Was ist Qualität? Rezension eines Klassikers.

Im Roman Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig geht es unter anderem auch um die griechische Philosophie. Die Geschichte entwickelt sich im Zuge einer Motorradtour und lässt Platons Dialog Phaidon wiederaufleben.


Das Werk hilft, den Anfänger-Geist zu entwickeln und zu bewahren. Was meine ich damit? Eine neophile Einstellung zum Leben, die geprägt ist von Neugier, Offenheit, von Bescheidenheit und Schaffensfreude. Das Buch sei jedem Menschen, der in einer (Denk-)Werkstatt arbeitet und wirkt, ans Herz gelegt.

Wer ein Buch sucht, das vor Lebendigkeit sprüht und einen auf die Reise mitnimmt, wird hier fündig werden. Das Buch trägt autobiografische Züge und enthält wissenschaftstheoretische Überlegungen. Genaugenommen erhält man also zwei Bücher in einem. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, erhält noch viel mehr. Hast du Interesse an Philosophie? … an abendländischer und fernöstlicher Geschichte und Kultur? … an der Beat Generation der 1970er Jahre? … an der Bedeutung von Freiheit? … an der feinen Linie zwischen Geisteskrankheit und Genialität? Dann wird dich dieses Buch genauso packen wie mich.

1974 veröffentlicht, habe ich das Buch nun ein zweites Mal gelesen und dabei mein Verständnis dessen, was dem Autor wirklich am Herzen liegt, vertiefen können. Es hat mich noch mehr berührt als beim ersten Mal. Und ich finde es schade, dass ich am Ende des Buches angekommen bin, weil es so ein Genuss war.

Auf einer Ebene findet sich der Reisebericht von Vater und Sohn. Auf einer anderen Ebene ist es eine Chautauqua – eine philosophische Untersuchung, Selbstbefragung, Erkenntnisreise. Zudem ist es das Portrait des außergewöhnlichen Menschen Phaidros, der mit seiner Untersuchung über Qualität bis an die Grenzen der analytischen Vernunft stößt. Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er seine Lebenserfahrungen in einem so starken und eindrucksvollen Buch zu vermitteln weiß. Dass es zu einem echten Klassiker der Beat-Generation geworden ist, liegt vermutlich daran, dass es viele Blickwinkel bereithält und somit dazu ermutigt, die Perspektive zu wechseln und den eigenen Lebensweg zu reflektieren. Mir persönlich gefällt diese Verbindung sehr, weil der etwas anspruchsvollere philosophische Text über die Zusammenhänge von Ethik, Rhetorik und Dialektik mit dem Bericht über den Road Trip und den damit empfundenen Gefühlen und Gedanken abwechselt. Auf diese Art und Weise hält sich das Locker-Flockige die Waage mit den philosophischen Reflexionen zu den Begriffen Qualität und Realität sowie zum dualistischen Verhältnis von Subjekt und Objekt.

Robert M. Pirsig beschreibt in seiner Chautauqua die innere Spaltung seines früheren Ichs namens Phaidros, der an einer kleinen Universität in Montana Rhetorik und kreatives Schreiben unterrichtete und zwischen der klassischen und romantischen Vernunft eine Brücke bauen wollte. Etwas, das Kant im 18. Jahrhundert mit den Denkgewohnheiten der Rationalisten und Empiristen vorbereitet hatte. Denkgewohnheiten, Definitionen und Dichotomien begrenzen die Welt und spalten alles in Subjekt und Objekt. Jede Definition schiebt einen weiteren Filter über die Wahrnehmung. So war es mit Heraklit und Parmenides, mit Rationalismus und Empirismus, mit klassischer und romantischer Qualität.

Wenn alles in Worte zerstückelt wird, bleibt mit der Zeit der Sinn für Qualität auf der Strecke. Doch was nicht zerstückelt und damit in seiner kontextualen Ganzheit zerstört wird, existiert nach Auffassung der Kirche der Vernunft nicht. Das Einbüßen des Qualitäts-Sinnes in einer Plastikwelt, die ständig auf die Tube drückt, ergibt sich als Konsequenz einer Geisteshaltung, die der Autor als „squareness“ bezeichnet. Als Undefinierbares und zugleich jedoch Wahrnehmbares/Existentes lässt sich am Begriff der Qualität die Spaltung hip vs. square, romantisch vs. klassisch, humanistisch vs. technologisch festmachen.

Wie der Autor selbst in einer Vorbemerkung festhält, geht es nicht um die Praxis des orthodoxen Zen-Buddhismus. Ebensowenig geht es um Motorräder im faktischen Sinne. Vielmehr beleuchtet der Autor den Begriff der Qualität im täglichen Leben, die Spaltung im Inneren, die Mentalität des ich-bezogenen und ich-losen Bergsteigers, und ja, schließlich die Funktion der Naturgesetze im Universum.

Kurz: Es geht um das Tao. Um das Ankommen im gegenwärtigen Augenblick. Um Aufmerksamkeit und Liebe an der Tätigkeit als Bedingung für Qualität. Ich nehme an, dass es deshalb so beliebt ist. Denn es zeigt, wie viel Hirnschmalz und Herzblut hinter einfachen und effektiven Handgriffen steckt. Ich habe gehört, dass dieses Buch besonders in IT-Kreisen beliebt ist, und zwar in seiner Funktion als „Bibel“ für die Attitude, die es für das Arbeiten am Code und für das intuitive Erkennen mathematischer Schönheit braucht.

Ja, es ist tatsächlich eine Hommage an das lebendige Interesse an der Sache, ein Plädoyer für die Liebe zur Sache selbst.


„Es gibt hier keinen Zusammenhang…“

(„… und wer was Anderes behauptet, ist ein Lügner!“)

Die Gründe, eine Weile mal nichts zu schreiben, sind vielfältiger Natur. Einerseits scheint das allgegenwärtige Thema nach wie vor jegliche Originalität zu ersticken. Mit Originalität meine ich: Ursprünglichkeit des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns, also selbst zu denken und nicht die öffentliche Meinung, den Hausverstand oder die Wissenschaft bemühen, um der Arbeit des eigenen Denkens zu entrinnen. Ja, Freunde, Denken bedeutet Arbeit, und tiefes Innenschau braucht Zeit. Es gibt professionelle Denker in unserer Gesellschaft und es gibt Rhetoriker, deren Aufgabe in der Vernebelung von Tatsachen besteht. Es gibt und gab auch immer Nachahmer, Trittbrettfahrer, Opportunisten. Dass die Sprache zunehmend verarmt ist ein Symptom unserer Zeit, in der sich viele Menschen autoritären Strukturen unterwerfen, ja Sehnsucht verspüren, ihr Verhalten von einer höheren Macht bestimmen zu lassen. Zugleich ist so gut wie jeder felsenfest davon überzeugt, die eigene Meinung kundzutun, während doch nur der alter Brei wiedergegeben wird, der am Vortag im Fernsehen gesehen, im Radio gehört oder in der Zeitung gelesen wurde.

Mit der Fremdbestimmung geht also, und dieser Punkt ist von entscheidender Bedeutung, die Illusion einher, selbst zu wollen, was von einem erwartet wird. Erich Fromm analysiert in Die Furcht vor der Freiheit jene Fluchtmechanismen und Selbsttäuschungsmanöver, die Menschen bereits zu seiner Zeit – und vermutlich zu allen Zeiten (?) – benutzt haben, um die Angst vor Ohnmacht und Isolation wenn schon nicht zu verhindern, so doch vorübergehend zu vermindern. Das Buch erschien im Jahre 1941 und ist nun, 80 Jahre danach, ebenso aktuell wie damals. Wenn ich einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen werfe, so erschlagen mich Kriegsrhetorik und Stumpfsinnigkeit. Da ist von „vorpreschen“ und „Druck machen“ die Rede, von „Kontrollen verschärfen“ und anderen ideologisch gefärbten Sentenzen. Ideologisch, denn von offenem, evidenzbasiertem Diskurs kann schon lange nicht mehr gesprochen werden. Wir müssen uns eingestehen: Wir leben in einem Zeitalter, in dem Propaganda verheerende Auswirkungen auf das Gemeinschaftsleben hat und zur Spaltung von Freundeskreisen, Familien und Partnerschaften führt.

Auf individueller Ebene zeigt sich meines Erachtens eine perfide Art der Erniedrigung. Sie wird im Laufe der Jahre verinnerlicht, sodass sich der einzelne Mensch zunehmend selbst erniedrigt. Doch das macht sich niemand bewusst. Die Angst vor Armut, Alter, Krankheit und Tod verbleibt somit im Unterbewusstsein. Ebenso verhält es sich mit der Angst vor Diktatur, Bestrafung und Kontrolle. Daniele Ganser stellt in diesem Zusammenhang die Frage: „Wovor habe ich Angst? Wäre es interessant für mich, mir diese Angst anzuschauen?“ Unbewusste Ängste vor einem Konflikt auf der Straße oder im Supermarkt führen dazu, dass sich Menschen an Verhältnisse anpassen, die letztendlich dazu führen, die Situation zu verschlimmern.

Wir müssen uns klar vor Augen halten, dass die Umwertung menschlicher Werte und Umdeutung sprachlicher Bedeutungen stattfindet. Ziviler Ungehorsam wird als unsolidarisch betitelt. Verantwortung für die eigene Gesundheit wird als unverantwortlich verstanden. Selbstbestimmung und Zivilcourage wird diffamiert als Egoismus und Idiotie. Wir leben wahrlich in einer Idiokratie. Auch der Film Don’t Look Up (2021) kann von Vertretern der verschiedenen sozialer Blasen auf je eigene Weise interpretiert werden, sodass dem Werte-Relativismus ebenso wie dem Wahrheits-Relativismus Vorschub geleistet wird.

Und natürlich braucht es einen Sündenbock, wie damals. Sie erniedrigen dich. Sie bestimmen über dich. Sie sorgen dafür, dass du dir selbst untreu wirst. Sie stellen einen Sündenbock auf. Sie hetzen dich auf. Und lassen dich vergessen, dass du erniedrigt, fremdbestimmt und dir selber untreu wirst. Sie behandeln dich wie ein Kleinkind und bevormunden dich. Obwohl, Moment mal. „Wie ein Kleinkind“? Wie behandeln wir denn Kinder? Jordan B. Peterson meint, dass Eltern für Kinder das sind, was Kultur für Erwachsene ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich meinen Vater früh verloren habe, und mit ihm eine zentrale Stütze, Bezugsperson und nicht zuletzt Autoritätsperson, dass ich fähig bin, in meinem Erwachsensein die Autorität der eigenen Kultur, in die ich hineinwachse, zu hinterfragen? Wenn Kulturen jene Rolle einnehmen, die Eltern für Kinder erfüllen, d.h. wenn Eltern im Zuge der Sozialisation als Kulturvertreter fungieren, die dem Kind die eigenen Werte vermitteln… was passiert dann mit Kindern, deren Eltern keine genuinen, originalen (wie zu Beginn im Sinne eines Ursprungs in ihnen selbst) Werte mehr haben? Was geschieht mit dem formbaren Wachs des Geistes und Gemüts eines Kindes, wenn die Eltern zusehends mit der Kultur eines autoritären Systems identifiziert sind, oder sollte ich besser sagen, um dem Zeitgeist gerecht zu werden, infiziert sind?

