to any imagery; some involve sense organs and use visual forms (mandalas) or music, and others emphasize a complete withdrawal from the senses; some call for complete inaction, and others involve action (mantra), gestures (mudra), walking, or other activities. Again, some forms of meditation require the summoning up of specific feeling states, while others encourage an indifference beyond the identification with any particular illusion.

Claudio Naranjo & Robert E. Ornstein: On the Psychology of Meditation (1971), p. 7

Hinzu kommt, dass Vertreter moderner Bewusstseinsschulung oft auf ihrer jeweiligen Methode als der einzig wirklich Wirksamen bestehen. Daraus ergeben sich Fragen: Was funktioniert wirklich? Woran kann ich mich orientieren? Worauf lasse ich mich ein? Die Auswahl einer geeigneten Technik bzw. Methode kann somit für Suchende zur Lebensaufgabe werden. Zu Buddhas Zeiten war dies scheinbar nicht anders:

As they sat there, the Kalamas of Kesaputta said to the Blessed One, „Lord, there are some brahmans & contemplatives who come to Kesaputta. They expound & glorify their own doctrines, but as for the doctrines of others, they deprecate them, revile them, show contempt for them, & disparage them. And then other brahmans & contemplatives come to Kesaputta. They expound & glorify their own doctrines, but as for the doctrines of others, they deprecate them, revile them, show contempt for them, & disparage them.

They leave us absolutely uncertain & in doubt: Which of these venerable brahmans & contemplatives are speaking the truth, and which ones are lying?

Kalama Sutta

Was ist Meditation?

Diese Frage stellen sich heutzutage immer mehr Menschen. Es herrscht Verwirrung. Aus diesem Grund sowie wegen der eingangs angesprochenen Methodenvielfalt ist es mir ein Anliegen, zwei grundsätzliche Praktiken der Geistesschulung zu untersuchen – Geistesruhe (śamatha) und Achtsamkeit (sati).

Im Laufe der Zeit werden diese beiden Aspekte der Meditation (bhavana = Übung) miteinander verwoben. Mit zunehmender Erfahrung beeinflusst die Übung den alltäglichen Bewusstseinszustand. Alltag wird Meditation. Meditation wird Alltag. Mit anderen Worten: du führst Aktivitäten wie gehen, sitzen, stehen und liegen mit gleichbleibend starker Konzentration aus. Achtsamkeit übernimmt die Aufgabe, das Nachlassen der Konzentration zu registrieren. Sobald du bemerkst, dass du dich in Hirngespinsten, Phantasien, Vorstellungen, Hoffnungen, Erwartungen usw. verlierst, bewirkt Achtsamkeit, dass du zurückkehrst zum gegenwärtigen Augenblick. Gleichzeitig verstärkt Konzentration den Grad deiner Achtsamkeit, d.h. das Ausmaß und die Intensität der in diesem Moment wahrgenommenen Ereignisse. Je schneller das Bewusstsein taktet, d.h. je höher die Frequenz deiner Schwingung, umso mehr Ereignisse nimmst du mühelos pro Zeiteinheit wahr.

Weniger als auf diese oder jene Form der Technik kommt es vielmehr darauf an, einen offenherzigen Habitus zu entwickeln, also eine Haltung, die sich durch Geistesgegenwart auszeichnet. (Cit bedeutet sowohl Herz als auch Geist. In Pasathai wird „Ich verstehe nicht“ so ausgedrückt: „Es geht nicht in mein Herz ein.“) Für diese herzensoffene Geistesgegenwärtigkeit ist immer weniger und weniger bewusstes Aufpassen nötig. Hellwach zu sein, der eigenen Intuition vertrauen, auf die innere Stimme zu hören, nicht alles zu glauben was an Gedanken auftaucht, nicht auf der persönlichen Meinung zu beharren, intellektuelle BEscheidenheit walten zu lassen, zu wissen was in einer Situation wirklich hilft und was nicht hilft (upaya, geschickte Mittel), all diese Eigenschaften und Fertigkeiten werden zu deiner zweiten Natur. Ob der Geist konzentriert oder unkonzentriert ist, beides wird registriert – ohne persönliche Identifikation mit dem konzentrierten oder unkonzentrierten Zustand.

Wie bereits erwähnt interagieren Konzentration & Achtsamkeit miteinander. Diese Interaktion führt zur Auflösung von Subjekt und Objekt und damit zu Nirvāṇa. Was bedeutet Nirvāṇa? Wie Meditation ist auch dieser Begriff auf vielerlei Arten interpretiert worden. Es überrascht daher nicht, dass ihm drei Seiten im Pāli-English Dictionary gewidmet sind. Allerdings möchte ich über das Ziel der Übung in diesem Beitrag nicht zu viele Worte verlieren. Nirvāṇa hin oder her: Schließlich ist das Leben wie ein Tanz, bei dem es nicht darauf ankommt, zu einem bestimmten Punkt auf der Tanzfläche zu gelangen; das Leben gleicht einem Musikstück, welches nicht allein durch das Finale entzückt; und vielleicht ist es auch wie ein Theaterstück, bei dem der letzte Akt nur dann Sinn ergibt, wenn die vorherigen Szenen und Akte einen halbwegs zusammenhängenden Plot darstellen. Ich erinnere mich an einen Dharma Talk, in dem vom Dalai Lama die Rede war. Jemand aus dem Publikum hatte ihn nach einem Vortrag gefragt, was der schnellste Weg zur Erleuchtung sei. Der Dalai Lama verstummte. Nach einer Weile sah man, dass sich eine Träne in seinem Auge formte. Er erklärte, dass er traurig sei, denn er hätte nie gedacht, dass das Erreichen des Ziels so wichtig sei, und dass sein Leben und seine Botschaft vielmehr darin bestünden, den Weg zu erkunden. Der Geschmack von Nirvāṇa und damit die Befreiung vom Anhaften (upādāna) an den fünf skandhas wird dem Geschmack des Weges entsprechen, der zu Nirvāṇa führt.

Im Folgenden gehe ich näher auf die Unterscheidung zwischen Geistesruhe (śamatha) und Achtsamkeit (sati) ein.


Tabula Rasa

Schon die alten Griechen sprachen und schrieben im Kontext von menschlicher Wahrnehmung, Gedächtnis und Seele von wachsüberzogenen Schreibtafeln. Auf diesen prägen Sinneserfahrungen sich wie Abdrücke ein. Zu Beginn des Lebens seien diese Tafeln leer – daher der lateinische Ausdruck tabula rasa. So sahen es u.a. Aischylos, Platon und Aristoteles. Francis Bacon und John Locke haben im 16. und 17. Jahrhundert diese Vorstellung übernommen und in ihre materialistischen Programme integriert. Zuletzt hat Steven Pinker mit seinem Werk Das Unbeschriebene Blatt die Komplexität der menschlichen Natur jenseits binärer Nature/Nurture-Muster wissenschaftlich untermauert.

In diesem Artikel eröffne ich Perspektiven, die sich am Konzept einer tabula rasa orientieren; Perspektiven, wie sie weder in der Liebe zur Weisheit des antiken Griechenland noch in der von Naturbeherrschung und Bürgerkrieg geprägten Neuzeit und genauso wenig durch die von Pinker zurückgewiesenen extremen Einstellungen (biologischer Determinismus vs. Sozialkonstruktivismus) eingenommen wurden.

Im Zuge meiner Darstellung möchte ich mich auf zwei parallel verlaufende Argumentationsgrundlagen stützen: Einerseits lassen sich die Übergange zwischen den unterschiedlichen Bewusstseinszuständen von Wachen und Träumen als einander ergänzende ZeitPunkte des Neuanfangs auffassen. Die Zeit, die wir schlafend verbringen, werden vom Körper durchgehend Sinneseindrücke empfunden, doch von keinem entsprechenden Sinnes-Bewusstsein wahrgenommen. Die persona (lat. Maske, Rolle, Person) ist abwesend. Sie ist nicht präsent (lat. praesens: gegenwärtig; wirksam, auch: entschlossen, furchtlos). Menschen wälzen sich also im Schlaf hin und her, sobald bestimmte Empfindungen den Körper heimsuchen – ganz so wie im alltäglichen Wachbewusstseinszustand Reaktionen gemäß gewohnter Automatismen stattfinden. (Ab und zu werden auch Klänge und Töne in den Ablauf eines Traums integriert. Die Luftzufuhr, die Temperatur im Raum, die Lichtverhältnisse, die Härte der Liegestatt, all das hat Auswirkungen auf die Qualität des Schlafens und des Träumens ebenso wie das, welches die letzte Tätigkeit vor dem Schließen der Augen ist.) Erst neulich erzählte mir jemand, sie habe sich im Laufe der Nacht um 180 Grad gedreht und sei in der Früh mit dem Kopf am Fußende munter geworden. Der Körper wurde bewegt, doch da war kein Beweger. Es wurde geschnarcht, doch es gab keinen Schnarcher. All das ist hinzugedichtet, und so wird aus dem Nichts mittels Worten eine Scheinwirklichkeit erschaffen. Das Leben entlang von Glaubenssätzen, die sich aufgrund dieser Scheinwirklichkeit ergeben, vergleiche ich mit Schlaf. Es ist das gedankenverlorene Fallen ins Damals und ins Nochnicht, das sich ähnlich anfühlt wie wenn du zu lange der prallen Sonne ausgesetzt warst. Das Erkennen der Scheinwirklichkeit und das Erwachen aus den eingefahrenen gewohnten Reaktionsmustern assoziiere ich mit Wachen. Mit der Relation von tatsächlichem und sinnbildlichem Wachen und Schlafen gelangen wir zur zweiten Grundlage. In der Einsicht, dass es sich bei jedem neuen Tag um einen Neubeginn handelt und jedes In-den-Schlaf-fallen ein kleiner Ego-Tod ist, verbirgt sich noch eine weitere Einsicht: dass nämlich jeder Augenblick ein Neubeginn ist, in dem jede Zelle des Körpers auf Grundlage der alten Konfiguration wieder geboren wird. So verhält es sich auch mit Gefühl, Wahrnehmung, Reaktion, Bewusstsein. Die persona (lat. Maske) wird in jedem Moment aufgrund der momentan vorherrschenden Bedingungen neu geboren. In buddhistischer Terminologie werden die soeben genannten Komponenten einer Person skandhas genannt. Skandha bedeutet Haufen bzw. Anhäufung. Woraus bestehen die Haufen? Aus Seifenblasen, Schaum, Illusionen. So wie Atome (altgr. ἄτομος, á-tomos, unteilbar) grundsätzlich leer sind von jeglicher inhärenter Natur, so sind auch die Bausteine der Person leer. Was sie wirklich erscheinen lässt, ist lediglich die bewusste/unbewusste Identifikation mit der zusammen gesetzten Schaum und der Annahme, dass mit der Verleihung eines Namens das benannte Ding Wirklichkeit wird – im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort… und das Wort ward Fleisch. (Joh 1,1; Joh 1,14)

Wachen und Träumen

Ein Mensch träumt davon, ein Schmetterling zu sein. Er wacht auf und fragt sich, ob er nicht in Wirklichkeit ein Schmetterling ist, der davon träumt, ein Mensch zu sein. Im Wachzustand verfügen wir gewöhnlich über Bewusstsein, während wir im Schlaf bewusstlos sind. Obwohl Auge, Ohr, Nase, Mund, Haut und Hirn vorhanden sind, nehmen wir keine Sinnesempfindungen wahr. Denn dazu fehlt ein Bewusstsein. Ja, es gibt Traumsequenzen während der REM-Phasen. Beim luziden Träumen wachen wir sozusagen im Schlafzustand, weshalb wir auch vom Wachträumen sprechen. Handlungen und Geschehnisse können willentlich beeinflusst werden – ganz im Gegensatz zum Traum während der Schlafphase, in dem wir Spielball der Ereignisse sind und Handlungen geschehen als würden sie uns zustoßen. Nur dass es eben niemanden gibt, der die Folgen erleidet; im Reich der Träume können wir hunderte Male sterben und kommen doch jedes Mal mit dem Leben davon, weil die Person bzw. das denkende, urteilende, handelnde Ich vorübergehend abwesend ist.

Denn wer oder was stirbt schließlich am Ende des langen, viel zu kurzen Lebens? Und wer oder was hat Angst vor der Auslöschung, vor der Vernichtung? Es ist das kleine Ich-bin-ich. Geburt und Tod betreffen nur das in den Anschauungsformen Raum und Zeit existierende Ego. Wo dieses nicht existiert, gibt es auch keine Geburt, keinen Tod. Und Ego existiert stets in der Zeit. Zeit ist die Substanz, die das Ego konstituiert und von der das Ego zehrt. Die grauen Herren wissen, dass die Zeit es ist, die Anfang und Ende der Lebens-Geschichte auf einer Zielgeraden anberaumt.

Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden
Gönn ihm keinen Blick zurück
In der Zeit muss alles sterben –
aber nichts im Augenblick.

Konstantin Wecker

Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn wir (geistes-)abwesend lesen oder vorm Schlafengehen lesen, aber kein hinreichendes Sinnesbewusstsein mehr gegeben ist. Wenn wir durch den Wald gehen und die Blätter zwar duften, wir jedoch in ein Gespräch vertieft sind. Wenn wir jemandem zuhören, aber mehr mit den eigenen Gedanken als mit den Worten des Gegenübers beschäftigt sind. Hier befinden wir uns ebenfalls im Zustand des Träumens. Aufwachen bedeutet hier, die eigenen Handlungen in Körper, Rede und Geist zu lenken statt blind gemäß persönlicher Gewohnheiten oder kultureller Gepflogenheiten auf Geschehnisse und Umstände zu reagieren. Das betrifft auch und insbesondere das Reagieren auf die im Kopf umherschwirrenden Gedachtheiten. Schlafen und Wachen erscheinen somit nicht nur als Zustände, die sich zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten abwechseln. Vielmehr können sie als Gradmesser eines in Achtsamkeit (sati) und klarem Verständnis (sampajañña) mehr oder minder geübten Bewusstseins angesehen werden. Um etwas wirklich zu sehen, müssen Auge, Form und Sehbewusstsein zugleich gegeben sein. Nur dann findet Sehen statt. Dass ein Seher erschaffen wird, ist etwas der direkten Erfahrung Hinzugefügtes (engl. self-ing). Eine Frage, die ich mir in Bezug auf Träume immer wieder stelle: Warum erscheinen zwar Traumbilder, aber niemals Traumklänge, Traumgerüche, Traumempfindungen?


Selbst oder Nicht-Selbst

Es ist nützlich,
sich von Zeit zu Zeit
einen Besuch abzustatten.

Dschalal ad-din Rumi

Der Verstand wird in der westlich geprägten Kultur so hoch geschätzt. Der Intellekt und die Kraft der Vernunft haben einen ungeheuren Stellenwert. Doch wozu dient er, wenn er nicht dafür verwendet wird, eine „liebevolle Rede und ein tiefes Zuhören“ (Thich Nhat Hanh) zu ermöglichen? Jack Kornfield sagt: „Compassion is natural for the awakened heart – Für das erwachte Herz ist Mitgefühl natürlich.“ Vielen Menschen fällt es jedoch schwer, mit sich selbst Mitgefühl zu entwickeln, vor allem wenn sie davon überzeugt sind, ein Selbst zu sein oder zu haben, das nicht gut genug ist. Der dadurch entstandene Schmerz wird nicht wirklich gefühlt und nicht hinterfragt. Die eigentliche Erfahrung der Einsamkeit und Unzulänglichkeit im eigenen Leben wird nicht gemacht. Stattdessen wird der Durst nach mehr gestillt und wieder gestillt.

Vergeblich wird das echte LEBEN gesucht. Je und je wird wieder eine schale Ersatzbefriedigung gewählt. Statt leuchtenden Regenbogen setzt mensch auf virtuelle Realität, statt Liebe zu verschenken schaufelt mensch Zucker in sich hinein, statt auf diesem Planeten im eigenen sinnerfüllten Tun das Paradies zu finden betet mensch zu Gott im Himmel. Und statt im Hier und Jetzt wahrhaft zuhause zu sein entwirft mensch sich hoffnungsvoll oder nervös in die Zukunft oder spult im Gedächtnis vergangene Zeiten ab, in Reue oder Wehmut. Oft bis zu jenem Punkt, an dem der Glaube ans Echte verloren geht oder der Ersatz für das Echte gehalten wird.

Es gibt einen großartigen Effekt der spirituellen Praxis: das Löwengebrüll. Es ist dies der Moment, in dem klar ist, dass ich nicht ein dauerhaftes Selbst besitze, bin oder habe, mich daher von diesem Moment an nicht mehr so ernst nehmen muss und deshalb viel mehr Freude am Leben erfahre. Das Löwengebrüll stellt sich von selbst ein, sobald die notwendigen Bedingungen gegeben sind. So wie das Wachstum einer Pflanze bloß behindert wird, sobald jemand am Stengel der Pflanze zieht oder die Pflanze ausgräbt um nachzusehen ob sie bereits gewurzelt hat, so finden auch Veränderungen der Geisteshaltung auf subtile Weise statt und bewirken die Nicht-Identifikation mit der Person. Was ist nun eine Person? Eine Person kommt zustande, wenn Form, Gefühl, Wahrnehmung, karmischen Formationen und Bewusstsein gegeben sind. Sobald wir an einem oder mehreren dieser Faktoren hängen, folgt Unzufriedenheit, Kummer, Frustration, Stress.

You know what my secret is?
I don’t mind what happens.

Jiddu Krishnamurti

Skandhas

Wenn wir von einer Person sprechen, dann ist in buddhistischer Tradition die Rede von fünf Komponenten, Teilen, Aggregaten, Fadenknäueln, die üblicherweise für das Selbst gehalten werden. Das Festhalten an diesen im Sanskrit skandhas genannten Anhäufungen ist verantwortlich für die unzähligen Ausformungen von Leid (skr. dukkha) im Leben des Menschen. Ein kurzer Ausflug in die Etymologie, die Lehre von der Herkunft der Wörter: Knäuel stammt von lat. clunga und bezeichnet ein Gebilde, in dem Hunderte Fäden in- und durcheinander laufen, sodass undurchschaubar ist wie alles zusammenhängt. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass aus demselben Wortstamm auch der Begriff Klüngel abgeleitet ist sowie das englische to cling mit der Bedeutung festhalten, klammern. Skandhas lassen sich somit ganz einfach als Knäuel verstehen, deren Fäden auf undurchschaubare Weise zusammenhängen und an die wir uns klammern, weil wir glauben, dass unser Überleben davon abhängt, ein Jemand zu sein oder zumindest in den Augen anderer jemanden darzustellen. Shakespeare sprach in Wie es euch gefällt davon: „die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler“. Woran hängen wir denn nun im Speziellen?

1. Form (rūpa)

2. Gefühl (vedanā)

3. Wahrnehmung (samjñā)

4. Gewohnheiten (sankhāra)

5. Bewusstsein (vijñāna)

Diese fünf skandhas sind jene Plätze, an denen wir uns aufhalten und aufhängen: “das bin ich”, “so bin ich” etc. Sie bilden die Grundlagen der Identifikationsprozesse. Sie zu beobachten und deren Auftauchen und Verschwinden unvoreingenommen zu registrieren zerstört die Illusion eines dauerhaften Ichs.

Form (rūpa)

Yet it is just within this fathom-long body, with its perception & intellect, that I declare that there is the cosmos, the origination of the cosmos, the cessation of the cosmos, and the path of practice leading to the cessation of the cosmos.

Rohitassa Sutta

Wie lässt sich die hartnäckige Illusion, ich sei mein Körper, entlarven? Zunächst einmal verändert sich der Körper ununterbrochen und tut Dinge, die ich ihm nicht befohlen habe. Auch wenn der Körper zäh erscheint und viel aushält, so ist es doch Tatsache, dass der menschliche Körper mit der Zeit altert, immer wieder erkrankt, schließlich gebrechlich wird und zerfällt. Genau genommen beginnt der Verfallsprozess mit dem Moment der Geburt. Abgesehen davon, dass ein Körper, der den Anspruch erhebt, “Selbst” zu sein, auf meine Anordnungen hören sollte, dies aber nicht (immer) tut, lassen sich die Sinnesempfindungen untersuchen: Bin ich was ich erblicke? Bin ich tatsächlich die sich ständig verändernden visuellen Eindrücke? Aber wieder: Ich kann nicht bestimmen, was ich sehe. Und es erfordert ein gutes Maß an Achtsamkeit, um zu erkennen wie ich sehe. Bin ich der Geruch, den der Körper absondert oder den ich durch die Nase wahrnehme? Nein, “ich” bin auch noch “ich” wenn der Körper gewaschen wurde. Ich bin auch nicht der, der den Duft der Seife erschnuppert – die Nase bewerkstelligt das ganz alleine mit Hilfe der dafür geeigneten Rezeptoren. Ebenso verhält es sich mit den Klängen: Vielerlei Geräusche werden im Laufe des Tages produziert, die ich nicht willentlich hervorgerufen habe: Furzen, Rülpsen, Niesen, Husten usw. Nicht anders ist es mit den im Inneren des Körpers wirkenden Organsystemen und Drüsen. Das Herz schlägt und der Atem fließt ob ich will oder nicht. Ich sondere Schweiß und Speichel ab, Urin und Tränen, ob ich will oder nicht. Was den Geschmack von Speisen und Getränken betrifft, so ist jegliche Geschmacksempfindung äußerst kurzlebig und von äußeren Faktoren abhängig. Ab welchem Zeitpunkt wird Nahrung zu uns, mit anderen Worten, wann hört es auf Nahrung zu sein und trägt zur Regeneration und Versorgung von Zellsystemen bei? Auch das äußerliche Erscheinungsbild und der Körperbau verändern sich im Laufe des Lebens. Das Selbst wird trotz all dieser Veränderungen stets mit dem gleichen Namen belegt und die Identifikation mit dem Körper perpetuiert. Mit dem Tastsinn verhält es sich ebenso, bin ich doch nicht das durch eine Wespe oder ein anderes Insekt verursachte Jucken. Dieses kommt und vergeht schließlich wie jede andere körperliche Sinnesempfindung. Was das Denken betrifft – im Buddhismus der sechste Sinn neben Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – so lässt sich das Auftauchen und Vergehen von Gedachtem beobachten und als unpersönlicher Prozess registrieren, der ohne eigenes Zutun stattfindet.

Diese Überlegungen mögen als Anhaltspunkte dienen für eigene Reflektionen in Bezug auf den Körper.

Gefühl (vedanā)

The human turns to drugging
As to nursing from the breast
Coming to the age of weaning
Only when he’s put to rest.

Khalil Gibran

Gefühle sind entweder angenehm, neutral oder unangenehm. Manche Menschen sind bereits empfindsam genug, während fünf Minuten, in denen sie Schokoladenkuchen verzehren, alle Gefühlstöne wahrzunehmen. Auch die beste Schokolade schmeckt nicht nur angenehm. Geschmack und Konsistenz variieren während des Verzehrs: knackig, knusprig, süß, bitter, hart, weich usw. usf. Was zu Beginn Schokolade ist, hat nach 3 Sekunden Kauen kaum mehr Ähnlichkeit mit Schokolade. Wie lange bleibt dieser oder jene Geschmack erhalten? Wie ist der Nachgeschmack? Wann ist der Drang, den halb zerkauten Brei zu schlucken, nicht mehr zu unterdrücken? Wann kommt das Verlangen nach dem nächsten Bissen – wenn die Süße nachlässt und die Masse zwischen den Zahnlücken sich bemerkbar macht? Darüber wird oft hinweg gesehen.

Ein weiterer Aspekt, der bei Gefühlen eine Rolle spielt, ist die Voreingenommenheit. Um beim Essen zu bleiben: Können wir einmal Schokolade essen, ohne „Schokolade“ zu denken? Der Verzehr mit geschlossenen Augen birgt oft manche Überraschung – es schmeckt doch anders, wenn zuvor mit den Augen und der Nase Form, Farbe und Geruch wahrgenommen wurden. Wie fühlt sich die Nahrungsmasse am Gaumen und im Rachen an? Auf den Zähnen und auf der Zunge – wie denn nun? Es heißt, wenn du ein Stück wirklich achtsam isst, dann brauchst bzw. willst du gar kein zweites.

Unstillbarer Durst gründet stets auf Unachtsamkeit, d.h. auf der durch persönliche Vorlieben gefilterten, verzerrten, zurechtgebogenen Wahrnehmung der Wirklichkeit auf Kosten der direkten Erfahrung dessen, was ist.

Wahrnehmung (samjñā)

In der Tat, nichts charakterisiert einen Menschen so gut wie das Verhalten seiner Aufmerksamkeit.

José Ortega y Gasset

Wahr-Nehmung beinhaltet das Wieder-Erkennen bestimmter Muster und Erscheinungen. Intelligenz ist bis zu einem gewissen Grad das Erkennen von komplexen Zusammenhänge und Mustern, seien es nun Verhaltensmuster, Zahlenmuster, grammatische oder geometrische Muster usw. Manchmal lässt sich ein bestimmter Sinneseindruck weder mit Bekanntem vergleichen noch in eine Struktur oder ein Modell einordnen. Das Wahrgenommene lässt sich somit nicht be-greifen. Die momentane Unmöglichkeit, etwas zu begreifen, bedeutet mit anderen Worten: ich kann nicht identifizieren, worum es sich handelt, ich kann es nicht benennen. Neues ist namenlos und findet jenseits etablierter Ordnungen statt. Jede vollkommen neue Erfahrung, d.h. jeder Sinneseindruck, der mit keinem Referenzpunkt aus vergangenen Erfahrungen verglichen werden kann, wird entweder in die bestehende Nomenklatur eingegliedert oder aus der persönlichen Erfahrung ausgeblendet.