Meine Zuversicht stützt sich auf die Idee, dass jede Bewegung eine Gegenbewegung hervorruft. Wie bei Heraklits Spiel der Gegenkräfte und Marx‘ dialektischem Materialismus setze ich mein Vertrauen darauf, dass die Tendenz zu übertreiben diesem grausamen Spiel von Profitgier und Menschenverachtung den Garaus machen wird. Es ist eine Frage der Zeit. Und die Zeit spielt für uns, die wir das Spiel durchschauen. Denn – hier schließt sich ein Kreis – je mehr Zeit vergeht, umso mehr Menschen durchschauen das grausame Spiel und wagen es, sich selbst nicht mehr länger zu foppen, sondern den nackten König auch wirklich als splitternackt zu sehen.

Ein weiteres Mosaiksteinchen meines Vertrauens gründet auf dem Prinzip von yin und Yang. Ich meine das Prinzip der Dualität und wechselseitigen Verbundenheit. Die auf fiktiven bzw. fingierten Zahlen beruhende Panik ist meines Erachtens nur durch plumpe Propaganda aufrechtzuerhalten. Das bedeutet, dass Industrie und Politik so lange fortfahren wie wir, die Leidtragenden, der Propaganda Glauben schenken. Beide Seiten sind aufeinander angewiesen. Sie bedingen einander. Dieser Sachverhalt spiegelt sich deutlich im Gebrauch der menschlichen Sprache wider. Dualistische Sichtweisen sind unserer Sprache inhärent. Wir sehen etwas entweder so oder so. Entweder du bist krank oder gesund. Entweder positiv oder negativ. Entweder du willst, dass alle mitmachen und das Problem aus der Welt schaffen oder du willst, dass wir nichts tun und alle sterben! Wer mit der HX-Verwirrung vertraut ist, wird verstehen worauf ich hinauswill und dass diese Art zu denken im Grunde kein Denken darstellt, sondern eine 0/1 Option bzw. eine US VS. THEM-Mentalität. Ich bin zuversichtlich, dass in herausfordernden Zeiten wie diesen viele Menschen nicht nur verzweifeln, sondern auch an althergebrachten und nun obsolet gewordenen Glaubenssätzen zu zweifeln beginnen.

Schließlich ist für mich kristallklar, dass wu wei über yu wei stets erhaben ist. Beides hat seinen Platz in der Welt, doch yu wei verbraucht sich selbst. Immer mehr bemühen und immer stärker drücken und immer noch eins draufsetzen, das ist die Strategie einer Gruppe von zynischen und naiven Automatenmenschen. Ich weiß nicht, ob es nützt, auf die Straße zu gehen. Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied macht, dass ich zu Gesetzesentwürfen im Parlament Stellung nehme. Was ich aber fühle, ist Freude, wenn ich mit Menschen gemeinsam singe, und Freiheit, wenn ich im Wald spazieren gehe, und diese Freude und diese Freiheit lasse ich mir von nichts und niemandem nehmen.

Der Mayakalender und das Ende des Geldes


PODIUMSDISKUSSION AM 2. MAI 2011 mit

Dr. Carl Johan Calleman, Experte und Übersetzer des Maya-Kalenders, Orsa Sweden

Dr. Franz Hörmann, Univ.-Prof. für Unternehmensrechnung, WU Wien

Dr. Joachim Zyla, Unternehmensberater, Buchautor und Management-Trainer, Wien

Dr. Rainer Born, em. Univ.-Prof. für Philosophie und Wissenschaftstheorie, JKU Linz


Dr. Calleman

Der Mayakalender vermittelt eine ganz eigene Weltanschauung und zeigt uns, wie die Welt in verschiedenen Wellen geschaffen wurde. Diese Wellen beschreiben die Entwicklungen hinsichtlich des herrschenden Zeitgeistes in punkto Kreativität und Offenheit im weitesten Sinne. Die Höhen und Tiefen dieser Wellenformationen zeigen an, wie es um die Verwirklichung des menschlichen Potenzials momentan bestellt ist. Wer sich mit den Mustern eingehend auseinandersetzt, wird manchmal auch Ereignisse antizipieren und die Bevölkerung bereits im Vorfeld darauf hinweisen können. Auf mich wurde man vor allem durch die Voraussagen im Jahr 2001 bezüglich des ökonomischen Zusammenbruchs im Jahre 2007/2008 aufmerksam. Dies ist bemerkenswert, da ich aufgrund meiner jahrzehntelangen Forschung aus einer gänzlich anderen Perspektive als der wirtschaftlichen zu der Auffassung gekommen bin, dass in jedem Falle – auf die eine oder andere Weise – ein solcher Rückgang zu diesem Zeitpunkt zu verzeichnen sei. Durch die Ereignisse vor drei Jahren (Stichwort: zweitklassige Hypothekendarlehen und Finanzderivaten-Blase) scheint die Bühne vorbereitet zu sein. Dennoch bin ich derzeit recht unsicher und glaube eher, dass vor dem September 2011 ein noch endgültiger wirkender Zusammenbruch bevorsteht, der das gesellschaftliche Gefüge völlig zerrütten wird. Ich sage deshalb voraus, dass uns in Bezug auf die gesamtgesellschaftlichen Beziehungsgefüge große Veränderungen bevorstehen.

Gleicht der Maya-Kalender vielleicht irgendwie auch dem Gedankengut des Heraklit („Alles fließt“)?

Dr. Born

In mancher Hinsicht schon, doch da sollten wir eher vorsichtig sein, meine ich. Wenn wir die Welt sehen, wie sie sich uns heute zeigt, dann stellt sich die Frage, was wir tun können, um die Situation zu verbessern. Der Maya-Kalender erscheint als eine Art Algorithmus, der uns auf Zeiten erhöhter und geschwächter Kreativität hinweist. Das Problem besteht meines Erachtens darin, dass Wirtschaft im Sinne einer festgelegten Gesetzessammlung verstanden wird, nach der wir uns richten und deren Gesetze ohne tiefes Verständnis der Zusammenhänge einfach angewandt werden. Es gibt stets veränderliche Strukturen, aber keine Voraussicht. Vielleicht braucht es hier eine neue „Ethik“, damit wir wieder zur Besinnung kommen, d.h. unserem Tun wieder einen Sinn verleihen.

Denken Sie, dass Ethik in dieser Sache eine Rolle spielt?

Dr. Zyla (‚When God Wasn’t Watching, The Devil Created Business‚)

Das ist schwierig zu beantworten, weil wir sehen, dass heutzutage in internationalen Geschäftsbeziehungen ethische Überlegungen kaum beachtet werden. Was mich auch interessiert ist die Relevanz des Maya-Kalenders, wenn wir uns zukünftigen Entwicklungen zuwenden. Ich selbst kam mit dem Maya-Kalender durch einen Freund in Kontakt. Und heuer im Jänner/Februar 2011 war ich drei Wochen lang mit meiner Gattin in Yucatan (Mexiko), um die antiken Maya-Stätten zu besichtigen, einfach um zu sehen, ob wir uns in die Atmosphäre bzw. die Schwingungen eintunen könnten. Wir konnten es, doch verlief das Erlebnis doch anders als wir uns das vorgestellt hatten. Es herrscht große Not an Moral und Ethik. Falls sich nichts an den gegenwärtigen Verhältnissen ändert, dann sehe ich, dass sehr viele Unternehmen implodieren werden, und zwar weil Vorstandsmitglieder, Topmanager und andere leitende Angestellte aufgrund der an sie gestellten Anforderungen ineffizient, unglücklich und krank werden, wenn für sie der Sinn für ihre Arbeit abhanden kommt. Ihre Arbeit wird sinnlos. Eine Tätigkeit, die als sinnlos angesehen wird, zehrt an Energie. Das Ergebnis davon sind frustrierte, verbrauchte, kranke Mitarbeiter. Aus diesem Grund sehe ich einen großen Bedarf an Moral und Ethik in der zukünftigen Unternehmensführung.

Dr. Hörmann

Das momentane Wirtschaftssystem mit den ‚token of matter‘, d.h. mit den immer gleichen Münzen, die wir als legitimes Zahlungsmittel anerkennen. Dieses System wird nicht mehr funktionieren. Es spiegelt unser auf materielle Güter begrenztes Bewusstsein wider. Wir geben und bekommen gleichartige Dinge. Immer wieder ein bloßes Mehr desselben toten Materials. Und so bleiben wir auch auf unser momentanen Bewusstseinsebene stehen, weil sich keine qualitative Entwicklung ergibt. Die Menschen bleiben also gefangen im grob materiellen Wirtschaftsdenken und entfalten ihr kreatives Potential nicht so, wie es möglich wäre.

Kann es sein, dass ein neues Geldsystem, das die menschliche Kreativität fördert, zu der notwendigen spirituellen Entfaltung beiträgt? Was sagt denn der Maya-Kalender dazu?

Dr. Calleman

Dass sich die Währungen im Laufe der Zeit(alter) als abstrakte Werte etabliert haben, hat viel mit den genannten Wellen der Kreativität zu tun. Früher haben die Leute einfach miteinander gefeilscht, gehandelt, Waren ausgetauscht. Zunächst waren es Edelmetalle, dann waren es die Zahlen/Symbole auf den Metallen, der Stempel oder die Prägung usw. Schritt für Schritt haben sich die Zahlungsmittel bis zum Geldschein entwickelt, der an und für sich ja überhaupt nichts wert ist, wenn wir ihn mal anschauen. Die nächste Welle brachte weitere Abstraktion. Der Goldstandard verschwand und existiert nun gar nicht mehr. Hinter dem Geld steckt heutzutage also kein tatsächlicher Wert. Alles beruht nur mehr auf dem Übereinkommen, dass die Menschen Papier als legitimes Zahlungsmittel akzeptieren. Was ich also erwarte, ist ein Bewusstseinswandel, ein Wechsel der Perspektive. Dieser löst die Einsicht aus, dass es sich beim Buchgeld um “bloße Zeichen (‚digits‘) am Bildschirm” handelt, darauf folgt der rasche wirtschaftliche Zusammenbruch, weil das Vertrauen in den symbolischen Wert dieser Zeichen sintflutartig abhanden kommt. Die gesellschaftlichen Veränderungen finden nicht bloß in Konzernen und Unternehmen statt. Erst wird sich Chaos einstellen, weil die Verträge und Abkommen von dem raschen Wandel bedroht werden. Dieser rasche Wandel wird das Heraufkommen einer neuen Ethik nötig werden lassen, weil die Menschen sich miteinander arrangieren müssen. Es ist an der Zeit, zu den tatsächlichen Werten zurückzukehren und alles, was danach kommen mag, auf eben diesen echten Werten zu gründen.

Dr. Hörmann

Zunächst brauchen wir etwas, das uns das tägliche Leben ermöglicht. Ich stelle mir als Übergangsszenario Coupons vor, um Lebensmittel und Kleidung zu besorgen. Mit der Zeit jedoch sollen die Coupons, die ich anbiete, multi-dimensionale Funktionen erfüllen und elektronisch verrechnet werden. Diese Electronic-Coupons werden es auch ermöglichen, z.B. größere Anschaffungen zu tätigen und Transportmittel zu benutzen. Mit dieser elektronischen Variante wird den Handelspartnern wechselseitige Transparenz gewährt, da mithilfe der Sozialversicherungsnummer jegliche Transaktion verfolgt werden kann. Wie ist das zu verstehen? Wenn der endgültige Crash der Währungen stattfindet, werden wir nicht kleine Papierzettelchen bekommen, die uns dann zu einer Fahrt mit dem Riesenrad berechtigen. Vielmehr wird unsere Sozialversicherungsnummer zugleich Kontonummer sein, wodurch unsere Kreditwürdigkeit und unsere Transaktionen verfolgt werden können. Für JEDEN ist dann nachvollziehbar, wer mit wem wann wo welches Geschäft abgeschlossen hat. Und ich bin ganz fasziniert von der Idee, dass das global umgesetzt wird. Von dem Moment an, in dem das soziale Netzwerk die ihm eigene Währung zur Verfügung stellt, werden alle Menschen auf der Erde an diesem transparenten System teilnehmen. Heutzutage ist diese Transparenz aufgrund undurchsichtiger und teilweise uneingelöster Verträge nicht oder nur begrenzt gegeben. Ich sehe die globale Verbreitung (nach Wortmeldungen während der anschließenden Publikumsdiskussion mit Vorbehalt) innerhalb von Wochen bzw. Monaten ab August 2011, weil bereits jetzt viele Gruppen daran arbeiten. Nur von unten nach oben (‚bottom-up change‘) ist wahrhaft positive Veränderung möglich.