Wesentlich ist, dass die Objekte der Welt nicht nur entsprechend der Sinnesorgane verschieden aufgefasst, sondern auch mit unterschiedlichen, teils konträren Assoziationen verknüpft werden. Dementsprechend reagieren verschiedene Menschen auf ähnliche Reize so verschieden. Das mag trivial klingen. Doch wären wir uns allein dieser Tatsache im Umgang mit unserer Familie, in unserer Beziehung, am Arbeitsplatz etc. konsequent bewusst, dann bräuchte es keinen Ruf nach Toleranz. Wenn offensichtlich ist, dass wir unterschiedlich wahrnehmen und Sprache selten ausreicht, um die Erfahrung zu vermitteln, dann tragen wir in erster Linie Verantwortung für die Reaktion auf die eigene Wahrnehmung und die daraus entstehenden persönlichen Gewohnheiten.

Gewohnheiten (sankhāra)

He who has so little knowledge of human nature as to seek happiness by changing anything but his own disposition will waste his life in fruitless efforts.

Samuel Johnson

Dazu gehören gewohnte Sichtweisen, Ideen, Meinungen und der gesamte kulturelle Ballast, den wir auch dann noch tragen wenn wir meinen, „nackt“ zu sein, bloß weil wir unsere Kleidung abgelegt haben. Fundamentale Einstellungen zu weltlichen Erfahrungen bewirken unsere Reaktionsmuster:

Wenn etwas angenehme Empfindungen schafft, dann gefällt mir das.

Wenn etwas unangenehme Empfindungen hervorruft, dann missfällt mir das.

Wenn etwas weder angenehm noch unangenehm ist, dann langweilt mich das.

Das ist das gängige Reaktionsmuster auf das Spektrum menschlicher Gefühle. Den Großteil der Lebenszeit verbringen wir damit, die Dinge in unserem Leben so einzurichten – wir versuchen es zumindest – dass möglichst nur angenehme Empfindungen unseres Weges kommen. Egal ob die Wahl des Partners oder des Jobs, meistens geht es um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Was sind Bedürfnisse? Das Verlangen nach angenehmen Empfindungen und das Vermeiden unangenehmer Empfindungen. Auf diese Weise sammeln sich Verhaltensmuster an, die den Lebenslauf bestimmen. Da bleibt meistens keine Zeit – und auch kein Verständnis für die absolute Notwendigkeit – um diese Verhaltensmuster zu erkennen, zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern.

Es gilt, den verwirrenden Zauber der liebgewonnenen Denk- und Handlungsmuster zu durchschauen. Sankhāra ist stets konstruiert, bedingt, gewollt, beabsichtigt, karmisch wirksam, vergänglich. Karmische Formationen sind mentale Phänomene wie Ansichten, Überzeugungen, Meinungen, Ideen, Konzepte, Vorstellungen… mit einfachen Worten: Es handelt sich um Motive bzw. Handlungsabsichten, die durch unbewusste Wiederholung die Identifikation mit dem Selbst verstärken.

| Anicca vata sankhara | uppada vaya dhammino |
| Uppajijitva nirujjhanti | tesam vupasamo sukho |

Mahā Parinibbāna Sutta

Alle sankharas sind vergänglich.
Sie haben die Natur des Entstehens und Vergehens.
Das Zur-Ruhe-bringen ebendieser bringt große Freude.

All die menschlichen Phantasien, Projektionen, Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen lassen sich unter dem Begriff sankhāra zusammenfassen. Um den Einfluss von sankhāras zu schwächen, wende dich voller Aufmerksamkeit den eigenen Gewohnheiten zu. Beobachte sie und lerne sie gut kennen. Bekämpfe nicht deine schlechten Gewohnheiten – sie werden dadurch nur stärker oder durch deine Bemühungen noch zahlreicher. Versuche wo immer möglich, dich denjenigen Tätigkeiten zu widmen, die du zu Gewohnheiten machen möchtest.

Immer-wieder-darüber-nach-Denken wie du dich gerne fühlen würdest, ohne zu akzeptieren wie du dich im Augenblick fühlst, bewirkt Schüren und Nähren jener Gedanken, die den momentanen Geisteszustand verfestigen. Klammern und Ablehnen bedeuten beide Treibstoff für die Illusion eines inhärenten Selbst (skr. upādāna).

Entspanne dich – körperlich und mental. Entspann dich hier und jetzt in den Moment hinein.

Vergiss den nächsten Moment – es gibt ihn nicht!

Bewahre das Gewahrsein im gegenwärtigen, wunderbaren Augenblick und verweile darin. Das ist eine viel praktischere Route zu Glück, Freude, Gelassenheit und Frieden als beständig nach Erklärungen, Lösungen, Rechtfertigungen, Schlussfolgerungen und Gründen zu forschen. Natürlich gibt es auch eine Zeit dafür, aber diese Bemühungen führen nicht weiter als bis zum nächsten Problem, zur nächsten Frage.

Bewusstsein (vijñāna)

It’s a war on consciousness.

Dennis McKenna

Bewusstsein (skr. citta, jñāna) bedeutet in diesem Zusammenhang, zu wissen, was ich tue während ich es tue. Wenn ich esse weiß ich, dass ich esse und wenn ich trinke, weiß ich, dass ich trinke. Wenn ich atme, weiß ich, dass ich geatmet werde 😉

Im Buddhismus wird vom Speicherbewusstsein (skr. ālaya-vijñāna) gesprochen, wenn es um die Anhäufung von sankhāras geht. Alle unbewussten Verhaltensweisen und mentalen Bilder stammen aus diesem „Behälter“. Speicherbewusstsein ist deshalb ein wesentlicher Faktor für Irrtümer und Täuschungen. Denn die in der Psyche hinterlassenen Eindrücke sammeln sich in einem sogenannten āśaya, einem Ruheort. Sie verhindern die reine Anschauung, indem sie Wirbelwinde (skr. vṛtti) jenes gefährlichen Halbwissens auslösen, das auf übernommenen Vorstellungen und falschen Schlussfolgerungen beruht und auf diese Art und Weise die klare Wahrnehmung verfälscht. Sinnesempfindungen werden auf der Grundlage von Präferenzen, Prämissen und Präsuppositionen interpretiert. Nach der buddhistischen Philosophie und der Lehre des Patañjali im Yoga-Sutra verunmöglichen so die Rest-Wirkungen unbewusster Eindrücke die direkte Erfahrung der Wirklichkeit.

Werden die aktivierten Muster jedoch als das gesehen was sie sind, nämlich Schöpfungen des Geistes, dann trennt das Bewusstsein nicht mehr Subjekt von Objekt, gebiert keine Person und entwirft keine Welt. Diese Form des geklärten Bewusstseins wird Geistbewusstsein (skr. manovijñāna) genannt: Klares Gewahrsein von Empfindungen, Gefühlen und Gedanken ohne dualistischen Überbau. Unverhüllt.

Good and evil are an affair of the world.

When they‘re an affair of the world,
they‘re just a preoccupation.

If, when we‘re struck by preoccupations,
we‘re shaken by preoccupations,
the mind becomes a world.

Ajahn Chah

In der Psychoanalyse findet sich meines Wissens der dieser Auffassung verwandte Zugang zu den sogenannten Doppelsignalen. Das sind jene Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht ausstehen können und die aus dem einfachen Grund, dass wir nicht zu ihnen stehen und uns weigern, uns deren Wirklichkeit zu stellen, unser Leben so stark beeinflussen und in den vielen Fällen uns naturgemäß den Menschen nahebringen, die das Pendant zu unseren unterdrückten Regungen und Reaktionsmustern darstellen.

Life reflects us, perfectly and constantly.
What you hate in others, you hate in yourself.
What you love in others, you love in yourself.

Nimbin Museum, Australia

Mit den im Speicherbewusstsein vorrätigen Reaktionsmustern und den nach C.G. Jung benannten Schatten verhält es sich so wie mit Tieren im Wald in dunkler Nacht, die nur dann besondere Macht haben, wenn wir wegschauen und uns vor ihnen fürchten. (Es kommt vor, dass Tiere im dunklen Wald nur in unserer Vorstellung existieren.)


Jetzt wurde einige Male der Begriff „Wirklichkeit“ verwendet. Es erscheint daher angebracht, auf zwei Ebenen der Wirklichkeit hinzuweisen, zwischen denen in spirituellen Kreisen oft unterschieden wird und die ihre je eigene Gültigkeit haben: Die konventionelle Realität und die absolute Realität. Sie schließen einander nicht aus, sondern bestehen parallel bzw. gleichzeitig. Das Auge des Betrachtenden entscheidet über die für-wahr-genommene Realität. Konventionell: „Das ist meine rechte Hand. So sieht sie aus. Sie besteht aus Knochen, Gelenken und Blut, sie ist bedeckt von Haut und Nägeln und Haaren.“ Absolut: „Das ist Sternenstaub. Leben, wie es sich in Form/Leerheit manifestiert.“ Diese beiden Sichtweisen sind komplementär.

Wir haben immer die Wahl, ob wir den großen oder kleinen Kontext sehen. Wir können in jedem Moment reinen Tisch machen.

Den Garten kultivieren

So wie Pflanzen gewisse Bedingungen brauchen um zu sprießen und zu gedeihen, braucht auch der Mensch bestimmte Bedingungen, um das in ihm schlummernde Potenzial zu aktivieren. Pflanzen brauchen Sonnenlicht, Erde und Wasser. Manche brauchen mehr Sonnenlicht, manche weniger. Manche lieben es im direkten Sonnenbad – und zeigen diese Liebe auch bei Tag und bei Nacht. Andere verkümmern sobald sie direkter Bestrahlung ausgesetzt sind. Auch wieviel Wasser eine bestimmte Pflanze benötigt ist unterschiedlich. Wie durchtränkt soll oder darf die Erde sein? Wie soll die Erde beschaffen sein? Wir Menschen leben auf der Erde. Auch wenn sie an manchen Stellen zubetoniert wird, bahnt sich die Natur doch stets einen Weg ans Licht. Was von Menschenhand installiert und in Stand gehalten wird, bricht die Natur wieder auf sobald die Bemühungen um die Einebnung, Begradigung, Oberflächenregulierung, Nivellierung usw. usf. nur etwas nachlassen. Wir Menschen schaffen uns tagtäglich die Bedingungen, die uns gedeihen oder verkümmern lassen. Natürlich sind Menschen viel komplexer als Pflanzen, natürlich natürlich. Und klar, wer würde schon so weit gehen, Menschen mit Pflanzen zu vergleichen? Das ginge doch wirklich etwas zu weit. Oder?

Zunächst sollte dieser Beitrag vom Thema LOSLASSEN handeln. Doch dann dachte ich mir, was soll’s, schreib einfach mal drauf los. Und lass los von dem geplanten Vorhaben, einen Text zu einem vorbestimmten Thema verfassen zu wollen. Geht es nicht beim Umgang mit dem eignen Leben einfach um das, was gerade ansteht? Um das was gerade in diesem Moment passiert? Und ist es nicht im Umgang mit Sprache genau so? Alles was als Schablone davor geschoben wird, wirkt auch wie eine Schablone. Wir können niemandem wirklich etwas vormachen. Auch nicht uns selbst. Wenn ich mit jemandem spreche, ist es meine Stimme, die wirkt. Der Inhalt mag eine Rolle spielen, doch wie die Stimme die Nachricht moduliert, eben diese Sprach-Melodie bewirkt, was wie ankommt und beim Gegenüber auf taube oder offene Ohren stößt. Und hier schließt sich der Kreis zum Garten. Es ist vielleicht ein Gedankensprung, doch bitte, liebe Leserin, lieber Leser, vollführe ihn mit mir. Ich spreche vom Garten des Geistes, von der Kultivierung des Bewusstsein. Wie wir mit uns selbst sprechen, so sprechen wir im Allgemeinen mit anderen. Sind wir fähig uns selbst anzuhören und in uns zu gehen, um zu sehen, was da vor sich geht? Dann werden wir auch willens und fähig sein, anderen unser Ohr zu leihen. Das andere im besten Falle nach wie vor nach innen gerichtet um den eigenen Körper zu spüren, mit dem ganzen Wesen zuzuhören und im Atemrhythmus mitzudenken. Und wir werden mit der entsprechenden Melodie aufwarten können, die sich auf Grundlage dieser Geistes-Kultur entfaltet.