Haben wir bereits Erfahrungen mit Betrieben, die sich auf der Basis menschlicher Werte selbst kontrollieren statt allein ihren finanziellen Interessen zu folgen?

Dr. Born

Das findet tatsächlich bereits statt, wenn es um Gemeingüter geht. Es ist wichtig, die Verbindung zwischen dem, was wir tun und dem dabei verdienten Geld wieder herzustellen. Mit anderen Worten, wir müssen reale Werte wieder mit dem Leben verbinden und die Trennung von Sprache und Realität überwinden. Dazu gehört auch, das Geld mit dem tatsächlichen Handel wieder zu verknüpfen. Wir müssen einfach wieder Bodenhaftung gewinnen. Denn jedes System, das sich wie im Kreis um sich selbst dreht, sich ununterbrochen unter Druck setzt weiterzumachen, dreht sich bald so schnell, dass die Beine sprichwörtlich in der Luft hängen. Wie hängt das mit der Thematik von Moral und Ethik zusammen? Ethik sollte nicht bloß Regeln umfassen, sondern ein Gespür sein, wie weit ich gehen kann. Dazu braucht es Vorbilder, die die Grenzen bereits leben. Und es braucht Kreativität. Was bedeutet hier Kreativität? Vor allem: die Kraft (sich) zu korrigieren! Mit anderen Menschen sprechen und Verständnis üben. Was es braucht, sind neue Möglichkeiten, die Regeln anzuwenden. Die Frage lautet dementsprechend: Wie wenden wir Regeln an? Ein/e ManagerIn braucht kleine Felder, in denen siEr erkennt, wie sie Regeln verwendet und umsetzt. Zahlreiche Facetten des Berufs bieten die Chance, kleine Änderungen vorzunehmen, die den ganzen Unterschied ausmachen. Der Blick in die Datenbank reicht nicht aus – er hat meistens nur das Ziel, die Verantwortung auf objektive Faktoren oder irgendwelche Sachzwänge abzuwälzen. Humanes und verantwortungsvolles Handeln ist gefragt!

Denken Sie, wir müssen wirklich warten bis der endgültige Zusammenbruch eintritt… oder haben wir eine gewisse Chance, einige Leute in den etablierten Unternehmen zu überzeugen, ihr Schiff umzubauen?

Dr. Zyla

Nagut. Ich muss gestehen, ich sehe das Ganze ziemlich pessimistisch. Warum? Weil ich es viele Jahre lang probiert habe. Meistens spielt auf Manager-Ebene nun einmal Angst als Motivations- und Entscheidungsfaktor die Hauptrolle. Und wenn wir unseren Körper beobachten, was er tut, wenn wir Angst haben: Es besteht alles aus Kontraktion. Alles zieht sich zusammen. Da gibt es keinen Raum und keine Zeit mehr für ethische oder moralische Überlegungen. Die kreative Ader verkümmert. Ich bin daher leider nicht gerade optimistisch, möchte aber drei Dinge vorschlagen, die wir alle tun können:

  1. Wiederverbinden mit Natur, z.B. täglich 45 Minuten in der Sonne einen Spaziergang machen.
  2. Stell fest: Wem hast du vertraut? Wem vertraust du? (z.B. Geld? Banken? Medien? Politik?)
  3. Lesen Sie Bücher über das Thema!

Der Maya-Kalender gibt uns nicht nur Auskunft über die Zeit, sondern auch über die Region, in der die Veränderungen stattfinden. Könnten Sie uns dazu etwas sagen?

Dr. Calleman

Grundsätzlich lässt sich behaupten, dass die Welt durch den/ aus dem Kosmos entstand. Die Linie Kopenhagen-Berlin-(Innsbruck)-Rom-Tripoli-Kapstadt beschreibt im Groben den Verlauf, der die beiden Hemisphären trennt. Die Hauptfinanzzentren der Welt sind im Westen angesiedelt, d.h. London und New York. Besonders die Vereinigten Staaten von Amerika haben seit jeher Geld gedruckt, um sich aus Krisen wieder heraus zu manövrieren. Diese Tatsache hängt damit zusammen, dass es sich bei den U.S.A. um eine westliche Hegemonialmacht handelt. Das alles verändert sich im Moment. Die Ereignisse überschlagen sich. Es zeichnet sich ab, dass die Entwicklungen in der arabischen Welt keinen Grund zur Annahme liefern, dass sich dort Regime bilden, die den U.S.A. ohne weiteres das Monopol auf dem Ölmarkt überlassen werden. Dann ist da Japan. Dieses Land besitzt riesige Mengen an Dollar-Vermögen, dass sie den Vereinigten Staaten sozusagen bei Bedarf leihen. Daher wird auch Japan ein amerikanisches Ölmonopol nicht zulassen. Andere können die ökonomische Situation vermutlich besser analysieren als ich. Soweit ich vernommen habe, wäre es nicht einmal dann möglich, alle Staatschulden der Vereinigten Staaten zu bezahlen, wenn die gesamte amerikanische Bevölkerung zu 100 % besteuert würde. Die linkslastige Verwendung des Gehirns im Westen lässt solch verwickelte Situationen entstehen. Es geht nur um Mathematik, Wert-Abstraktion, Logik, Linearität usw.

Ich denke, irgendein Auslöser wird den Zusammenbruch einleiten. Höchstwahrscheinlich ein asiatischer Handelspartner, der nicht mehr bereit ist, Dollars zur Deckung von Ölkäufen oder Schuldrückzahlungen anzunehmen. Der Dollar verzeichnet in der Folge immer höhere Inflationsraten. Die Wirtschaft des Landes kollabiert. Das Problem ist wirklich, dass wir Menschen bis zum Eintritt des Ereignisses glauben: Alles bleibt wie es ist. Was können wir aufbauen, was können wir tun, um uns darauf vorzubereiten? Das erste Gebot scheint ja immer noch zu lauten: „Es muss Wachstum geben.“

Dr. Hörmann

Solange Geld produziert wird und Zinsen erschaffen werden, solange muss die Wirtschaft auch wachsen, um das erhöhte Verlangen nach Geld zu befriedigen. Darüber hinaus erschaffen wir Geld in unglaublichem Ausmaß und haben doch bloß Zugang zu einer begrenzten Menge von Ressourcen. Da besteht ein Konflikt. Die Ressourcen wachsen nicht. Doch das Verlangen nach Zinsen wächst und wächst. Das führt schließlich auch zu Konflikten und Krieg. Deshalb ist es auch essentiell, dass dieses nach ständigem Wachstum verlangende Geld-Zinsen-System durch ein (Finanz-)System ersetzt wird, das eben nicht immer nur nach Wachstum strebt.

Dr. Zyla

Letzte Woche war ich eingeladen, mit Professoren u.a. von Princeton über die Zukunft der Wirtschaft zu diskutieren. Wir hatten kurze Sessions (15-20 Leute), in denen wir versuchten, Schlagworte (‚buzz words‘) zu finden, die ausdrückten, was wirklich los sei. Wir kamen zu der Schlussfolgerung, dass mit dem nächsten Kollaps der „Vierte Weltkrieg“ ausbricht. In Groß-Unternehmen, die heute den globalen Markt vollkommen dominieren, werden mit dem Zusammenbruch wieder Restrukturierungsprogramme, Sanierungsmaßnahmen, d.h. im Grunde: Kostenkürzungsprogramme… (’stream-lining measures‘) stattfinden. Das bedeutet im Klartext, dass Menschen einen Kampf gegen andere Menschen ausfechten werden. Senior-Manager werden also gegen Menschen kämpfen (müssen). Sie werden in einer furchtbaren Lage stecken, weil sie das mitmachen müssen, fühlen müssen, wie sie gegen andere Menschen kämpfen und die Protagonisten dieses „Krieges“ sind.

Sehen Sie einen Unterschied von Ost und West hinsichtlich der Ethik?

Dr. Born

In Gehirnuntersuchungen wurde festgestellt, dass Manager manchmal wie hirngeschädigte Patienten denken und handeln, weil sie das korrigierende Element des Gefühls ausschalten. Eine Erklärung ohne Gefühl ist eben nicht vollständig. Etwas statistisch zu bewerten und zu beweisen und Wachstum zu fordern reicht nicht. Es ist notwendig, sozialen Kontakt zu haben, um Entscheidungen zu korrigieren, die nur auf dem linken Gehirnareal basieren. Manager müssen in der ganzheitlichen Sicht gebildet werden und ihre eigenen Grenzen kennenlernen. Das heißt, sie müssen einsehen, dass ihre kognitive Bewertung der „Tatsachen“ unvollständig ist. Dabei hilft es auch, einfach mal 10 Minuten im Freien spazieren zu gehen und tief durchzuatmen. Das Fühlen wird im Osten höher eingeschätzt als im Westen. Kognitives Erkennen und sprachliches Erklären hingegen wird im Westen überbewertet. Wir brauchen beides. Das korrigierende Moment des Gefühls wird leider allzu oft übergangen. Das kränkt mich. Das macht mich krank. Wir brauchen sowohl die kognitive als auch emotionale Reflektion. Diese beiden müssen kombiniert werden. Die korrigierende Funktion emotionaler Reflexion kommt jedoch nur in Gruppen zum Tragen, d.h. wenn Menschen tolerant sind und einander anerkennen und zuhören, wenn sie Grenzen erkennen und in einen aktiven/agierenden Dialog treten.

Glauben Sie, dass der Mayakalender auf Zusammenhänge hinweist, die Naturkatastrophen (z.B. Erdbeben oder Wirbelstürme) mit der Evolution des menschlichen Bewusstseins verknüpfen?

Dr. Calleman

Ja, gewiss. Manchmal bei Erdbeben. Die Welt gleicht irgendwie einem globalen Gehirn. Individuelle Menschengehirne treten in Resonanz mit den Schwingungen globaler Veränderungen. So haben die kontinentalen Verschiebungen die Hemisphären unseres Planeten ganz entscheidend mitgestaltet. Die dabei entstandenen Strukturen sind notwendig für die Resonanzen. Wenn nun ein Wechsel im Kalender stattfindet, stellt dies vielleicht eine Korrektur der kosmischen Kraft dar, um die Struktur des erwähnten globalen Gehirns neu zu ordnen. Zahlreiche tragische Vorfälle sprechen für diese Ansicht. Es gibt neun wesentliche Wellen des Maya-Kalenders. Als laut Mayakalender am 9. März die letzte Welle begann, stand der Weltseismograph still. Zwei Tage danach erschütterte ein Erdbeben Japan. Das glich m.E. einer völligen Neustrukturierung am Rande des Pazifiks. 1755 zerstörte ein Erdbeben eine zentrale europäische Hauptstadt: Lissabon (nach Schätzungen Stärke 9.2 nach Richterskala). Das geschah genau zu Beginn einer Welle. Ich selbst war bei einem Erdbeben in San Francisco anwesend, das die Stärke 6.8 hatte. Das ist nichts im Vergleich zu Stärke 9. Das scheint tatsächlich Teil einer kosmischen Restrukturierung zu sein, kosmisch gesehen vielleicht einer Art Masterplan (‚overall plan‘) folgend. Ich schätze, dass wir auf die harte Weise lernen werden müssen, dass DAS nicht der rechte Weg ist. Wir müssen etwas Neues finden statt bloß stückweise ein fehlerhaftes System zu manipulieren und zu reparieren. Wir brauchen mehr Transparenz und müssen uns vom Dogma des unendlichen Wachstums entfernen, damit nicht einzelne Individuen etwas manipulieren können, das alle betrifft.