Die Unterschiede im Pflanzenreich sind so groß wie in der Welt der Menschen: Ein Garten ist stets das Ergebnis von Bemühungen, mit den Bedingungen der Natur die größtmögliche Schönheit, Eleganz und Vielfalt hervorzuzaubern, mit anderen Worten: das in ihr schlummernde Potenzial zu aktivieren. Ich finde mich bei manchen Begegnungen in Gärten wieder, in denen wuchert es nur so von verknöcherten Ideen und fixen Konzepten, man verliert sich vollkommen im Dickicht der Meinungen. Andere Gärten erblühen in kunterbunten Regenbogenspektren und fantastischen Farbenfraktalen, Möglichkeiten ohne Ende.


Die Erfahrung der Erfahrung

Tras el vivir y el soñar,
está lo que más importa:
despertar.

Antonio Machado

Je nachdem inwieweit ein Mensch die Grundlagen geschaffen hat, der eigenen Natur Ausdruck zu verleihen, werden sich Menschen finden, die diesen Ausdruck von Herzen wertschätzen. Denn was sie finden, das lebt seit Jahren im Herzen und harrt des Ausspruchs, der Verwirklichung im Jetzt. Die buddhistische Praxis des Zen besteht darin, sich der eigenen Erfahrung zuzuwenden. Nicht dem Inhalt der sinnlich wahrgenommenen Gegen-Stände. Sondern dem Geschmack der Gegenwart. Im Zen wird der außergewöhnlich gewohnten Erfahrung Mensch zu sein der ihr zustehende Tribut gezollt.

Octavio Paz nennt dies la experiencia de la experiencia. Darauf kommt es an. Als Mensch ist das echte Universum, das wirkliche Leben immer in Reichweite. Unser Unterbewusstsein ist ohne Unterbrechung in Kontakt mit den körperlichen Empfindungen. Alle Institutionen verlangen jedoch, dass Menschen die Erfahrung der direkten Erfahrung vernachlässigen, um sodann verlassen in einer konkurrenzorientierten Welt hierarchisch geordnete Daten über das kommende Wetter oder beliebige Informationsbrocken über andere Teile der Welt aufzunehmen, damit die eigene Welt den Anschein von Ordnung und Sicherheit erweckt. Wie wichtig diese Information auch erscheinen mag, sie geht auf Kosten der direkten Erfahrung mittels der Sinne, die jenseits der ichbeschränkten Sicht im gegenwärtigen Moment stattfindet.

Der Garten des Geistes wird fortan nicht mehr kultiviert, sondern konditioniert, auf maximalen Ertrag zurechtgestutzt. Das Einzige was sich unbegrenzt ausbreiten darf ist das Unkraut der Ideologien und Absolutheitsansprüche. Das ist die Frequenz, auf der dann mit anderen kommuniziert wird. Zuhören funktioniert nur eingeschränkt. Das Wachstum ist auf ein paar Ideen-Töpfe beschränkt. Der Garten Erde wird übersehen. So ist es nun mal. Je tiefer wir uns hineingraben, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir das größere Ganze aus den Augen verlieren. Und wenn es erst mal aus den Augen ist… na, wir wissen ja. Zugleich ist es wahr, dass sich die Welt in einem Sandkorn erkennen lässt… wenn wir nur richtig hinschauen. Tatsächlich dient mit der angemessenen Geisteshaltung ein jeder Anblick dem Erwachen zur Wahrheit.


Die Sache mit der Wahrheit

They say ‚the more you know the more there is to know‘, well yeah, on one level that‘s right. But there‘s another way. The more you know, the more you realize how little there is to actually know to take control of your life and your life experience, and so much of the complexity hides the simple, sparkling truths.

Genius…

This is the misunderstanding of the academic intellectual mind. It perceives understanding complexity as intelligence and cleverness – when genius is seeing the simple hidden by complexity.

David Icke

Ich glaube, Wahrheit und Freiheit entspringen derselben Wurzel. Der Schlüssel zur Freiheit liegt in der Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich und wahrhaftig sind. Normalerweise liegt über der direkten Erfahrung ein identifikatorischer Wahrnehmungsfilter über dem anderen. Die Filter selbst sehen wir nicht, und darin liegt die Ursache vieler Missverständnisse und zwischenmenschlicher Querelen. Würden wir uns öfter mit unserer eigenen Form der Wahrnehmung beschäftigen als mit den dort draußen verorteten und mit Namen belegten Dingen, würden sich viele Aufrufe zu Toleranz und Verständnis erübrigen.

Der Schlüssel zur Freiheit, sagte ich und schrieb es. Doch der Schlüssel dient nur als Metapher. Wir brauchen keinen Schlüssel. Denn die Tür ist nicht verschlossen. Es liegt nur an uns aufzuwachen, aufzustehen und hinzugehen. Sie zu öffnen obliegt uns und hindurchzuschreiten wie eine Königin, ein König, und den Garten des Geistes zu betreten. In Stille. Doch in den meisten Fällen passiert uns dasselbe Malheur wie dem zierlichen Tierchen im Vogelkäfig, das sich in der Tür festkrallt und vergisst, dass es Flügel – unendliches Bewusstsein – gibt und sich diese gar nicht weit entfernt von den Schulterblättern (vom Herzen) befinden.

Suzuki Roshi sagte einmal: Just to be alive is enough. Was sich für manch zweibeiniges Arbeitstier wie ein Affront anhört, ja wie ein Angriff auf die so mühsam zurecht gebastelte Version der eigenen Lebensgeschichte wirken mag, kann vor den wachsamen Sinnen eines Beginnergeistes nicht verbergen, worin des Roshis Absicht lag: Uns aufs Wesentliche aufmerksam zu machen. Statt von Gedanken fortgetragen zu werden wie Löwenzahnschirmchen in der Frühlingsbrise; statt der Vergangenheit nachzujagen wie der streunende Kater seinem verlorenen Mäuschen; statt zukünftigen Ereignissen vorzugreifen und sich dabei vorzustellen: »Dann und dort werde ich diese Form, dieses Gefühl, solch einen Gedanken, solche Dinge haben«; schließlich und endlich statt zu trauern, weil wir das persönliche Glück für ein individuelles Vogerl gehalten haben, das ab und zu, sofern es ihm gefällt, auf unserer Schulter Platz nimmt; statt weiterhin der Vorstellung anzuhängen, dass für das eigene Lebensglück bestimmte oder unbestimmte Personen, Plätze oder Sache notwendig sind; statt sich all dieser Irrwege anzunehmen und sich im Irrgarten der eigenen Gelüste und Abneigungen zu verwirren und zu verirren, erinnert Suzuki Roshi dich und mich an die alles entscheidende Frage: Was muss ich hier und jetzt loslassen, um die Erfahrung von Fülle zu haben, um den Geschmack von Fülle zu genießen?


Der Wert von Geschichten

Unwissenheit ist nicht nur: nicht zu wissen was wahr ist, sondern es ist auch: an die Wahrheit von etwas zu glauben, das nicht wahr ist. Und in der Folge zu behaupten, jeder hätte Anspruch auf seine eigene Wahrheit, und auf diese Weise eine Form des absoluten Relativismus in Bezug auf die Wirklichkeit zu stellen, der darauf hinausläuft, dass niemand wirklich irgendetwas wissen kann bzw. dass wir alle gleichermaßen im Dunkeln tappen. Das ist mit ein Grund, warum Geschichten eine so große Rolle im Leben spielen. Welche Geschichten wir uns selbst über unser Leben erzählen hängt zu einem entscheidenden Teil von der Gruppe ab, in die wir eingeteilt werden: In-/Ausländer, Mittelklasse, Arbeitsloser, Patriot, Pazifist, Nihilist, Anarchist, Systemerhalter, Rebell… ist es nicht so, dass Begriffe wie diese schon eine Vorauswahl über die überhaupt denkbaren Geschichten treffen? Manchmal wird auch deutlich wie sehr die Geschichten auf die Charaktere zugeschnitten sind, die in ihnen die Hauptrolle spielen. Und im eigenen Leben spielt wohl jedefrau und jedermann die Hauptrolle, oder?

Als Bodhidharma einmal vom mächtigen Kaiser gefragt wurde: »Wieviel Verdienst habe ich durch meine Taten erworben?« »Worin besteht die Essenz der höchsten Lehren?« und »Wer bist du?«, besann er sich einen Augenblick und antwortete dann: »Keinen Verdienst.« »Nichts Heiliges. Weite Leere.« und »Ich weiß es nicht.« Gelinde gesagt, der Kaiser war erstaunt. Und um noch eins draufzusetzen, verließ Bodhidharma den Thronsaal und begab sich für neun Jahre in eine Höhle um zu meditieren. Warum?

.innehalten Geist den lässt dieses wie Koan Ein

Wie führe ich mein Leben? Führe ich oder werde ich geführt? Wie sieht der Garten meines Geistes aus – nach 30 Jahren auf der Erde, nach 40 Jahren, nach 50, 60, 70 Jahren? Wirkt er gepflegt? Wirkt er so, als möchtest du gerne zur Entspannung einen Spaziergang machen? Wie viel Raum bietet er? Wie viele Grünschattierungen gibt es? Oder gibt es fast nur schwarz und weiß, richtig und falsch? Gibt es womöglich nur nützliche und unnütze Sträucher und Gräser, nur wichtige und unwichtige Dinge? Können sich die vielen über Jahre hinweg sorgsam gepflegten Gewächse noch immer gut riechen? Oder herrscht ein unüberschaubares Wirrwarr von Überzeugungen, Konzepten und Ideen?

Ist es am Ende vielleicht gar so, dass jener berühmte Geschichtenerzähler, den wir alle seit Kindheitstagen kennen und der uns vom verheißungsvollen Garten Eden berichtet, in Wahrheit von der Kultivierung des eigenen Bewusstsein spricht? Ist am Ende … vielleicht… sogar … das alles hier … nein nein das kann nicht sein… oder doch?

Das Leben ist keine Reise

What makes Sammy run

In einem Interview mit Brian Rose spricht Sadhguru darüber, dass ein sogenanntes gutes Leben nicht mehr bloß bedeutet gesund zu sein, gut zu schlafen und zu essen. Heutzutage besteht das vermeintliche Glück des postmodernen Individuums vielmehr darin, es zumindest ein Stückchen besser zu haben als der Nachbar, oder eben ein bisschen besser zu sein als gestern. Der ständige Vergleich mit anderen und mit sich selbst trägt erheblich zur Beschleunigung des eigenen Lebens-Ablaufs bei. Allein aufgrund dieser vor-gestellten, d.h. vor die-lebendige-Erfahrung-des-Daseins-als-Mensch gestellten Zielvorgabe können Menschen niemals wirklich vollkommen entspannen.

Früher hieß es keep up with the Joneses – es nie schlechter haben als die von nebenan. Heute heißt es keep up with yourself – immer etwas besser sein als gestern. Diese Einstellung hinterlässt Spuren. Die Symptome auf individueller und gesellschaftlicher Ebene wurden aus soziologischer, philosophischer und psychologischer Perspektive z.B. von Alain Ehrenberg in Das erschöpfte Selbst (2008), von Byung-Chul Han in seinem Buch Müdigkeitsgesellschaft (2010) sowie von Hartmut Rosa in Beschleunigung und Entfremdung (2013) dargestellt. Das ist kein vollkommen neues Phänomen. Schon 1941 hat Budd Schulberg mit What Makes Sammy Run einen Roman verfasst, dessen Protagonist ständig außer Atem ist. Wenn der Gedanke auftaucht, du seist »zu langsam« oder »du kommst nicht mehr mit«, dann empfehle ich die Lektüre dieser Bücher. Indem sie dazu beitragen, die zugrundeliegenden Strukturen der automatisierten Prozesse unserer Arbeitswelt und Freizeitgestaltungsoptionen aufzuzeigen, wirken sie wie Balsam auf die Seele jener Wunden, die wir uns selbst und anderen scheinbar grundlos zufügen.

Commonly we say we are this or that just because in any society it is expedient to identify with names and occupations. But we must not believe that we really are this or that; as is assumed on the level of relative truth.

To do so is to behave like crickets, which, when their faces become covered with dirt, become disoriented and muddled and bite each other until they die.

Bhikkhu Buddhādasa

Wie so vieles haben Menschen in Europa auch den Mythos »vom Tellerwäscher zum Millionär« (from rags to riches) übernommen. Selbstoptimierung, Selbstdisziplinierung bis hin zur Selbstausbeutung sind zu Faktoren des Turbokapitalismus geworden, die wesentlich zum reibungslosen Funktionieren der von Fabian Scheidler so eindrucksvoll beschriebenen Megamaschine beitragen. Die Mehrheit der Menschen ist fest überzeugt, dass am Ende ihrer Anstrengungen etwas Großartiges auf sie wartet, bei dessen Erreichen schließlich Ziel und Zweck der eigenen Lebensreise erfüllt würden. In Wirklichkeit aber gleicht das Leben einem Spiel, ja das Leben ist wie Tanz. Leben ist wie Musik. Und die Kunst besteht darin, das Leben so zu leben wie wir spielen oder tanzen.