Sie erwähnten Transparenz bereits einige Male. Gibt es eine Tendenz hin zu Transparenz bezüglich wirtschaftlicher Prozesse und Interaktionen? Wird das gebraucht bzw. passiert diese Wende bereits?

Dr. Hörmann

Ich glaube, wir haben gar keine Wahl wenn wir als menschliche Rasse überleben wollen. Globales Hirn PLUS Machthierarchien funktioniert schlicht und einfach nicht. Fast überall sind Machthierarchien zu finden. Ob in der Regierung, in der Wirtschaft, in der Bildung… Bsp. Schule: Die Hausübung macht der Papa. Ich habe das wirklich satt. Die Bücher sind überholt, wenn wir einmal einiges googlen oder genauer nachfragen. Schulen sehe ich grundsätzlich als Orte, wo Lehrer sich gut fühlen, weil sie Macht über andere ausüben können. Warum erlauben wir ihnen das weiterhin mit unseren Kindern zu machen? Die Jugend wird einer Gehirnwäsche unterzogen, um in einen bestimmten vorgesehenen Bereich der Gesellschaft eingeschweißt zu werden und dann bis ans Ende des Lebens diese Tätigkeit auszuführen. Unsere PolitikerInnen denken heute immer noch so. Das ist veraltet. Das muss weg! Völlig weg! Denn es ist eine Verschwendung der Talente unserer Jugend.

Dr. Born

Das ist wahr. Vor vielen Jahren begann ich als Grundschullehrer zu arbeiten. Ich tat das 7 Jahre lang, bevor ich meine Studien begann. Wie dem auch sei… Sie haben recht: Neues Unterrichten wird benötigt, Unterrichten mit Originalität und Kreativität: Bsp. Joachim Bauer (Heidelberg) und Ken Robinson. Letzterer hat ein Buch verfasst, dessen Titel lautet In meinem Element. Er vertritt die Auffassung, dass der Unterricht die Kinder stets auf das Leben vorbereiten soll. Mit neuen Augen die Welt betrachten! Robinson bringt das Beispiel eines jungen Mädchens. Sie hatte eine schwierige Zeit in der Schule. Dem aufmerksamen Arzt gelang es, ihr Talent für das Ballett zu entdecken. Sie ist heute eine bekannte Tänzerin und tritt in so berühmten Opern wie „Cats“ oder „Das Phantom der Oper“ auf. Was wäre wohl aus ihr geworden, wenn ihr Ritalin verabreicht worden wäre oder/und weisgemacht hätte, dass sie einfach unfähig sei, wenn sie in der Schule schlecht bewertet wird? Und wie vielen Kindern ergeht es heutzutage genau so wie ihr, und alles was passiert, ist eine ADHS-Diagnose und ein Medikament mit allerlei unerwünschten Wirkungen? Was wir brauchen sind Korrekturen hinsichtlich:

  1. Konzepte brauchen klare Assoziationen und Konnotationen. Es braucht ein Verständnis der Erweiterungen ebendieser Konzepte und darüber hinaus die Einsicht, dass sprachliche Erklärungen stets nur einen bestimmten Teilaspekt des gesamten Konzepts erfassen.
  2. Modelle. Sie müssen vervollständigt werden.
  3. Theorien nutzen Konzepte, die wortwörtlich übernommen werden, um Handlungen anzuleiten. Das muss sich ändern.

Auf welche Weise werden sich Kraftverhältnisse ändern in den wirtschaftlichen Belangen? Gibt es Auswirkungen auf die Kraftverhältnisse?

Dr. Zyla

Ich möchte Ihnen eine sehr positive Entwicklung mitteilen, die ich beobachte. Es betrifft die Machtbeziehungen im Business und zwar spreche ich konkret die Unterscheidung zwischen Geschäftsleitern und jungen Führungspersönlichkeiten an.

  1. Business Manager 50+. Diese Dinosaurier werden genötigt, innerhalb des Systems zu funktionieren und sie glauben daher stark daran, dass Konkurrenz(druck) gut fürs Geschäft sei und sie selbst und ihr Unternehmen retten wird. Das ist die logische Folge der Vergötterung von Wachstum.
  2. Junge Führungspersönlichkeiten (‚young leaders‘, 28-40 Jahre)… sehen den Betrieb zuerst, wollen kooperieren, sie schätzen Teamwork. Sie arbeiten von unten weg und denken sich: „Was oben passiert, werden wir ja dann sehen…“

Wie können wir uns auf den August 2011 vorbereiten? Was lässt sich konkret tun?

Dr. Calleman

Vor allem: Offen bleiben. Kreativ sein. Alles beginnt mit der aufrichtigen Absicht. Was uns erwartet, ist nicht bloß ein Rückgang, sondern ein wirtschaftlicher Stopp, ein Kollaps. Ich persönlich bereite mich auf keine spezielle Weise vor. Ich sehe einen kosmischen Plan, der sich hier vollendet. Wir sind Teil davon, d.h. Teil des globalen Gehirns sozusagen. Wir werden wohl auch große Veränderungen zum Positiven inmitten der chaotischen Zustände bemerken. Die kosmische Welle schafft auch einen neuen Menschheitstypus, der die Ideale von Zusammenarbeit, Transparenz, Offenheit, Harmonie wertschätzt und lebt. So lange haben wir das nicht getan. Der Weg dorthin wird besonders auf wirtschaftlicher Ebene durch einige sehr verheerende und verstörende Ereignisse gezeichnet sein. Die Welt als Lebensgrundlage wird jedoch erhalten bleiben. Konkurrenz spiegelt ja im Grunde die Mentalität der Trennung wider. Alles wird im vorübergehenden Chaos umgewälzt: Wirtschaft, eingefrorene Verträge, soziale Beziehungen. Es gibt kein Zurück zu den alten hierarchischen Verhältnissen. Alles Neue braucht diese Periode des Chaos, damit eine sinnvolle Neuordnung entstehen kann. Die Kernfrage lautet also für jeden Einzelnen: Will ich Teil dieser Veränderung sein oder sträube ich mich dagegen?

Dr. Hörmann

Ich habe bereits vor einigen Jahren den Zerfall des Wirtschaftssystems gesehen. In meinem Artikel im Online-Standard (Oktober 2010) schrieb ich, dass Banken Geld aus dünner Luft erschaffen. Wir haben uns alle angewöhnt, uns an das System anzupassen und mehr noch – die geistigen Barrieren und Grenzen des Systems als unsere eigenen zu übernehmen. Wenn wir aber sehen, wie es dem Ende zugeht, dann haben die Bemühungen um Anpassung kaum mehr Sinn. Die betreffenden Informationen müssen wir einfach den Menschen zuspielen und sie ermutigen, selbst kreativ zu sein. Die nächste Gesellschaft muss von unten geschaffen werden, und zwar täglich aufs Neue. Dann erst befinden wir uns tatsächlich im Einklang mit der kosmischen Schöpfung. Wir haben das total vergessen. Alles verändert sich! All die Formeln und Verträge sind nichts Anderes als mathematische Gleichungen, sprachlich formuliert. Sie müssen wir nicht bloß abändern (Parameter etc.) sondern völlig verwerfen und alle paar Stunden neu aufbauen. Das ist bisher nicht passiert, denn die Leute waren immer schon damit zufrieden, Gleichungen aufzustellen, die annähernd das gewünschte Ziel erreichen, nämlich die Realität adäquat wahrzunehmen. In Büchern schreiben wir fest, was gilt und identifizieren uns mit Paragraphen und Formeln und hoffen inständig, dass die Dinge doch so bleiben mögen, wie sie sind. Das ist lächerlich. Wir müssen uns als Gesellschaft verändern und auf peer-Ebene kommunizieren, ohne Machtverhältnisse oder akademische Titel, und ohne Geld als Macht- und Manipulationsmittel zu verwenden.

Dr. Zyla

Ich habe sehr viel über dieses Thema nachgedacht und mir überlegt, wie ich anderen Menschen helfen kann. Ich schätze nämlich die Lage eher pessimistisch ein und gehe davon aus, dass ich selbst, vermutlich auch meine Kinder und auch viele andere Menschen im bevorstehenden Chaos sehr unglücklich sein werden. Ich stelle nun drei Fragen, die ich persönlich angesichts der kommenden Ereignisse als essentiell erachte:

  1. Meine Talente und mein Charakter: Passt der Beruf, den ich habe, dazu?
  2. Passt der Beruf zu der Vision dessen, wie ich mein Leben verbringen will?
  3. Das ist wohl die wichtigste, die meisten lächeln hier: Macht mich meine Arbeit glücklich?

Dr. Born

Ich stimme euch allen zu. Und vor allem schätze ich diese drei Fragen sehr. Ich möchte zunächst zwischen optimierenden Lösungen und optimalen Lösungen differenzieren. Wir können immer die Parameter ändern und hier oder da optimieren. Wir brauchen aber in Wirklichkeit optimale Lösungen! Auf die Frage, was ich machen würde, wenn die Welt in einer Stunde untergeht:

  1. 15 Minuten denken, 10 Minuten handeln.
  2. Ich werde mich in Österreich aufhalten. Da geht die Welt etwas später unter. Oder so.

Grundsätzlich werde ich so leben wie bisher. Ich werde mein Bestes tun, anderen helfen. Nicht von Vorsicht leiten lassen und von einem Leben nach dem Tod. Stattdessen: Ich lebe jetzt. Ich muss jetzt was tun: Einander helfen. Miteinander reden. Menschlich sein.

Die meisten Meinungen sind wie Ton und Zement

Ich schließe hier an einen anderen Beitrag an, in dem ich über confirmation bias geschrieben habe. Vermutlich kennst Du das Phänomen auch: Was ich lese und höre (vielleicht sollte ich genauer sagen: wie ich lese und höre) und generell etwas meinem Bewusstsein zuführe wie Nahrung zum Mund, das liegt meistens in jenem Bereich, der durch die von mir bereits festgelegten Neigungen und Meinungen vorbestimmt ist und diese bestätigt. Ist es nicht so, dass auch Du vor allem das (gerne) liest, was deinem eigenen Weltbild entspricht?

Es geht, denke ich, noch weiter. Es gefällt uns gerade deshalb, weil wir in unserer bereits vorhandenen Weltanschauung bestätigt werden. Wenn wir dann etwas lesen, das wir verstehen und nachvollziehen können, dann tauchen Gedanken an Menschen auf, die so wie ich denken. Daraus schließe ich dann, dass da noch jemand so denkt wie ich und das bedeutet wiederum, dass ich wohl nicht ganz verrückt sein kann.

Wenn das Ganze dann noch mit logischen Schlüssen und wissenschaftlichen Argumenten untermauert wird, dann ist es Fakt und damit fast schon unumstößlich – „wahr“. Für divergierende oder differenzierte Ansichten sind die Vertreter des Wissenschaftsglaubens nahezu unzugänglich. Denn wissenschaftstheoretische Überlegungen wie jene, dass Theorien stets falsifiziert werden, werden übergangen. Solange diese Falsifikation nicht geschehen ist, handelt es sich bloß um eine working hypothesis, also eine Hypothese, die bis zur nächsten Widerlegung zur vorläufigen Entwicklung von Wissen in Form weiterer Hypothesen geeignet erscheint. Zu diesem Thema empfehle ich Paul Feyerabend für humorvolle Akzente und Karl Popper für das ernsthafte Plädoyer. Die wenigsten Menschen begreifen heutzutage, was Wissenschaft bedeutet und jene, die sich am vehementesten auf wissenschaftliche „Tatsachen“ oder „Beweise“ berufen, haben am allerwenigsten Ahnung von Wissenschaft. In Gesprächen stelle ich immer wieder fest, wie undurchdringlich sich dieses Feld für die meisten Menschen darstellt und zugleich wie einzementiert die Meinung über dieses Feld in den Köpfen der meisten Menschen erscheint.

Das Spannende dabei: die Tendenz, die eigene Wahrnehmung entsprechend des vorhandenen Welbildes zu verzerren und entsprechend 1-schlägiger Literatur zu verfestigen, merkt und spürt man in erster Linie bei Anderen. Bei sich selbst hingegen registriert man die Voreingenommenheit diesbezüglich kaum.

Warum ist das so? Wieso bemerke ich bei meinen Mitmenschen – vor allem im näheren Verwandtschafts- und Freundeskreis – recht bald, wenn sie von ungewissen Prämissen ausgehen, sich in einem circulus vitiosus befinden, einem Zirkelschluss verfallen, einer sich selbst bestätigenden Selbstreferenz anheimfallen oder sich schlicht und einfach in „etwas verrennen“? Wie kommt es, dass ich üblicherweise kaum Schwierigkeiten habe, in anderen Personen übertriebene, einseitige oder gar verrückte Anteile auszumachen, während ich meine eigenen Vorstellungen keineswegs als Vor-Stellungen a priori über meine Person und die Welt deklariere?

Das eigene Verrücktsein, wie es Rumi lebte, ist gewöhnlich hinter einem Schleier von delusion, illusion, confusion und elusion (verdeckt). Dieser Schleier konstituiert den verrückten Anteil jedweder Person (lat. Maske) und agiert zugleich als Mechanismus, der die Illusion aufrechterhält und stützt. Ein klassischer Fall von Splitter und Balken (Luk 6:41-42). Besonders in intimen Beziehungen bemerke ich die Tendenz, den Anderen zu beschuldigen und verantwortlich dafür zu machen, wie ich mich fühle. Nach außen zeigen. Verurteilen. Verzweifelt am Ich festkrallen, das sich, wie Martin Buber in seinen Ausführungen stets auf unnachahmliche Weise schildert, durch das Du erst ins Dasein zu treten vermag. Wer sich gegen das Du richtet, richtet sich daran zugrunde.

Fehler beim Anderen zu finden ist einfach. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, ist es stets der Fall, dass die Grundannahmen über den Gesprächspartner – dessen mind-set, Einstellung zum Thema, Haltung und Position zu mir, zugrunde liegende Hierarchien – entscheidend mitbeeinflusst, wie etwas Gehörtes interpretiert wird. Wir erleben das jeden Tag. Echtes Verständnis ist äußerst selten. Was mir in diesem Kontext auffällt: Die verhältnismäßig unbedeutenden Menschen, Unternehmen, Nationen etc. nehmen sich am allerwichtigsten. Eine Art Superkompensation, die dem eigenen Minderwertigkeitsgefühl entspringt? Weil dieses Gefühl unangenehm ist, wird es in vielen Fällen nicht bewusst gemacht, sodass die Willensanstrengungen in die entgegengesetzte Richtung streben: den Mitmenschen, der Konkurrenz, den Nachbarstaaten muss weisgemacht werden, dass er ganz und gar unabdingbar, unersetzbar und wesentlich, heute würden es viele gemäß der propagandistischen Neusprech-Schulung „systemrelevant“ nennen. Ich nenne es Verblendung. Hochmut. Hybris.

Im Dickicht der Meinungen

If you let go a little
You will have a little peace.
If you let go a lot
You’ll have a lot of peace.
If you let go completely
You’ll have complete peace.

Ajahn Amaro

Gedanken…

Gerade wenn scheinbar alles verkehrt läuft und pervertiert, ist es noch viel wichtiger, ja geradezu essentiell, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft zu leben, einem anderen Menschen den Vortritt zu lassen. Gerade jetzt ist es unabdingbar, die eigene Mein-ung nicht für die allgemein-gültige Wahrheit zu halten. Besonders wenn wir aufgerufen sind, mit Verweis auf eine unsichtbare Gefahr auf Distanz zu gehen, nehmen wir Menschen unser Existenzbedürfnis nach Nähe und Wärme verstärkt wahr (Stichwort Corona-Babyboom) und werden gewahr, auf welch komplexe Art und Weise alles mit allem verbunden ist.

Wodurch wird die Zusammenschau erschwert, vermieden, ignoriert? Durch fremdgesteuertes bzw. betreutes Denken. Durch Überzeugungen, die das Trennende betonen. Es wird erschwert durch übernommene Ideen und Meinungen. Damit meine ich Ansichten, die auf etwas gegründet sind, das nicht eigener Reflexion entsprungen ist. Stattdessen wurde es Quellen entnommen, die den bereits gehegten Vorstellungen einer „Welt-wie-sie-sein-sollte“ am ehesten entsprechen. Meinungen, mit denen ich mich am stärksten identifiziere und die ich am vehementesten verteidige, bauen nicht immer auf eigener Erfahrung auf. Oft resultieren sie aus unreflektiert übernommenen Ansichten von Familie, Freunden, Peer-Groups oder bedeutsamen Personen, die einen auf irgendeinem Level beeindrucken. Ein Beispiel, das mir dazu einfällt, dass stark vertretene Ansichten nicht zu Missionierungsbemühungen führen, sobald die eigene Erfahrung den Platz eingenommen hat, den zuvor Information-von-außen innehatte: Ich lebe seit nunmehr 20 Jahren vegan und habe nicht im entferntesten die Absicht, irgendjemanden davon zu überzeugen, es mir gleichzutun, eben weil ich aus persönlicher Erfahrung davon überzeugt bin, dass dies für mich der richtige Weg ist.

Es scheint fast, als sei ich als Mensch selbst in Frage gestellt, sobald meine Meinung kritisiert wird. Dabei übersehe ich, dass der voreilig „Denken“ genannte Prozess einem im Kopf drehenden Mühlenrad gleicht, das jeden Tag 95 % der am Vortag gedachten Gedanken wiederkäut. Ja, fast wie eine Gebets-Mühle. Auf diese Weise sind bestimmte Gedanken un-denkbar für Republikaner, für Demokraten, für Rechte, für Linke, für Befehlsausführer, für Befehlsverweigerer, für Städter und Bauern, für schlechthin jede Klasse, die sich dadurch definiert, dass sie sich eben gegen andere Klassen abgrenzt und von diesen wiederum abgegrenzt wird.

Frei zu sein bedeutet demnach, mich mit keiner Gruppierung auf Gedeih und Verderb zu identifizieren. Daraus ergibt sich, nur Meinungen zur Sprache zu bringen, die ich mit eigenen Argumenten untermauern kann und die tatsächlich etwas mit meiner eigenen Sinnes-Erfahrung zu tun haben. Robert Anton Wilson verwendete in diesem Zusammenhang den Begriff Maybe Logic: Die Gabe, stets neue Hypothesen annehmen zu können, das Wörtchen „ist“ nach Möglichkeit aus dem eigenen Sprachgebrauch zu entfernen und nach eigenen Behauptungen aus Anstand und intellektueller Redlichkeit ein „Vielleicht“ anzufügen. Der umstrittene (lies: er hat etwas Grundsätzliches zu sagen!) Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend hat dazu auch einiges zu sagen, jedenfalls mehr als das oft zitierte „anything goes“.

… und Gespräche

Was wir normalerweise ein Gespräch nennen, ist oft gar kein Dialog, sondern bloß das, was die laute, allzu bekannte Stimme im Kopf bereits unzählige Male zuvor wiederholt hat und das nun einfach raus muss. Ich gebe preis, was sich Luft verschaffen möchte und versuche, den Anderen auf meine Seite zu ziehen. Das ist kein echtes Gespräch. Es findet kein wirklicher Austausch statt. Je wichtiger es einem Menschen zu sein scheint, dass Du seine Meinung übernimmst, umso weniger ist diese Meinung darauf gegründet, was er selbst empfunden hat.

Die Stimme als Überredungsinstrument zu verwenden zeigt mitunter recht deutlich, dass es sich beim Inhalt um etwas handelt, das beim ichbezogenen Sprecher auf nichts als Hörensagen gründet. Was wird weitergegeben? Was quillt aus uns heraus? Eben das, was bereits lange in uns gärt, sei es nun bewusst oder unbewusst. Wir erinnern uns: 95% der Vortagesgedanken werden heute wiedergekäut. Vor allem bei Menschen, die nicht aufhören können zu reden, bemerke ich das. Ich wage nicht mir vorzustellen, was sich den ganzen lieben Tag lang zwischen ihren Ohren abspielt, wie laut es sein muss, dass, wenn jemand auf zwei offene Ohren trifft, alles aus ihm herausplatzt, sodass kein Raum bleibt um zuzuhören.

Dialog ist somit ein Zustand, der in einem Gespräch erst – im besten Falle – erreicht werden muss. Dia-Logos im Sinne: Verstand bzw. Verständnis, Wissens-Vermittlung, Erkenntnis durch den Logos, der dazwischen entsteht. Dafür ist Interesse notwendig. Inter-Esse verstanden als: Dazwischen-Sein. Jegliche Perspektive, die sich auf das Erklären und Vermitteln und Unterrichten von einem egozentrischen Standpunkt (Horizont=0) aus beschränkt, hat die Eigenheit, andere Meinungen als „bloße Meinungen“ abzutun und die eigene Meinung als die Wahrheit aufzufassen. Und wie könnte es anders sein – die Parallele dazu findet im Inneren des allzu überzeugten Sprechers statt: Hier werden Gedanken abgespult und als Eigene angenommen. Durch Identifikation wird weiters angenommen, dass diese Gedanken der Wahrheit entsprechen. Doch wie Daniele Ganser ganz richtig bemerkt, redet der Verstand andauernd und es wäre eine Illusion anzunehmen, dass er immer die Wahrheit sagt. Darüber hinaus ist die menschliche Wahrnehmung über die fünf Sinnestore blitzschnell korrumpiert durch Zuneigung und Ablehnung, kurzum: durch das Lust-/Unlust-Prinzip vorgestaltet, was für-wahr-genommen wird und was nicht.