Mein Leben und Ich

Wie mit dem Leben selbst, so steht es auch ums Ego. Ich nehme an, dass viele Anstrengungen, um das eigene Leben – schließlich handelt es sich um Mein Leben – zu verbessern, damit zusammenhängen, das Ego verbessern zu wollen, und umgekehrt, zahlreiche Bemühungen, sich selbst – denn Ego bedeutet schließlich Ich – aufzuwerten, in engem Zusammenhang damit stehen, ein besseres Leben führen zu wollen, und sei es bloß in den Augen anderer. Die Furcht, nicht gut genug zu sein; die Ungewissheit, ob die eigenen Bemühungen Früchte tragen; die Scham, den eigenen Standards nicht zu genügen – all das zeigt eine zu starke Identifikation mit dem Ego.

Gründet das Ego womöglich nur in solchen Befürchtungen und wird durch Reaktionsmuster auf uneingestandene Ängste und Sorgen aufrecht erhalten? Ist es das, was uns antreibt, was uns unentwegt beschleunigt? Ist es das Ego, das wir in anderen vor allem in Situationen wiedererkennen, in denen die eigenen Interessen durchkreuzt werden? Und worin bestehen die zuvor angesprochenen Standards, nach denen wir unser Denken und Handeln ausrichten? Sind sie nicht oft von Eltern, Mentoren, von Gesellschaft und Medien übernommen worden? Wie oft überprüfen wir die eigenen Überzeugungen und Haltungen? Inwiefern verhindert die Abhängigkeit von der Meinung anderer, dass ich das, was in mir schlummert, hervorbringe und mit der Welt teile?

Most successful people are people you’ve never heard of. They want it that way.
It keeps them sober.
It helps them do their jobs.

Ryan Holiday, Ego is the Enemy

Wie rasch doch etwas als gut oder schlecht bezeichnet wird, bloß weil es mir gerade gefällt oder nicht gefällt! Aus dem persönlichen Kreislauf des willkürlichen Beurteilens auszusteigen bedeutet, angelernte Bewertungs- und Reaktionsmuster in Frage zu stellen. Statt bloß die Symptome der Kollektivneurose mit Hilfe von medikamentös unterstützter Arbeitswut für eine begrenzte Zeitspanne zu dämpfen oder zu unterdrücken, bedarf es einer ehrlichen Bestandsaufnahme des eigenen Lebens und der Rolle des Egos in deinem Leben.

Um nicht falsch verstanden zu werden – das Ego ist nicht schlecht. Es ist nicht gut. Es ist an sich weder/noch & sowohl-als-auch. Das in spirituellen Kreisen so oft postulierte Ziel, das Ego loszuwerden, ist ein endloses und sinnloses Unterfangen. Das Ego ist kein einzelnes Ding, sondern eine unüberschaubare Vielfalt geistiger Aktivitäten und Funktionen. Bei entsprechendem Entwicklungsstand hat das Ego die Fähigkeit, das Leben zu vereinfachen und Gaia zu gestalten. Doch zumeist wird es für kurzsichtige Zwecke eingespannt, verkrampft sich, kämpft gegen imaginäre Feinde und fürchtet sich vor dem Ende, dem Tod. So viele Dinge müssen noch erledigt, so viele Ziele erreicht werden… bevor die letzte Stunde schlägt. All die Versuche des Erledigens und Sich-Entledigens, die mit der Welt vergänglicher Erscheinungen zu tun haben, gehen auf Kosten eines mühelosen Gewahrseins der ewigen Gegenwart.

Es ist stets die den Handlungen in Gedanken, Worten und Taten zu Grunde liegende Absicht, die Wirkungen zeitigt. So verhält es sich auch mit dem Ego – die Absicht weist in die Richtung, in die das Leben zeigt. So wie Kompost die schönste Blumenpracht hervorzaubern kann, so wie der Pfau das Gift in ein bunt schillerndes Federkleid verwandeln kann, so wie der Lotus im Schlamm heranwächst und in seiner Vollkommenheit schließlich jegliches Wasser und allen Schmutz abperlen lässt, so ist auch der Mensch imstande, sich von den Unannehmlichkeiten und scheinbaren Negativitäten inspirieren zu lassen. Künstlerischer Ausdruck, übersprudelnde Kreativität, unvoreingenommener Entdeckergeist sind ebenso wie Altruismus, Antizipation, Sublimierung und Humor Zeichen eines reifen und gesunden Egos, das sich der eigenen Triebe und des eigenen Verlangens bewusst ist. Die Vermittlung zwischen rohem Verlangen und moralischem Kodex, zwischen Opportunismus und Loyalität, zwischen Wille und Verantwortung geschieht durch ein bewusstes und starkes Ego. Die Dinge sind nicht wie sie zu sein vorgeben. Sie sind nicht so starr und fix wie sie aussehen. Die Angst des Egos vor der Meinung anderer gleicht der Bedrohung durch eine gefährlich aussehende Tarantel ohne Giftzähne.

Die Versuchung ist groß, nach auftauchenden Gedanken zu haschen und sie persönlich zu nehmen, sich an schmerzhafte Ereignisse zu erinnern, sich für vergangene Handlungen zu verurteilen usw. usf. Auch das ist ein Spiel, das das Ego mit sich selbst spielt. Es ist ein Spiel, das von Verlusten, von Mangel und von Reue handelt. Vor allem Reue ist ein karger Planet ohne Nahrung und Wasser, auf dem niemand freiwillig leben würde. Etwas, das nicht mehr veränderbar ist, und das unwiderruflich vorbei ist, ändern zu wollen: welche Qual könnte größer sein? Deshalb, wie Pema Chödrön so schön sagt: »Beginne wo du bist!«

»Aber wie?« höre ich dich fragen.

Eine Geschichte mag illustrieren, wie einfach es sein kann.

Eine Königin wollte wissen, wer der weiseste Mann im Königinnenreich sei. Ein Mann wurde eingesperrt in eine Zelle. In dieser Zelle befand sich eine schwere Tür aus Stahl mit einem sehr komplizierten Mechanismus. Einige Männer probierten zunächst, das Schloss zu knacken und auf diese Weise zu entkommen. Doch keiner von ihnen schaffte es. Dann wird ein Mann eingelocht. Er setzt sich gegenüber von der Tür auf den Boden und verweilt dort für einige Zeit. Er lehnt sich an die Wand und betrachtet die Tür. Dann steht er auf. Geht zur Tür und probiert die Türklinke. So einfach – die Tür öffnet sich. Niemals kam jemand vor ihm auf die Idee, sich die Tür genauer anzusehen. Alle waren auf das Schloss fixiert und versuchten, den komplizierten Mechanismus zu lösen.

Freundlichkeit (mettā)

Wie in jedem zeitgenössischen Diskurs gibt es auch in jenem, der sich mit dem Phänomen Buddhismus beschäftigt, die Außenansicht und die Innenschau. Erstere ist auf Kenntnisse beschränkt, die mündlich oder schriftlich tradiert werden. Zweitere gründet in der außersprachlichen Erkenntnis selbst. Die Sichtweisen und die daraus resultierenden Einstellungen zum Buddhismus könnten unterschiedlicher nicht sein.

Buddhismus ist meines Erachtens nicht nur ein Glaubenssystem, das Anhänger hervorbringt, die sich darum bemühen, das eigene Verhalten einem bestimmten Moralkodex anzupassen. In westlich geprägten Industrieländern wird Buddhismus meist mit Meditation in Verbindung gebracht. Achtsamkeitstraining wird im Sinne des Kapitalismus instrumentalisiert. Daraus folgt, dass die ursprüngliche Lehre Buddhas verwässert, institutionalisiert, zweckgewidmet wird. So vieles wird heutzutage mit Buddhismus assoziiert. Doch was Buddhismus genannt wird, muss noch lange nicht Buddhismus sein. Will sagen: Die Sicht auf ein bestimmtes Thema verweist eher auf Motivation, Wissensstand und Erfahrung der jeweiligen Person, und nur bedingt auf die zugrunde liegende AbSicht und das Potenzial der Idee selbst.

Um zu verstehen, was Buddhismus heute bedeuten kann und welche Rolle er im heutigen Leben spielt, ist ein Blick auf die ideengeschichtliche Entwicklung hilfreich. Ebenso lassen sich verschiedene Aspekte wie Ethik, Bewusstsein und Weisheit beleuchten, um zu versuchen, die Bedeutung dieser Aspekte im Sinne eines Buddhismus im 21. Jahrhundert zu begreifen. Auch das Leben von Buddha Shakyamuni sowie verschiedener Meister (meistens Männer) und Narren (meistens Männer) kann Einsicht gewähren in das, was ein gutes menschliches Leben ausmacht. All dies kann angesichts von Glorifizierung und Mythologisierung auch verwirrend sein, es kann entmutigen und die eigenen Grenzen ins Blickfeld rücken. Wie gut also, dass Informationsbeschaffung bestenfalls als Vorbereitung zu sehen ist für die eigene Einübung von Klarheit, die Kultivierung geistiger Sammlung und das eigenständige Setzen von Handlungen im Alltag. Gewöhnlich entspringen nämlich zahlreiche Gedanken, Worte und Taten einem verwirrten, zerstreuten und reaktiven Geist. Vielleicht aufgrund fehlender Information. Vielleicht aufgrund der Weigerung, vorhandene Information zu verwerten und in den Zusammenhang mit der eigenen lebendigen Erfahrung zu stellen. Diesen Sachverhalt zu erkennen ist also ein erster Schritt in Richtung Veränderung: Welcher Geisteshaltung (und: Körperhaltung) entspringen meine Gedanken, Worte und Taten?

Den Garten des Geistes gestalten

In diesem Sinne ist Freundlichkeit (mettā) als menschliche Eigenschaft anzusehen, die sich kultivieren und im Laufe der Zeit entwickeln lässt. Ein Mensch, der nicht freundlich ist, hat normalerweise Angst oder ist verwirrt, zerstreut und in Reaktivität befangen. Ein Mensch, der sich unfreundlich verhält, hat in der Regel körperliche Schmerzen, ist unzufrieden oder frustriert, leidet an sich selbst oder ist aus einem anderen Grund unglücklich.

Wie wir alle wissen, richtet sich die Welt selten nach den persönlichen Wünschen, vor allem wenn sie dem bodenlosen Fass kurzsichtigen egoistischen Wollens entspringen. Die Welt, in der ich lebe, ist bereits übervoll von Wünschen anderer. Was passiert nun mit den eigenen Wünschen, wenn diese vom Herzenswunsch eingerahmt werden:

Bhavatu sabba mangalam!
Mögen alle Lebewesen glücklich sein!

Mit diesem Herzenswunsch zu leben bereitet Freude wenn es anderen gut geht, wenn andere etwas schaffen, wenn andere glücklich sind. Die Grundausrichtung von Freundlichkeit (mettā) verwandelt sich in solchen Situationen in Mitfreude (mudita). Wenn jemand traurig oder verletzt ist, verwandelt sich mettā in Mitgefühl (karuna). Gleichmut (upekkha) ist die Krönung dieser Herzensqualitäten Liebe, Mitgefühl, Mitfreude. Zusammen werden sie im Buddhismus die „Vier Unermesslichen“ genannt. Was auch immer passiert, alles wird mit gleichbleibendem Mut angenommen. Freundlichkeit gewinnt dadurch den Geschmack großmütterlicher Güte und löst sich von sentimentaler Anhänglichkeit. Frei von Angst, sich den Dämonen zu stellen, bleibt Mitgefühl in Krisensituationen handlungsfähig und darüber hinaus imstande zu akzeptieren, wenn Hilfestellung abgelehnt wird oder momentan unmöglich ist. Mitfreude gleitet durch Gleichmut nicht in Rührseligkeit oder Hysterie ab. Auf diese Weise hilft Gleichmut dabei, extreme Sichtweisen zu vermeiden, unerschütterlich zu bleiben und die Herzensqualitäten im Sinne des goldenen Mittelweges zu verwirklichen.

Bald klopft der Tod bei dir an, und noch immer
bist du nicht schlicht und natürlich,
nicht seelenruhig, nicht frei von Angst,
durch äußere Dinge geschädigt zu werden,
nicht freundlich gegen alle Menschen,
und noch immer hast du nicht begriffen,
dass Einsicht und gerechtes Handeln
ein und dasselbe ist.

Marc Aurel

Selbstliebe

Ich beginne bei der Übung von Freundlichkeit stets mit mir selbst. Denn ich bin überzeugt, dass ich andere erst dann aufrichtig schätzen und lieben lerne, wenn ich mich selbst liebe und wertschätze. Während des Tages flüstere ich mir zu:

»Möge ich glücklich sein!«

Diese geistige Einstellung ist Voraussetzung dafür, die wohlwollende Haltung anderen gegenüber an den Tag zu legen, ohne Heuchelei, ohne Naivität, ohne Scheinheiligkeit, ohne Bedingungen an die Wirklichkeit zu stellen, dass sie jetzt sofort so zu sein hat wie ich mir das wünsche. Ich merke immer öfter, dass mir im Leben nicht das zugespielt wird, was ich will, sondern was ich brauche. Oft weiß ich nicht einmal, was ich wirklich und wahrhaftig im Leben brauche, und wenn es dann da ist, herrscht Verwirrung und Ablehnung, im Grunde unnötige Aufregung, und im Nachhinein wird klar: Es musste so kommen. Alles Andere hätte keinen Sinn!

Erst kürzlich sprach ich mit einem guten Freund über seine verflossene Liebe. Kurz nach seiner Trennung meinte ich, es könnte das Beste sein, das ihm je passiert ist, auch wenn es jetzt gar nicht so aussieht. Das ist nun schon zehn Jahre her. Ich sprach damals aus eigener Erfahrung. Wie oft war ich selbst am Boden zerstört, nur um mir im Rückblick zu vergegenwärtigen, dass die Trennung einen Meilenstein in meiner Entwicklung darstellte, indem so viele Türen aufgingen, die zuvor verschlossen waren! Bis heute erinnert sich mein Freund an diesen Satz. Frag dich selbst: Vielleicht ist das, was dir derzeit als furchtbares Schicksal erscheint, genau das, was du für die eigene Entfaltung als Mensch brauchst? Wir wissen doch überhaupt nicht, was positiv ist und was negativ. Es ist stets beides. Bei Richtig und Falsch, Gut & Schlecht, Licht & Dunkel, Yin & Yang handelt es sich um Extreme, die mit der lebendigen Realität nicht mithalten können; einer Realität, die stets von uns als Beobachtern mitgestaltet und mitgeschaffen wird. Im Rückblick zeigen sich negative als positive und positive als negative Ereignisse im Leben. Und genau deshalb: »Möge ich glücklich sein!«

Die in der inneren Haltung kultivierte Freundlichkeit lässt sich überallhin mitbringen. Mettā ist solch ein wunderbares Geschenk! Im Supermarkt, am Flughafen, in der U-Bahn, im Straßenverkehr… denn wie gesagt, in dem Moment, in dem mir nicht nach Freundlichkeit zumute ist, habe ich ziemlich sicher an etwas zu leiden, sei es körperliches Unwohlsein, emotionale Belastung, seelischer Ballast, irgendetwas das mich runterzieht. Mit Wachsamkeit kann ich diese Wirklichkeit erkennen. Und mit Selbstliebe im Herzen kann ich diese Zustände annehmen. Neben Dankbarkeit und Wohlwollen bringt Selbstliebe – und das schließt Mitgefühl (bei eigener Leiderfahrung) und Freude (bei eigener Glückserfahrung) mit ein – ein warmes Herzgefühl, sodass sich im Körper die mettā-Heizung einschaltet.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, was mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das gesunden Egoismus, aber heute weiß ich, das ist
Selbstliebe.

Als ich mich selbst zu lieben begann,
da erkannte ich, dass mein Denken armselig und krank machen kann, als ich jedoch meine Herzenskräfte anforderte, bekam der Verstand einen wichtigen Partner. Diese Verbindung nenne ich heute
Herzensweisheit.

Charlie Chaplin

Bis ins Unermessliche ausweiten

Es ist hilfreich, die formale mettā-bhavana in die täglichen zwischenmenschlichen Interaktionen einfließen zu lassen. Empfehlenswert ist es natürlich, dort anzufangen, wo es am einfachsten ist, z.B. Dankbarkeit gegenüber einem Wohltäter, gegenüber der eigenen Mutter (ein gutes Verhältnis zu ihr vorausgesetzt), dem besten Freund oder dem geliebten Haustier und von da aus zu neutralen Personen und schwierigen Personen überzugehen. Letztere werden traditionellerweise »Feinde« genannt. Mit der Zeit wird klar: äußere Feinde gibt es überhaupt nicht! Sie sind eine Projektion der Ängste im eigenen Geist auf die äußerlich erscheinende Welt. Alle Feinde werden im eigenen Geist konstruiert, im gepeinigten Geist, der die eigene Instabilität und Unsicherheit auf die äußerlich erscheinenden Phänomene projiziert.

Viele Meister und Meisterinnen betonen wie wichtig es ist, sich der Tatsache des Todes bewusst zu werden. Das hat nichts mit einer morbiden oder gar fatalistischen Haltung zu tun. Die Bewusstmachung der Tatsache der eigenen Sterblichkeit darf nicht mit Todessehnsucht verwechselt werden. Als Mensch bist du angehalten, dich von den Extremen fernzuhalten, d.h. nicht am Leben kleben und nicht den Tod herbeisehnen. Lama Zopa Rinpoche erwähnt in seinen Belehrungen im Anschluss an den Film Milarepa (Neten Chokling, 2006), dass der Tod eines Freundes, die Krankheit einer Geliebten oder der Verlust von Hab-Seligkeiten wie Geld oder Besitz nicht das Problem ist, sondern der Geist der das zum Problem macht, sei das wirkliche Problem. Wie vorhin im Zusammenhang mit der Illusion äußerer Feinde bereits erwähnt: Wenn wir uns über den nahenden Tod einmal klar geworden sind und uns, wenn wir streiten, einfach fragen: »Wo werden wir sein in 300 Jahren?« dann umarmen wir uns und zwar deswegen, weil wir imstande sind, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Wir erkennen das Wesentliche: Dieser Moment, die Kostbarkeit jedes einzelnen Augenblicks! Sonst nichts. Wo wäre da Platz für Neid, Gier, Ärger, Wut und Eifersucht? Wie sinnlos ist es, das kurze Menschenleben damit zu vergeuden, auf andere Lebewesen wütend zu sein? Welch eine Verschwendung eines so einzigartigen Gutes wie es das menschliche Leben darstellt! Und das Allerbeste kommt ja erst: In dem Moment, wo wir unsere wahre Natur entdecken, die bisher von verdunkelnden Gedanken-Emotions-Knäueln verdeckt und versteckt war – und dabei doch stets präsent – überwinden wir den Tod. Blicke ihm ins Auge und die Angst verschwindet. Unterdrücke ihn, vergiss ihn, leugne ihn, und die Angst vor dem Tod bestimmt dein Leben vor dem Tod. Identifziere deine inneren Feinde Gier, Hass und Ignoranz und siehe, all deine »externen« Feinde verschwinden!

Warum ist das so? Die phänomenale Welt wird grundsätzlich vorgestellt als eine Welt, die entlang persönlicher Vorlieben und Abneigungen eingeteilt ist. Das bedeutet, die Welt wird so aufgefasst, wie es den eigenen Kapazitäten entspricht. Mit anderen Worten: der eigene Bewusstseinsraum bestimmt, wie die Welt wahrgenommen wird. Dementsprechend kann sie nur so komplex sein wie wir sie vorzustellen vermögen. Das hat weniger mit Intelligenz zu tun als mit der Fähigkeit, die intellektuelle Perspektive auf die Welt selbst zu untersuchen und somit eine Art Vogelperspektive einzunehmen. Wohltäter, Freund, neutrale Personen, sogenannte Feinde, Tiere – allesamt fühlende Wesen, richtig? Alle streben nach Glück und vermeiden Leid, richtig? Und das schließt mich selbst mit ein.

Die Entscheidung, die Liebe zu sich selbst auf alle anderen fühlenden Wesen auszudehnen, hat nicht nur zur Bedingung, dass besagte Selbstliebe und Selbstwertschätzung überhaupt existiert. Eine zusätzliche Bedingung besteht darin, dass von diesem Selbst abstrahiert werden kann, um die existenziellen Gemeinsamkeiten zu erkennen, die ich mit allen anderen fühlenden Lebewesen teile. Dazu braucht es Selbstreflexion bzw. die Entwicklung eines »gesunden Selbst« – erst dann kann dieses Selbst losgelassen werden.


Selbstkenntnis

Persönliche Erfahrungen bilden die Grundlage meiner Autobiographie. Bei genauer Betrachtung lassen sich viele Schwierigkeiten in meinem Dasein darauf zurückführen, dass Handlungen in vergangenen Lebensabschnitten von Unwissenheit, Ignoranz, Anhaftung und Ablehnung geleitet waren. Jenseits irgendwelcher zu kurz gegriffener Konzepte wie Schuld und Sühne, Vergeltung und Buße, Verbrechen und Strafe bedeutet karma nichts Anderes als Handlung, vipāka nichts Anderes als Auswirkung. Es handelt sich nicht um ein legalistisches System des Menschen, sondern um ein universales Gesetz der Natur, das die Wechselwirkung von Handlungsabsicht und Effekt beschreibt. Kurz: Absichten zeitigen Folgen. Das kann auch auf die Gesellschaft als Ganzes bezogen werden, nicht nur auf ein Individuum.

Säe einen Gedanken, ernte eine Tat.
Säe eine Tat, ernte eine Gewohnheit.
Säe ein Gewohnheitsmuster, ernte ein Schicksal.

Immer wenn ich auf diese Weise betrachte, welchen Hindernissen ich im Leben begegne und welche Menschen ich treffe, wächst in mir Gleichmut, Verständnis und Mitgefühl. Wenn ich einsehe, dass es notwendigerweise so kommen muss, wogegen wehre ich mich dann so vehement und murre, dass nicht alles so abläuft wie ich es mir ausgemalt habe? Marc Aurel meint folgendes dazu, und es erinnert mich sehr an das, was Buddha meines Erachtens mit karma ausdrücken wollte:

Was stets hinterherkommt, folgt aus inneren Gründen auf das Vorhergehende. Denn es ist nicht etwa wie eine Aufzählung von zusammenhanglosen Einzelheiten, die nur auf gedanklichem Zwang beruht, sondern ein wohlbegründeter Zusammenhang. Und wie die Dinge harmonisch zusammengeordnet sind, so zeigt auch das Geschehende nicht eine bloße Aufeinanderfolge, sondern einen wunderbaren inneren Zusammenhang.

Marc Aurel

Ich denke, karma und karma-vipāka sind unabdingbar für ein tiefes Verständnis des Selbst – ein Selbstverständnis, aus dem wiederum Selbst-Mitgefühl entspringt. Innenschau (japan. naikan) bedeutet, sich Momente zu vergegenwärtigen, in denen mir oder meinen Mitmenschen bzw. Mitlebewesen Leid widerfahren ist. Diese Momente ins Bewusstsein zu rufen bzw. die notwendige Stille in sich selbst einkehren zu lassen, die dieses Leid wieder an die Oberfläche des Bewusstseins blubbern lässt, ermöglicht die zuvor angesprochene Selbstreflektion bzw. Abstraktion vom Selbst, die notwendig ist, um ein gesundes Selbst zu entwickeln, das in der Folge losgelassen werden kann. Zu starke Zweckgerichtetheit und Nützlichkeitsdenken stehen der Verwirklichung entgegen, denn der Wille ist zu angespannt. Ebenso wird ein halbherziger Versuch nur halbherzige Ergebnisse hervorbringen. Wie immer ist der/die Übende angehalten, den mittleren Weg zu wählen.


Wir haben immer die Wahl

Zur Einübung von Herzensqualitäten gehört das Loslassen alter Ängste und Triebe. Damit einher geht die Überprüfung übernommener Wertesysteme und Glaubenssätze. Sobald die eigene Konditionierung im Sinne eingefahrener Verhaltens- und Reaktionsmuster erkannt und die zunächst unhinterfragte kulturelle Gesinnung als solche entlarvt wird, die hinter so vielen unreflektierten Alltagsentscheidungen steckt, wird aus dem mühsamen Unterfangen des menschlichen Lebens und Sterbens eine persönliche Wahl, die mich selbst und andere aus dem Kreislauf des Immergleichen befreit.

Das bedeutet sich einzugestehen, wie schmerzhaft das auch sein mag, dass die vielfach gutgeheißenen Strategien und Leitbilder der Eltern, der Lehrer und der Gesellschaft auf Konditionierung und Gewöhnung beruhen. Ent-Täuschung somit als Abgehen und Abstreifen jener Täuschungen und chimärenhafter Trugbilder. Es ist schwer, Dinge und Tätigkeiten zu unterlassen, die Ruhm und Geld, Ermutigung und Anerkennung bringen. Es ist leichter, wenn du dir klarmachst, dass es sich dabei um vergängliche Schein-Geschenke handelt, die dich binden und unfrei machen.

Hier der Kompass den ihr mir geschenkt habt
Nehmt ihn zurück er war gutgemeint doch er lenkt ab

Die Reise der Selbsterkenntnis führt dahin, die eigene konditionierte Position – und dazu gehört zweifellos auch die Positionierung als dieser oder jener Charakter (»Ich bin so…« oder »Ich bin normalerweise nicht…«) sowie Bescheid zu wissen, was ich will und was ich weiß.