Das Prinzip der Unvoreingenommenheit

Zu allen Zeiten ist es Gebot aller denkenden und mündigen Menschen, sich keine voreilige Meinung über Dinge oder Personen zu machen oder aufschwatzen zu lassen. Wann immer Du etwas hörst, siehst oder liest, frage nicht zuerst: „Was wird über diesen Menschen geschrieben oder gesagt?“ Stattdessen: Nimm Dir 15 Minuten Zeit und höre selbst – ehi passiko! – sieh für Dich selbst, was Du von dieser Sache oder diesem Menschen hältst. Am allerwichtigsten, sei Dir im Klaren über Deine Wahrnehmungsweise, und was bedeutet das? Mach dir deine persönlichen Vorlieben und Abneigungen bewusst, denn sie sind es, die die menschliche Wahrnehmung prägen.

Je unbewusster du in Bezug auf Präferenzen voraneilst, dahintreibst und dich an deiner Umgebung aufreibst, umso getriebener erscheinst du, Dinge zu sagen und zu tun, die nicht deiner tiefsten Wahrheit entsprechen.

Energy flows where attention goes

Alles, und ich meine wirklich alles: die Totalität des Ganzen, auch der tosende Lärm um Nichts, das Riesentheater, das wir Realität nennen und das durchaus seine komischen Züge hat… einfach alles alles: auch der jetzige Zustand, die Gesellschaft in stiller Resignation, zwischen Apathie und Panik hin und her pendelnd, auch die Angst vor Armut, Alter, Krankheit, Tod, alles kann als Dünger verwendet werden, um im Garten des menschlichen Geistes wunderschöne Blumen gedeihen zu lassen. Ich habe schon verschiedene Artikel gelesen – darunter meine eigenen – in denen es immer wieder um die gleiche Sache geht, um eine einzige Einsicht, die jeder Mensch für sich selbst gewärtigen muss, um sie „für sich“ wahr werden zu lassen. Es ist die gleiche Einsicht, die so viele Coaches und Selbstsicherheitstrainer heutzutage verkaufen. Eine teure Einsicht, sicherlich. Doch zugleich keine, die sich mit Geld erkaufen lässt. Diese Einsicht entspringt einer inneren Erfahrung, einer Er-Innerung: ES LIEGT AN UNS. Es liegt an uns, und zwar in einem Ausmaß, in dem wir uns dieser Tatsache nicht einmal annähernd gewahr werden können. Denn seit der Kindheit sind wir befangen in der je eigenen durch Sozialisierung und Akkulturation definierten – und damit begrenzten – Sichtweise. Ans Ego gefesselt, gebunden an persönliche Agenda und biographische Details, Sinn und Sehnsucht schon lange verloren im Strome der allzu persönlich genommenen Vergangenheit.

The world which we perceive
is a tiny fraction of the world which we can perceive
which is a tiny fraction of the perceivable world…
you see?

Terence McKenna

In letzter Zeit habe ich Tagebuch geschrieben, Traumsequenzen notiert, habe Bücher gelesen, Freunde getroffen. Den größten Teil meiner frei verfügbaren Zeit habe ich in der Natur verbracht. Mein Weg führte und führt mich immer wieder in die freie Natur, in den Wald, und die Augen und Ohren und alle Sinne öffnen für die Schönheit der Natur. Raus aus dem bee hive, raus aus dem Dickicht der Meinungen und vorgefertigten Denkschemata, weg von den Vorurteilen und Schubladisierungen.

Bei Pacha Mama fühle ich mich gut aufgehoben.

Im Wald kann ich atmen.

Tief in den Bauch atmen.


Unverhofft während meiner Radrunde entdeckt

Der Mensch liebt bekanntlich die Abwechslung. In die Stadt zurückgekehrt bemerke ich bald, wie polarisiert die Gesellschaft ist und wie ferngesteuert der einzelne Mensch in der Gesellschaft wirkt. Kontrolliert von Gedankenmustern, die nicht die eigenen sind. Propaganda wirkt. Was sich herauskristallisiert ist der Versuch, Abweichler zu diffamieren, zu diskreditieren und mundtot zu machen. Manchmal bemerkt man in den wenigen stillen Momenten, die einem verbleiben, die allgegenwärtige Spaltung auch in sich selbst. Das althergebrachte divide et impera. So wie Sitzen das neue Rauchen ist, so ist das Verweigern der Maskenpflicht in der U-Bahn das neue Schwarzfahren. Ob wir die Maske nun tragen, um nicht ohne Maske erwischt zu werden oder um andere Menschen nicht anzustecken oder ob die Angst vorm eigenen Erkranken der innere Beweggrund ist, wer weiß das schon? Wer kann in die Herzen der Mitmenschen blicken?

Getrennt verbunden

Zwischen all dem Meinungswirrwarr und zugleich mittendrin im Stadtgetümmel spielt ein junger Mann Gitarre, nimmt die selbst gespielten Klänge auf und legt dann virtuos mit Geige nach. Ich bleibe stehen und schließe die Augen. Als ich sie wieder öffne, hat sich eine Gruppe von etwa einem Dutzend Menschen im Halbkreis um ihn herum geformt. Der junge Mann mit den roten Haaren bezaubert Ohren und berührt Herzen. Nach seinem Spiel spreche ich ihn an. Er nennt sich Jo und eröffnet mir, dass er sich kürzlich in einem Zenkloster angemeldet hat.

Danach steige ich in die U-Bahn und ziehe mir mein head buff übers Gesicht.

Setze mich auf den Boden.

Bedecke Mund, Nase, Augen, Ohren.

Bewache die Sinnestore.

Schließe die Augen.

Und atme tief.


Was ist für Dich Erfolg?

Kürzlich fragte mich mein Lieblingsmensch: „Was heißt für Dich Erfolg?“ Ich gab zur Antwort, was mir spontan einfiel: „So zu leben wie ich es mir wünsche.“ Das war einfach so dahin gesagt. Danach fragte ich mich selbst: „Was meine ich damit: so wie ich mir das wünsche?“ Es ist klar, ich kann die Welt nicht so einrichten, dass all meine Wünsche erfüllt werden. Nicht nur, weil erfüllte Wünsche weitere Wünsche nach sich ziehen (siehe auch den Charakter von Ohngesicht in Chihiros Reise ins Zauberland), sondern auch, weil die mit den menschlichen Sinnen wahrgenommene Welt nur eine bestimmte Art von materiellen Sinnes-Wünschen erfüllen kann.

Einerseits bin ich glücklich, dass ich wählen kann, wie ich in dieser Welt lebe, dass ich mich frei bewegen kann, und dass ich mich für niemanden verbiegen muss. Erfolg hat heute für mich bedeutet, in der U-Bahn am Boden zu sitzen und vollkommen still zu werden. Vollkommen in mir zu ruhen, nach getaner Arbeit auf dem Weg nach Hause einfach nur da zu sitzen und zu SEIN.

Nun, nach ein paar Mal drüber schlafen (immer eine gute Idee z.B. bei scheinbar unbezwingbaren Konsumgelüsten) würde ich hinzufügen: Erfolg bedeutet für mich auch, das Leben meiner Mitmenschen zu vereinfachen und zu versüßen – to make life easier and more beautiful for you, wie Marshall Rosenberg es ausdrückt. Random acts of kindness – das ist das Gebot der Stunde, meine lieben Freunde. Und wenn ich das nicht schaffe, dann bedeutet Erfolg für mich momentan Gleichmut walten zu lassen, angesichts der feigen Vernaderer in den Öffis und am Arbeitsplatz sowie der allgegenwärtigen Staatsgewalt in der Stadt, angesichts der Zensur auf YouTube und anderen Kanälen, sobald der offizielle Narrativ auch nur ansatzweise in Frage gestellt wird. Ich will meinen Selbstrespekt wahren, indem ich diese nutzlose Maske nicht trage. Es geht hier nämlich nicht um soziales Gewissen und auch nicht um Solidarität und Zusammenhalt. Dann wären Kinder und Senioren nicht in jener Lage, in der sie heute sind: isoliert, verängstigt, verstört, depressiv. Wir müssen alle lernen, in größeren Zusammenhängen zu denken. Sonst werden wir in Zukunft noch viel mehr gegängelt werden.


Ein einzigartiges Schaltjahr

2020 ist jedenfalls nicht nur in einer Hinsicht ein Schaltjahr. Es ähnelt in gewisser Weise dem Jahr 1989 – doch wurden damals Mauern zwischen Menschen niedergerissen, während heutzutage Masken zwischen uns hochgezogen werden. Ist die Impfung tatsächlich die Lösung, oder nur eine scheinbare Er-Lösung? Wird es möglich sein, in einigen Monaten schon über das vergangene Jahr zu lachen? Können wir wieder mit unseren Kindern im Park spielen ohne aus Angst vor Ansteckung durch „fremde Personen“ lieber drinnen zu bleiben? Werden Home Office, Videokonferenzen und Online-Yoga dauerhaft den Platz von Büroluft, persönlichen Treffen und Shala Community einnehmen? Wir entscheiden täglich mit, in welcher Welt wir 2030 leben.

Wie bereits erwähnt: ES LIEGT AN UNS.

Die Maske ist bloß ein Vorwand. Die Situation mit dem Lockdown entspricht dem im Jahre 2010 veröffentlichten Lock Step Scenario (S. 18ff.). Dieses öffentlich zugängliche pdf-Dokument wurde bereits vor einem Jahrzehnt ausgearbeitet, nachdem 2009 die Definition von „Pandemie“ (im Anschluss an die Identifizierung von H1N1 Influenza) geändert wurde, sodass eine Ansteckung nicht mehr mit schwerwiegenden Symptomen einhergehen muss – das heißt: seither braucht sich ein Virus nur in mindestens drei verschiedenen Regionen verbreiten, um die Kriterien der Phase 6 einer Pandemie zu erfüllen, mit allen Konsequenzen, die dies mit sich bringt. In den 2010er Jahren wurde bereits wiederholt versucht, einen Impfstoff als unabdingbar zu vermarkten. Nun wurde scheinbar geschafft, was zuvor nicht geklappt hat: die meisten politischen Oberhäupter dieser Erde haben nun angebissen, hatten keine Ahnung oder keine Wahl und erteilen notgedrungen den Auftrag des Jahrhunderts. Sie übernehmen ihre Rollen und spielen sie (beinahe) fehlerlos. Es geht schließlich um sehr viel Geld. Wer glaubt noch, dass es um Gesundheit geht? Es ist unfassbar, wie viele Nachrichten-Themen an den Rand gedrängt wurden bzw. das Feld räumen müssen für eine Pseudogefahr, die das kollektive Bewusstsein im Bann unbestimmter Befürchtungen befangen hält. Daher ist es wohl angeraten, sich nach diesem geschichtsträchtigen Schaltjahr zu entschließen, einfach mal abzuschalten, um einzuschalten, und die TV-Flimmerkiste als Propagandamedium und Relikt des 20. Jahrhunderts zu betrachten.

Was seit dem Frühjahr 2020 passiert, ist aus meiner Sicht an Absurdität kaum zu überbieten. Die Politik agiert als Sprachrohr pharmazeutischer Konzerne. Kollektive Paranoia greift um sich. Kritische Gedanken werden verboten. Strukturelle Gewalt nimmt zu. Mit jedem Schritt der Unterdrückung nimmt auch die Feindseligkeit untereinander zu. Zahlreiche Menschen schieben einen Film, der nur mehr beschränkt etwas mit der eigenen Wahrnehmung zu tun hat. Vielmehr orientieren sich Meinungen an Berichten aus zweiter und dritter Hand.

Die Tatsache, dass Infektionen und nicht Erkrankungen gezählt werden, spielt direkt in die Agenda von Big Pharma hinein und lässt meines Erachtens den Schluss zu, dass es sich um konzertierte Bemühungen handelt, die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen vor etwas Unsichtbarem. Je mehr Verwirrung herrscht, umso weniger klares Denken, umso weniger Organisation, umso weniger effektiven Widerstand gibt es in der Bevölkerung, und umso rascher etabliert sich wiederum das System der Bevormundung. Und umso weniger Selbstrespekt, Einzigartigkeit und vor allem Vertrauen in die eigene Urteilskraft werden Menschen haben. Durch Gaslighting breiter Bevölkerungsschichten wird betreutes Denken zur neuen Normalität. In diesem Sinne: Bleib wachsam. Bleib wachsam.

Bleib wachsam!

Geboren um zu atmen, zu lachen, zu tanzen und zu spielen

What you do has very little importance,
and it’s very important that you do it.

Mahatma Gandhi

Antworten oder Reagieren

Was auch immer geschieht – Gutes wie Schlechtes, erfreuliche Ereignisse ebenso wie kaum zu ertragende Schicksalsschläge – hängt von Faktoren ab, die sich unserer persönlichen Kontrolle entziehen. Was uns widerfährt ist nicht vorhersehbar. Das Einzige, das unserer Kontrolle unterliegt oder zumindest unterliegen sollte, ist unsere lebendige Gegenwärtigkeit und die darauf aufbauende Entscheidung, wie wir auf ein Ereignis antworten.

Ich sage absichtlich antworten und nicht: reagieren. Denn Reagieren bedeutet, von den äußeren „Dramen“ abgelenkt zu werden – so wie es dem Panther (in uns) ergeht:

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

RAINER MARIA RILKE

Auch David Icke spricht davon in seinem Werk Human Race Get Off Your Knees. The Lion Sleeps No More. Vorurteile und fixe Meinungen hindern Menschen daran zu erkennen, was sich zeigt und zu hören, was gesagt wird. Einmal ist es passiert, dass ich den Namen Icke bloß erwähnt habe, und das Gespräch war vorbei. Mein Gesprächspartner war so voreingenommen, dass allein die Erwähnung dieses Namens ihn cholerisch reagieren ließ – ich sage reagieren, denn es schien nicht, als hätte er eine Wahl. Immer wieder fällt mir auf: Im Laufe unserer Lebensläufe verlieren wir den Blick aufs Wesentliche und bleiben bei Namen, Begriffen und Vorstellungen hängen – wir hängen uns im sprichwörtlichen Sinne daran auf. Das erscheint mir einer Sichtweise abträglich zu sein, die auf Zusammenhänge und Subtexte Acht zu geben vermag. Denn Namen werden durch den Schmutz gezogen, Begriffe werden verdreht, Vorstellungen werden instrumentalisiert für Zwecke, die nicht unsere eigenen sind. Marshall Sahlins beschreibt in seinem Buch Das Menschenbild des Westens – Ein Missverständnis? die von Quentin Skinner rhetorische Figur der Paradiastole, „die auf moralisch gegenläufige Bewertungen eines Begriffs verweist“ (Sahlins, 2017, S. 22). „Demokratie“ wird z.B. als Herrschaft des Pöbels dargestellt. „Freiheit“ wird im Sinne einer Freiheitlichen Partei verkürzt. „Sicherheit“ schließlich wird im Sinne der am status quo interessierten Herrschenden umgedreht. Wann immer Machthaber davon sprechen etwas zu schützen, wollen sie sich etwas sichern: ein Gebiet, ein Land, ein Vorrecht. Und immer wenn die Sicherheit bedroht ist, geht es in Wirklichkeit um die Interessen der Mächtigen, die sich bedroht fühlen. Fazit: Wenn (z.B. durch Framing) Begriffe instrumentalisiert werden bzw. deren ursprünglicher Sinn ins Gegenteil verkehrt wird, fallen Korrumpierung von Mensch und Sprache in eins.

Zensur im Abendland

Ostern ist heuer entfallen. Warum? Das weiß niemand mehr so genau. Es hieß: Um die Kurve abzuflachen („to flatten the curve“) müsse u.a. vorübergehend Nase und Mund bedeckt werden. Wofür ist dies ein Symbol? Für Kontrolle, Unterwerfung, Zensur. Wer heute eine Ansicht abseits der Virus-zentrierten Debatte vertritt, welche noch dazu nicht im Einklang mit den Maßnahmen seitens der Regierung steht, wird als VerschwörungstheoretikerIn abgestempelt, als Corona-LeugnerIn denunziert, als asozial eingestuft. Mittlerweile haben sich bereits so viele an das Tragen einer Maske gewöhnt, dass diese immer seltener vergessen wird und falls doch, kann es einem gehen wie mit der Brille: Du suchst danach – und trägst sie bereits. Es ist die neue Normalität – und doch frage ich: Ist es normal nur weil alle es tun? Ohne Maske im Gesicht: beobachtet, nackt, potentielle Gefahr.

Was passiert hier im Unterbewussten?

Nach und nach führt die Politik Regelungen ein, droht mit Verschärfungen und harten Strafen bei Nichteinhaltung, sodass die Gesichtsbedeckung schlußendlich aus blindem Gehorsam getragen wird bzw. einfach mit dem Zweck, nicht bestraft zu werden. Widerstand in der Bevölkerung gegen die teilweise völlig überzogenen Maßregelungen (fast so als wäre dies ein Test wie weit man gehen kann) – es gibt ihn, doch wird dieser Widerstand vereinnahmt von der politischen Rechten, und damit die Widerständischen als verantwortungslos diffamiert und leichtfertig in ein extremes Eck gerückt. Darüber hinaus frage ich mich: Welchen Sinn hat eine Demo für Freiheit und Selbstbestimmung, wenn sich die an dieser Demo Teilnehmenden vermummen und Abstand einhalten? Die Politik erscheint mir momentan als Propagandamaschine der Pharmaindustrie – ein ungeheuerliches Theaterstück, bei dem Entscheidungen übernommen werden, die aus demokratischer Sicht nicht vertretbar sind. Darüber zu sprechen und dagegen anzuschreiben scheint ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Denn kritische Stimmen werden zensiert, denunziert, diskreditiert, mundtot gemacht. Die Existenz von Ärztinnen, die sich gegen den allgemeinen Maskenzwang wenden, sehen sich mit Disziplinarverfahren der jeweiligen nationalen Ärztekammer konfrontiert, die nichts Anderes tun kann als sich an die Weisungen zu halten, welche übergeordnete internationale Institutionen vorgegeben haben.

In der alten Ordnung untersuchte die Soziologie Zusammenhänge im gesellschaftlichen Gefüge. Heutzutage müssten wohl TheaterwissenschaftlerInnen auf den Plan treten, um die problematischen Polaritäten und bizarren Blüten zu deuten, die sich durch die Konsequenzen der Zwangsmaßnahmen in der Gesellschaft ergeben. Freunde zögern sich zu umarmen. Familien werden ob ihrer konträren Meinungen entzweit. Unterwegs läuft man womöglich an einer bekannten Person vorbei, die man aufgrund der Gesichtsbedeckung nicht erkannt hat. Es ist, als trügen alle nun eine Art Burka, sei es um sich vor Krankheit, sei es, um sich vor Geldstrafen zu schützen. Man weiß es nicht. Nichts ist sicher. Wie wird das weitergehen? Während sich im Gemüt vieler Menschen in meiner Umgebung ein stiller Horror ausbreitet, der von systemimmanenter, struktureller und damit oft unsichtbarer Gewalt geprägt ist, wird das Feindbild auf der politischen Bühne immer noch in sogenannten fremden Elementen gesucht: in MigrantInnen, BettlerInnen, religiösen Fundamentalisten und anderen Minderheiten und zu Sündenböcken Stigmatisierten, welche die Bevölkerung, also uns, von der Wurzel des eigentlichen Problems ablenken sollen.

Der Wahnsinn geht vorbei

Bleibt zu hoffen, dass kritisch denkende Historiker wie Daniele Ganser, Ökonomen wie Markus Krall, Psychologen wie Raphael Bonelli, Mikrobiologen wie Martin Haditsch und Mediziner wie Sucharit Bhakdi und Christian Fiala, Immunologen wie Stephan Hockertz, kurzum: Menschen, die über das aktuelle Tagesgeschäft hinausblicken, mutige, aufklärende Geister, dass diese letztendlich genügend Gehör finden, um dem Wahn-Sinn mit Methode ein Ende zu bereiten. Denn ein Problem löst man immer noch, indem man es benennt.

Du darfst nicht ängstlich sein…

Eines wissen nicht nur Psychologinnen und Psychologen sehr gut: Glaubenssysteme sind notwendig, um einen bestimmten Geisteszustand zu bewirken. Um ihn zu erreichen, muss ich einen bestimmten Prozess durchmachen. Schließlich muss ich den Glaubens-Ballast loslassen, nämlich dann, wenn er den Zweck – die Richtung zu weisen, den Grundstein zu legen, die Agenda voranzutreiben, den Weg zu ebnen – erfüllt hat. Mit anderen Worten: Wenn der Geisteszustand realisiert ist, kann das Glaubenssystem losgelassen werden.

In the province of mind
What one believes to be true
Either is true or becomes true

Within certain limits.

These limits ought to be found

experimentally and experientially.

When so found,
these limits turn out to be
further beliefs to be transcended.

JOHN C. LILLY

Unser eigener Film

Was auch immer wir tun, wie klein der impact auch sein mag, den wir durch Worte und Taten bewirken: es geht in erster Linie darum, wie wir sprechen und wie wir etwas tun.

Mit jedem Tag und jedem Jahr drehen wir unseren eigenen Film. Was wir mit unserer Zeit tun wirkt sich in erster Linie auf die Qualität unserer Wahrnehmung und damit auf die Qualität unseres Lebens aus. Ebenso wichtig ist zu verstehen, dass Unterlassungen unser Leben genauso prägen und formen. Wenn Du, liebe Leserin, lieber Leser, in regelmäßigen Intervallen deinen Körper stählst, deinen Geist schulst, Yoga, Tai Chi oder Qi Gong praktizierst, wirst Du merken, dass es einen großen Unterschied ausmacht, wenn Du einige Wochen das Training, die Meditation oder die spirituelle Praxis schleifen lässt. Es ist unabdingbar, Qualitätssicherung in Sachen Selbstverständnis, Weltanschauung und kultureller Dekonditionierung zu betreiben.

Der Historiker Daniele Ganser klärt über Hintergründe auf und zeigt in klarer Sprache, wie Framing funktioniert und welche Strategien psychologischer Kriegsführung genutzt werden, um bestimmte Meinungsmuster in der Bevölkerung zu aktivieren.
Für mich bedeutet das, Zusammenhänge aufzudecken, Entscheidungen zu hinterfragen, mich zu informieren und wachsam zu bleiben.
Und hochwertige Informationen, die mir zugespielt werden, hier in meinen Blog integrieren.