Wenn etwas losgelöst von jeglicher Logik erscheint, dann mag das daran liegen, dass die dualistische Logik für ein tiefergehendes Verständnis der den Erscheinungen zu Grunde liegenden Prozesse nicht heranreicht und weil uns nicht sämtliche Umstände und Bedingungen bekannt sind, um uns das Ereignis zu erklären. Als Einzelne versuchen wir dann manchmal krampfhaft, uns von der Masse abzutrennen und uns als einsamen Streiter oder Krieger anzusehen. Dabei blenden wir aus, wie ähnlich wir den Mitmenschen durch diese Bemühungen um Einzigartigkeit werden. Muriel Barbery bringt es in Die Eleganz des Igels auf den Punkt:

Es ist immer äußerst verwirrend, dort einen vorherrschenden sozialen Habitus zu entdecken, wo man das Zeichen der eigenen Einzigartigkeit zu sehen glaubte. Verwirrend und vielleicht sogar kränkend.

Muriel Barbery

Es braucht tiefe Einsicht, um die Bewegung des eigenen Wollens und Wissen-Wollens zu erkennen sowie die eigenverantwortliche Verpflichtung und Hingabe, in Zukunft anders zu handeln. Die Aufgabe besteht darin, Mein-ungen nicht allzu ernst zu nehmen und all die liebgewonnenen Ansichten über sich und andere loszulassen.

Denn das, was ich am liebsten habe, hält mich am unerbittlichsten gefangen und die fixesten Ideen habe ich von genau jenen Dingen, über die ich am wenigsten weiß.

Nota Bene

All around us
Within us too
A fast-paced world is coming thru
It’s changing me

It’s changing you

So settle down
Release the stress

Don’t look outside for your place
Of happiness

They say life keeps changing
All the time
So you won’t stay the same

All the while

Remember we family
We are brothers and sisters
Please check your tabis
Do they have blisters?

You know if they do
You practice alright
Please adjust the gi

Til it fits you tight

Do not let school fool you
And knowledge confuse you

Be yourself stay true
And trust yourself
You’ll never get fixed

By that book on your shelf

Escape from the old
To the new
Always improve

Represent what you do

Wherever you go
To morrow
Remember it so
Jitsu – Kyo
They go together
Like hyper – hypo
Like Yang and Yin
Like Bo, Bun, Mon and Setsu Shin

Remember cross-patterning is a gift
Move from the hara as you lift
First crawl forward then crawl back
This way lower-back

Will stay intact
Make a contact
Sense within
Am I really comfortable
With the position I am in?

Listen closely what Mr. dotcom say
And please enjoy!
And take a grain of salt
Instead of analysing and assault

Vuol dire tutto che il maestro dice
Prendile con le pinze
E non con le pinzette

You’ll never get ready-made perfect ricette

Enjoy new techniques
But don’t overdo
‚Cause else you hurt the client

And yourself too

Always use both hands for the people
Don’t ask why:
Because it’s simple!

Respect every client
As your teacher
Appreciate everything

That he feeds ya

Come on relax
Keep on smiling

When it gets tough

Now it’s almost enough
Of all the advice

Just one more slice

Listen to the wise and follow their advice
You don’t have to make every mistake twice

Life starts now so stop daydreaming
In your heartmind you will find meaning

Nota bene:
Carpe diem!


This poem literally poured out of my inner core due to my experience during the last part of formal education to become a Certified Ohashiatsu Consultant.

It was springtime. Seven years ago. I was dwelling under a tree one afternoon when this gentle wave of inspiration washed over me. Later on, I took the opportunity to perform in the presence of participants and teachers, poetry slam style.

The content is related to the Advanced Program of Ohashiatsu as well as to my philosophical approach to life, death, and everything. Personally, I regard it as an expression of my gratitude to Ohashi Sensei and to the lovely students I have met in Tabiano, Italia, in May 2013.

It was a wonderful wonderful time of synchronicity and love.

Das Erbe der Wolfsmoral

Warum fällt es uns so schwer, an Alternativen zu glauben? Warum haben Anarchie und Utopie einen so schlechten Ruf? Statt an den entleerten Worthülsen zu kleben, müssen wir uns an grundlegende Wahrheiten erinnern und daran was es heißt Mensch zu sein. Also kehren wir zurück an den Ursprung des Ursprungs des Ursprungs des Ursprungs, zurück an den sogenannten Eisprung des Ursprungs…1

Jedes Morgen ist immer auch ein U-Topos,
also ein Ort, an dem wir heute noch nicht sind.
Und An-Archie steht für Abwesenheit von Herrschaft,
also für Freiheit verantwortungsvoller Menschen.

Christian Felber (in: schrot&korn, 05/2020, S. 57)

Allgemeines & Partikulares

Eine der Ursachen unseres inneren Widerstands gegen Neuerungen scheint eng mit unserer kulturellen Identität verknüpft zu sein. Die meisten Menschen wünschen sich von Herzen eine gerechte, friedliche und harmonische Welt. Doch nur wenige sind bereit, ihre persönlichen Ansprüche an die Welt zurück zu nehmen. An mir soll’s nicht liegen… höre ich manchmal – ja, wieso denn nicht?! An wem – wenn nicht an dir? Das klingt nach Voreingenommenheit. Ich halte anscheinend nicht besonders viel von anderen Menschen. Und ich schätze, damit bin ich nicht allein. Ich glaube nämlich, dass die meisten Menschen glauben, an ihnen läge es ja gar nicht, doch andere seien einfach nicht bereit für ein bedingungsloses Grundeinkommen, für ein Leben in verantwortungsvoller Freiheit (ja, das Eine bedingt das Andere!), für eine Umwertung aller Werte, für eine spirituelle Transformation der gesamten Gesellschaft.

Jeder Mensch hält sich selbst für intelligenter als andere und die größten Deppen sind vollkommen überzeugt davon, sie seien die Klügsten. Die Allerklügsten werden Politiker. Doch du kannst dir sicher sein: Politik kümmert sich um nichts Anderes als um Politik. Sie kümmert sich nicht um Menschen – nicht wirklich. Nein, darin besteht nicht das Tagesgeschäft. In einer repräsentativen Demokratie stellen wir als Wählerschaft lediglich die mit Hilfe von Lockmitteln verführte Legitimationsgrundlage der Existenz eines Menschen dar, der dann Zugang zu Kameras und Megaphonen, Hairstylisten und teurer Kleidung hat. Ist es nicht so? Mir jedenfalls erscheint Politik als Spiegel unserer eigenen engstirnigen, egoistischen, kurzsichtigen Geisteshaltung. Es wird zunehmend klar, dass das eigentliche politische Feld nicht in der Welt und schon gar nicht in den immer wiederkehrenden Werbekampagnen von Berufspolitikern zu verorten ist.

Jeder einzelne Mensch ist das politische Feld – hier, im Persönlichen muss geackert und verdaut werden. Was deine Sinne aufnehmen und welche Geschichten du dir erzählst über dein Leben und das Leben anderer erreicht mittels deiner Ausstrahlung die Sinne anderer Menschen und Tiere. Versuche nicht etwas vorzugeben, das du nicht bist, denn du kannst andere nur so weit täuschen als du selbst einer Selbsttäuschung unterliegst. Und hör auf, vor den möglichen Folgen deiner Taten zurückzuschrecken, denn du kannst unmöglich bestimmen wie andere auf dein Verhalten reagieren werden. Alles was nach außen durchdringt erzeugt im Kontext alltäglichen Handelns im allerbesten Fall starke Synergien mit Mitmenschen. Ereignisse im Leben zeigen eine erstaunliche Synchronizität sobald du ein Bewusstsein für Synchronizität entwickelst. Erhebende Synthesen von Chaos & Ordnung, von Wollen & Lassen, Leidenschaft & Distanz ergeben sich von selbst, wenn du nur Gesundheit & Krankheit, Frieden & Krieg, Himmel & Erde, Leben & Tod nicht mehr als einander wechselseitig ausschließende Gegensätze betrachtest. Paradoxien heben sich stets in einer größeren Einheit auf.

Die wichtigste politische Aktivität eines Menschen liegt in der Bemühung und Bereitschaft, das eigene Bewusstsein zu erweitern und hinsichtlich der eigenen Eingebundenheit in ein größeres Ganzes im Klaren zu sein. Ich bin überzeugt, dass abseits von Kameras und Megaphonen, jenseits des Mainstreams, ein großes Erwachen stattfindet. Die Zeichen der Zeit werden zu offensichtlich, um sie noch übersehen, absichtlich darüber hinwegsehen oder auf zynische Weise der deterministischen Wolfsnatur des Menschen zuschreiben zu können.


Vom Gesellschaftsvertrag der Maschinenmenschen

Die industrialisierte Zivilisation wird seit einigen Jahrhunderten durch eine bestimmte Grundhaltung in ihrem Wahn bestärkt alles richtig zu machen und in der Folge angetrieben, die planetare Arbeitsmaschinerie und das Wertsystem, das dieser zugrunde liegt, in alle Welt zu exportieren. Diese Einstellung beruht u.a. auf der allgemeinen Anbetung des Mammon und fragmentiert das Dasein, entfremdet den Menschen von sich selbst und von der Natur und verhindert, die wechselseitige Verbundenheit alles Seienden aktiv wahrzunehmen und sich dieser Einsicht entsprechend zu verhalten. Das Bewusstsein, dass wir aufeinander angewiesen sind und dass wir alle aufeinander bezogen sind, geht verloren; und zwar umso mehr, als Argwohn und Misstrauen gegenüber den Absichten der Mitmenschen sich breitmachen und die Bedeutung dessen, was es heißt ein Mensch zu sein, verzerren. Dieser zügellose, ungehemmte Argwohn, dass der andere mir etwas zuleide tun könnte, hat etwas zutiefst Häßliches und Trauriges.

Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass sich durch diese Einstellung das Selbstbild des Menschen so stark eingeschränkt hat, dass wir das, was uns als Menschen einzigartig sein lässt – unser unbegrenztes Potenzial für Liebe, Fürsorge, Mitgefühl – verkümmern lassen. Stattdessen schalten wir individuell und kollektiv in einen Überlebensmodus (survival mode). In diesem zählt einzig und allein das körperliche Überleben. In der Folge fallen wir einer selbsterfüllenden Prophezeiung zum Opfer, wenn private und öffentliche Präventivkriege geführt werden oder dem Macht- und Wettbewerbsstreben oberste Priorität eingeräumt werden weil uns sonst der Andere überholt, aussticht, überfällt, ausraubt, niedermacht. Noch dazu handelt es sich um einen Glaubenssatz, der auf einer verkürzten Rezeption der Quelle beruht, wie wir noch sehen werden. Ursprünglich vom Komödiendichter Plautus (254-184 v.Chr.) verwendet, um in seiner Komödie Asinaria (Eseleien) einen Kaufmann zu Leonida sagen zu lassen: »lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.« Übersetzt:

Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch,
solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist.

Zunächst einmal: Warum ein Wolf? Wie sind Wölfe? Ich denke dabei an Die Wolfsfrau (orig. Women Who Run With the Wolves: Myths and Stories of the Wild Woman Archetype) von Clarissa Pinkola Estés: Die unbändige wilde Natur der Frau, wenn sie wirklich und wahrhaftig zu sich selbst steht und in ihre Kraft kommt, dargestellt anhand von mündlich überlieferten Geschichten und psychoanalytischen Betrachtungen. Dieses Buch ist heute immer noch immens wichtig für Frauen und Männer. Dann natürlich Kevin Costners Regiedebüt Der mit dem Wolf tanzt (orig. He Who Dances with Wolves), dessen Botschaft die Versöhnung mit den Ureinwohnern des Neuen Kontinents ist. Es gibt zahlreiche Bücher und Filme, die vermitteln, wie viel der Mensch von Wölfen lernen kann – über Vertrauen, Treue, Mut, Leben, Glück.

Lassen wir also für den Moment mal die Annahme beiseite, dass der Wolf eine grausame Bestie ist, die sich in einem dunklen Märchenwald versteckt und kleine Kinder auffrisst, die auf dem Weg zur Großmutter sind. Auch die Abbildung kultureller Voreingenommenheiten in Kino und Fernsehen, wenn Wölfe über Menschen herfallen, die sich einen Weg durch die Wildnis schlagen. Lassen wir die blind übernommenen Glaubenssätze mal für den Moment beiseite und versuchen wir uns zu erinnern, wann sich zuletzt ein konkreter Mensch uns gegenüber »wie ein Wolf« verhalten hat. Wann sind wir zuletzt mit einem echten lebendigen Menschen »wie ein Wolf« umgegangen?

Wenn wir das eigene Denken und Verhalten
mit dem homo homini lupus-Satz rechtfertigen,
dann vergessen wir Ursprung und Kontext dieses Satzes.

Es war Thomas Hobbes, der den Grundstein für einen in unserer Kultur vorherrschenden Glaubenssatz, nämlich: dass es einen Staat mit absoluter Machtbefugnis braucht. Die Einrichtung des Staates, der Gesellschaftsvertrag sowie der Prozess der Arbeitsteilung blieben nicht ohne Folgen für die Machttriade von Technologie-Wirtschaft-Politik. Neben Francis Bacon und René Descartes, Adam Smith und John Locke war Thomas Hobbes zweifellos einer der Wegbereiter der Aufklärung, des Fortschrittsglaubens und der erbarmungslosen Ausbeutung natürlicher und menschlicher Ressourcen. Wir dürfen nicht vergessen, dass unsere Sichtweise sich nach einem Paradigma ausrichtet, das heute wie im 17. Jahrhundert einer materialistischen Grundhaltung Vorschub leistet.

Staatstheoretiker der frühen Neuzeit wie Thomas Hobbes behaupteten, dass die physische Macht des Staates notwendig sei, um den »Krieg aller gegen alle«, wie er im »Naturzustand« herrsche, zu zähmen – und dass es daher für alle vernünftig sei, dem Gewaltmonopol des Staates zuzustimmen. Doch solche Vertragstheorien haben einen Haken: Die Gründung eines Staates aus diesen Motiven ist noch nirgendwo beobachtet worden. Und auch einen »Naturzustand«, in dem alle gegeneinnder Krieg führen, gab es in der Menschheitsgeschichte nicht.

Im Gegenteil, die systematische Gewaltanwendung nimmt mit der Entstehung von staatlicher Macht in Form von Armeen und Polizeikräften zu, nicht ab.

Fabian Scheidler: Das Ende der Megamaschine (2015), S. 14

Das Modell von Thomas Hobbes beruht auf dem Ansatz, dass der Mensch im Grunde eine Maschine sei. Deren Funktionsweise sei der Bemühung unterworfen, Vergnügen zu empfinden und Schmerzen zu vermeiden. Seit dem Erscheinungsjahr 1651 hat die Vision des Leviathan das Antlitz der Erde verwandelt. Der Mensch ward dem animalischen Lust-/Unlust-Prinzip gleichgestellt, um ein staatliches Gewaltmonopol zu etablieren, das ihn vor sich selbst schützen sollte. Und man kann es Hobbes nicht mal anlasten. Denn schließlich bildete er einfach seine Weltanschauung ab, die sich gemäß seinem Charakter, Erfahrungsschatz und Wissensstand ausgeformt hatte. So sah nun mal seine Welt aus, die ganz stark von seiner Erfahrung des Englischen Bürgerkrieges (1642-1649) geprägt war: Leviathan (Staat) gegen Behemoth (Menschennatur). Darüber hinaus wird oft übersehen, dass sich die Bedeutung des Diktums, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf, auf die Beziehung der Staaten untereinander und ihre kriegerischen Auseinandersetzungen beschränkt. Das Zitat stammt aus der Widmung von Hobbes‘ Werk De Cive (1642):

Nun sind sicher beide Sätze wahr:
Der Mensch ist ein Gott für den Menschen,
und:
Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen;
jener, wenn man die Bürger untereinander,
dieser, wenn man die Staaten untereinander vergleicht.

Hobbes Leviathan Frontispiz

Frontispiz von Hobbes’ Leviathan.

Zu sehen ist der Souverän, der über Land, Städte und deren Bewohner herrscht. Sein Körper besteht aus den Menschen, die in den Gesellschaftsvertrag eingewilligt haben. In seinen Händen hält er Schwert und Krummstab, die Zeichen für weltliche und geistliche Macht.

Überschrieben ist die Abbildung durch ein Zitat aus dem Buch Hiob (41,25): „Keine Macht auf Erden ist mit der seinen vergleichbar“.

Quelle: Wikipedia


Kali Yuga

Just in der Epoche, in der der Mensch sich selbst als Maschine auffasste, wurde allen anderen Tieren ebenso die Seele abgesprochen und dieser Mangel als weitere Rechtfertigung genommen, sie auszubeuten, zu foltern und für die eignen Zwecke einzuspannen – ganz so wie man mit der Natur qua Natur umging.2

Was sinnlich wahrnehmbar war, war messbar;
was messbar war, wurde fortan gemessen;
was nicht messbar war, existierte per definionem nicht.

Der wissenschaftliche Raster (scientific grid) legte sich über die erfahrbare Wirklichkeit. Was die Welt in ihrer physis ausmacht, wurde analysiert, strukturiert, katalogisiert und instrumentalisiert. Die Philosophie, im Mittelalter die Magd der Theologie, wurde mit der Ankunft wissenschaftlicher Methodologie als Betrachtungsfeld unterschiedlichster Gattungen wie Mathematik, Geometrie, Physik, Moral usw. angesehen. Mit der Abspaltung der Fachwissenschaften wurde die Metaphysik ins Reich der Philosophie, die Liebe zur Weisheit zunehmend in den Bereich der Spekulation gedrängt bis schließlich heutzutage Philosophie als Spekulation zwar in vielen Kreisen als unterhaltsam betrachtet, zugleich aber als unwissenschaftlich und somit als unnütze Zeitverschwendung stigmatisiert wird.

Die Rationalisierung (lat. ratio, d.h. Verhältnis: wie viel x erhält man für y?) reduziert im Zusammenhang mit dem Machbarkeitswahn in rasendem Tempo die weltweite Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt. Ebenso hängt die Verringerung der Sortenvielfalt sowie die Vereinheitlichung der Nahrungsmittel mit der flächendeckenden Monokultur-Mentalität der Menschheit zusammen.

Nicht zuletzt ist es der Umgang der Menschen untereinander, der durch die Identifikation mit professionellen Masken, Betriebsfunktionen und gewissenloser Gleichschaltung leidet und mit der Zeit die Ausrichtung des Denkens und Handelns in lineare Einbahnen und Sackgassen lenkt. Oberflächlich betrachtet scheint es tatsächlich so zu sein, dass Menschen im 21. Jahrhundert nach wie vor die List der wilden Tiere zu Hilfe nehmen müssen, um sich selbst zu schützen. Wir sind heute so weit davon entfernt wie noch nie, die Einheit mit der Natur wahrzunehmen, und ja – unsere Endlichkeit als Wahrheit anzunehmen. Vielleicht ist das alles auch zu pessimistisch. Ich hoffe es. Ich wünsche mir so sehr, dass dies die dunkelste Stunde vor dem Sonnenaufgang ist.


Verfolg in Liebe all die Ziele die du gut nennst
Doch geh nie gegen dein eigenes Blut Mensch
Denn du irrst wenn du denkst hier steht jeder für sich
Was gegen uns geht geht gegen dich
An jedem Start ist ne Ziellinie
und wir sind alle gleich weit
und aus einer Familie

Nacktes Überleben oder Gutes Leben

Im Leviathan verlangte Hobbes nach einem Staat, der mit absoluter Macht verhindern sollte, dass sich die »Untertanen« des uneingeschränkt herrschenden Souveräns gegenseitig die Köpfe einschlagen. Doch Menschen tun dies nicht freiwillig. Es sind Führungspersönlichkeiten wie Alexander der Große, Caesar, Cato, die sich ihrer Raubtiernatur und ihren Machtgelüsten hingeben und ihrem Hass die Zügel schießen lassen, um das eigene Volk mit Befehlen gegen ein anderes aufzuhetzen. Dabei appellieren sie fast immer an den Selbsterhaltungstrieb und an die Angst der Menschen. Oft hat jedoch der Große selbst die meiste Angst um die Erhaltung seiner Machtposition. »Quis custodiet ipsos custodes?«Wer wird über die Wächter wachen?, fragte Juvenal daher zurecht. Zwischenmenschliche Beziehungen und Staatsbeziehungen müssen also unbedingt differenziert werden…

Dort nähert man sich durch Gerechtigkeit, Liebe und alle Tugenden des Friedens der Ähnlichkeit mit Gott; hier müssen selbst die Guten bei der Verdorbenheit der Schlechten ihres Schutzes wegen die kriegerischen Tugenden, die Gewalt und die List, d.h. die Raubsucht der wilden Tiere, zu Hilfe nehmen.

Thomas Hobbes: Widmung an Grafen Wilhelm von Devonshire, De Cive (1642)

Die Idee, dass wir uns voreinander schützen müssen, ist nachvollziehbar, wenn man sich bewusst macht, dass Hobbes den aristotelischen Grundsatz, der Mensch sei ein zoon politikon, negierte. Er meinte, der Mensch strebe nicht von Natur aus nach Gesellschaft; im Gegenteil: den von ihm postulierten »Naturzustand« der menschlichen Gesellschaft sah Hobbes im »Krieg aller gegen alle« (bellum omnium contra omnes). Die Etablierung des allmächtigen Leviathan hatte die Überwindung der Furcht vor wirklichen und eingebildeten Gefahren und das nackte Überleben als Ziel. Bei Aristoteles hingegen ging es um eudaimonia, d.h. um Glückseligkeit, um die Freundschaft, um die Gemeinschaft, das gute Leben.

Es macht also Sinn, dass Hobbes‘ neuzeitliche Auffassung von Mensch und Natur „ein Angriff auf die Vorstellung war, die Gesellschaft beruhe auf früheren Bindungen der gemeinschaftlichen Solidarität.“3 David Graeber spricht damit die sozialen Bindungen und Vertrauensbündnisse an, die zwischen Mitgliedern der Dorfgemeinschaften bestanden. Die Menschen glaubten aneinander (lat. credit = er/sie glaubt) und gewährten einander im Vertrauen Kredit, wenn jemand Waren oder Dienste in Anspruch nahm. Nur selten tauschten sie Kartoffeln gegen Schuhe oder Getreide gegen Tierfelle. Es braucht schon eine rege Phantasie, sich ein solch krudes Tauschsystem überhaupt vorzustellen, das es in Wirklichkeit so niemals gab. (not bad, Adam!)

Tatsächlich wurde im Großen und Ganzen jeder nach seinen Fähigkeiten eingesetzt und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben. Um die zwischenmenschliche Beziehung aufrecht zu erhalten war es durchaus üblich, ein bisschen mehr zu geben als man zuvor bekommen hatte. Man kannte sich, also wurde kaum sofort bezahlt, eher wurde angeschrieben. Durch wechselseitige Vertrauensverhältnisse entstanden auf diese Art und Weise Gemeinschaften, die auf mehr basierten als auf dem bloßen Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Zurückzugeben was man bekommen hat, oder den genauen Wert einer Gabe zu ermessen und zurückzugeben wäre gleichbedeutend gewesen mit der Aufkündigung der Handelsbeziehung, in manchen Fällen sogar der Freundschaft.

Auch wenn es keine Gesellschaft gibt, die vollkommen kommunistisch lebt, so liegt doch das Prinzip „jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ einer großen Anzahl alltäglicher Tätigkeiten zugrunde. Intern kommunizieren und arbeiten auch kapitalistische Unternehmen auf kommunistische Art und Weise. Überall da, wo effizient und nicht hierarchisch gearbeitet wird, wo kooperiert statt taktiert wird, wo improvisiert und nicht nach dem eigenen Vorteil geschielt wird, da erleben wir Kommunismus im weitesten Sinne. Wir kennen dieses Phänomen sehr gut: Bei Naturkatastrophen handeln Menschen oft auf diese Weise, denn Hierarchien und Märkte erscheinen dann als Luxus, den sich die Gemeinschaft absolut nicht leisten kann. Im Grunde lässt sich sagen, dass Kommunismus das Fundament des menschlichen Zusammenlebens darstellt. Auf dieser grundsätzlichen kooperativen Bereitschaft – und auf der unentgeltlichen Tätigkeit unzähliger Frauen im Haushalt – baut der Kapitalismus auch heute noch auf.

Die eigentliche Frage lautet jetzt, wie wir die Maschine ein wenig drosseln und eine Gesellschaft schaffen können, in der die Menschen weniger arbeiten und mehr leben können. Daher möchte ich ein gutes Wort für die untüchtigen Armen einlegen. Denn zumindest schaden sie niemandem. Wenn sie die Zeit, die sie sich frei nehmen, mit ihren Freunden und ihrer Familie verbringen und sich um die Menschen kümmern, die sie lieben, tragen sie vermutlich mehr zu einer besseren Welt bei, als uns bewusst ist. Wir sollten sie als Vorreiter einer neuen Wirtschaftsordnung betrachten, die weniger als die gegenwärtige darauf versessen ist, sich selbst zu zerstören.

David Graeber: Schulden. Die ersten 5000 Jahre (2014), S. 495

1 Käptn Peng: Sockosophie
2 Robin G. Collingwood: Die Idee der Natur (1945)
3 David Graeber: Schulden (2014), S. 420