Ich möchte die Metapher des Lebensfilms nicht überspannen, und ich behaupte auch nicht einfach, es sei einfach alles subjektiv. Denn andere haben gewiss Einfluss auf die Ereignisse im eigenen Leben, keine Frage – doch inwieweit können sie bewirken, dass Du den inneren Frieden opferst? Inwieweit übernimmst du den Film anderer und spielst für sie eine Neben-Rolle statt in deinem eigenen Film die Hauptrolle? Nun, ich denke hier nur laut, sozusagen. Vielleicht drehst Du ja gar keinen Film – es könnte sich durchaus um eine Collage handeln, ein Mosaik, ein Puzzle, oder eben im besten Falle ein Kunstwerk. Fest steht für mich jedenfalls, dass die Art und Weise, wie wir uns selbst sehen und wie wir mit uns selbst umgehen, in engem Zusammenhang damit steht, wie sich unser Leben gestaltet und wie wir mit anderen Lebewesen und mit unserer Mitwelt umgehen. In der Schwitzhütte wurde neulich wieder klar, wie wichtig es ist, den Ahnen, Mineralien, Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen, Geistern und Göttern Respekt zu zollen. Die Frage ist nicht so sehr, ob es sie gibt oder einen Unterschied macht für jene! Ich bin es, dem es gut tut, die Vorfahren zu ehren. Mir bringt es Kraft und Lebensfreude, wenn ich Bäume umarme und den Garten kultiviere, wenn ich Katzen und Hunde streichle, wenn ich Menschen anlächle, auch wenn sie erwachsen tun und grimmig dreinschaun. Es gibt Einflüsse von diesen und jenen Seiten, und es obliegt dem Einzelnen, es liegt an Dir und mir, die menschlichen Werte hochzuhalten und wenn jemand unfreundlich wirkt, dann wohl deshalb weil dieser Mensch Dein und mein Lächeln am allerdringendsten nötig hat. Die eigene Unfreundlichkeit gegenüber Anderen basiert oft auf einer ungesunden Einstellung zur Zeit. Wenn wir uns mehr Zeit nehmen, dann sind wir auch eher gewillt und fähig, auf Bedürfnisse und Gefühle der Mitmenschen einzugehen. Mitmenschen, wohlgemerkt, die als „außen“ wahrgenommen werden, wo doch ihre Bedürfnisse und Gefühle den unseren so sehr gleichen. Wenn Du es also eilig hast, gehe langsam. Wenn Du „nur schnell mal“ von A nach B springen willst und dich am liebsten teleportieren (jaunting, sh. Alfred Bester’s The Stars My Destination) möchtest, dann fahre langsam. Wenn Dir alle nur im Wege sind und Dir alles zu langsam geht, dann ist es Zeit für Dich, inne zu halten und jemanden vorzulassen. Und plötzlich erscheint es so, als wäre genügend Zeit vorhanden. Du hast vielleicht 5-30 Sekunden „verloren“. Doch Deinen guten Humor und Deinen inneren Frieden – und das ist es schließlich, worauf es am Ende des Tages wie am Ende des Lebens ankommt – wieder gefunden. Du bist angekommen.

Die Qualität der Selbstwahrnehmung ist das Um und Auf im Umgang mit anderen. Die Anderen wirken auf uns so, wie wir sind. Unsere eigene Stimmung bestimmt, wie sich uns die Welt darbietet. Sie stellt sich dar als unser Spiegelbild. Auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogen bedeutet das: Was wir in uns selbst nicht an Werten hochhalten, das bemerken wir auch in anderen Menschen nicht. Nur ein Buddha erkennt einen Buddha. Ein Wolf hingegen wird sich umgeben sehen von Wölfen. Menschen und andere Tiere in meiner Umgebung reagieren normalerweise sobald ich reagiere und nicht vollkommen bei mir bin. Andere Lebewesen spüren, was ich ausstrahle, und dementsprechend verhalten sie sich, et vice versa.

Es ist wie Indras Netz. Alles ist mit allem verbunden.

Und zugleich ist es wie ein Karussell, und wir drehen unsere Runden.

Meditation: Konzentration & Achtsamkeit

Wenn heutzutage in einem Gespräch von Meditation die Rede ist, kann vieles gemeint sein. Da der Begriff verschiedenste Methoden bezeichnet und mit unterschiedlichen Traditionen assoziiert wird, fällt es schwer, ihn zu definieren und damit einzugrenzen. Teilweise überlagern sich die Bedeutungen von Reflexion und Kontemplation, von Konzentration und Gewahrsein, sodass im Wort Meditation (fast schon wie der Begriff Religion) eine große Bandbreite an Konnotationen mitschwingt. Für manche bedeutet es, über ausgewählte Ideen und Konzepte intensiv nachzudenken; für andere wiederum, vom Denken schlichtweg abzusehen und sich der Präsenz abseits jeglicher konzeptuellen Vorstellungen zu widmen.

The distinction between ideational versus non-ideational is only one of the many contrasting interpretations of the practices called meditation. Thus, while certain techniques (like those in the Tibetan Tantra) emphasize mental images, others discourage paying attention to any imagery; some involve sense organs and use visual forms (mandalas) or music, and others emphasize a complete withdrawal from the senses; some call for complete inaction, and others involve action (mantra), gestures (mudra), walking, or other activities. Again, some forms of meditation require the summoning up of specific feeling states, while others encourage an indifference beyond the identification with any particular illusion.

Claudio Naranjo & Robert E. Ornstein: On the Psychology of Meditation (1971), p. 7

Hinzu kommt, dass Vertreter moderner Bewusstseinsschulung oft auf ihrer jeweiligen Methode als der einzig wirklich Wirksamen bestehen. Daraus ergeben sich Fragen: Was funktioniert wirklich? Woran kann ich mich orientieren? Worauf lasse ich mich ein? Die Auswahl einer geeigneten Technik bzw. Methode kann somit für Suchende zur Lebensaufgabe werden. Zu Buddhas Zeiten war dies scheinbar nicht anders:

As they sat there, the Kalamas of Kesaputta said to the Blessed One, „Lord, there are some brahmans & contemplatives who come to Kesaputta. They expound & glorify their own doctrines, but as for the doctrines of others, they deprecate them, revile them, show contempt for them, & disparage them. And then other brahmans & contemplatives come to Kesaputta. They expound & glorify their own doctrines, but as for the doctrines of others, they deprecate them, revile them, show contempt for them, & disparage them.

They leave us absolutely uncertain & in doubt: Which of these venerable brahmans & contemplatives are speaking the truth, and which ones are lying?

Kalama Sutta

Was ist Meditation?

Diese Frage stellen sich heutzutage immer mehr Menschen. Es herrscht Verwirrung. Aus diesem Grund sowie wegen der eingangs angesprochenen Methodenvielfalt ist es mir ein Anliegen, zwei grundsätzliche Praktiken der Geistesschulung zu untersuchen – Geistesruhe (śamatha) und Achtsamkeit (sati).

Im Laufe der Zeit werden diese beiden Aspekte der Meditation (bhavana = Übung) miteinander verwoben. Mit zunehmender Erfahrung beeinflusst die Übung den alltäglichen Bewusstseinszustand. Alltag wird Meditation. Meditation wird Alltag. Mit anderen Worten: du führst Aktivitäten wie gehen, sitzen, stehen und liegen mit gleichbleibend starker Konzentration aus. Achtsamkeit übernimmt die Aufgabe, das Nachlassen der Konzentration zu registrieren. Sobald du bemerkst, dass du dich in Hirngespinsten, Phantasien, Vorstellungen, Hoffnungen, Erwartungen usw. verlierst, bewirkt Achtsamkeit, dass du zurückkehrst zum gegenwärtigen Augenblick. Gleichzeitig verstärkt Konzentration den Grad deiner Achtsamkeit, d.h. das Ausmaß und die Intensität der in diesem Moment wahrgenommenen Ereignisse. Je schneller das Bewusstsein taktet, d.h. je höher die Frequenz deiner Schwingung, umso mehr Ereignisse nimmst du mühelos pro Zeiteinheit wahr.

Weniger als auf diese oder jene Form der Technik kommt es vielmehr darauf an, einen offenherzigen Habitus zu entwickeln, also eine Haltung, die sich durch Geistesgegenwart auszeichnet. (Cit bedeutet sowohl Herz als auch Geist. In Pasathai wird „Ich verstehe nicht“ so ausgedrückt: „Es geht nicht in mein Herz ein.“) Für diese herzensoffene Geistesgegenwärtigkeit ist immer weniger und weniger bewusstes Aufpassen nötig. Hellwach zu sein, der eigenen Intuition vertrauen, auf die innere Stimme zu hören, nicht alles zu glauben was an Gedanken auftaucht, nicht auf der persönlichen Meinung zu beharren, intellektuelle BEscheidenheit walten zu lassen, zu wissen was in einer Situation wirklich hilft und was nicht hilft (upaya, geschickte Mittel), all diese Eigenschaften und Fertigkeiten werden zu deiner zweiten Natur. Ob der Geist konzentriert oder unkonzentriert ist, beides wird registriert – ohne persönliche Identifikation mit dem konzentrierten oder unkonzentrierten Zustand.

Wie bereits erwähnt interagieren Konzentration & Achtsamkeit miteinander. Diese Interaktion führt zur Auflösung von Subjekt und Objekt und damit zu Nirvāṇa. Was bedeutet Nirvāṇa? Wie Meditation ist auch dieser Begriff auf vielerlei Arten interpretiert worden. Es überrascht daher nicht, dass ihm drei Seiten im Pāli-English Dictionary gewidmet sind. Allerdings möchte ich über das Ziel der Übung in diesem Beitrag nicht zu viele Worte verlieren. Nirvāṇa hin oder her: Schließlich ist das Leben wie ein Tanz, bei dem es nicht darauf ankommt, zu einem bestimmten Punkt auf der Tanzfläche zu gelangen; das Leben gleicht einem Musikstück, welches nicht allein durch das Finale entzückt; und vielleicht ist es auch wie ein Theaterstück, bei dem der letzte Akt nur dann Sinn ergibt, wenn die vorherigen Szenen und Akte einen halbwegs zusammenhängenden Plot darstellen. Ich erinnere mich an einen Dharma Talk, in dem vom Dalai Lama die Rede war. Jemand aus dem Publikum hatte ihn nach einem Vortrag gefragt, was der schnellste Weg zur Erleuchtung sei. Der Dalai Lama verstummte. Nach einer Weile sah man, dass sich eine Träne in seinem Auge formte. Er erklärte, dass er traurig sei, denn er hätte nie gedacht, dass das Erreichen des Ziels so wichtig sei, und dass sein Leben und seine Botschaft vielmehr darin bestünden, den Weg zu erkunden. Der Geschmack von Nirvāṇa und damit die Befreiung vom Anhaften (upādāna) an den fünf skandhas wird dem Geschmack des Weges entsprechen, der zu Nirvāṇa führt.

Im Folgenden gehe ich näher auf die Unterscheidung zwischen Geistesruhe (śamatha) und Achtsamkeit (sati) ein.


Tabula Rasa

Schon die alten Griechen sprachen und schrieben im Kontext von menschlicher Wahrnehmung, Gedächtnis und Seele von wachsüberzogenen Schreibtafeln. Auf diesen prägen Sinneserfahrungen sich wie Abdrücke ein. Zu Beginn des Lebens seien diese Tafeln leer – daher der lateinische Ausdruck tabula rasa. So sahen es u.a. Aischylos, Platon und Aristoteles. Francis Bacon und John Locke haben im 16. und 17. Jahrhundert diese Vorstellung übernommen und in ihre materialistischen Programme integriert. Zuletzt hat Steven Pinker mit seinem Werk Das Unbeschriebene Blatt die Komplexität der menschlichen Natur jenseits binärer Nature/Nurture-Muster wissenschaftlich untermauert.

In diesem Artikel eröffne ich Perspektiven, die sich am Konzept einer tabula rasa orientieren; Perspektiven, wie sie weder in der Liebe zur Weisheit des antiken Griechenland noch in der von Naturbeherrschung und Bürgerkrieg geprägten Neuzeit und genauso wenig durch die von Pinker zurückgewiesenen extremen Einstellungen (biologischer Determinismus vs. Sozialkonstruktivismus) eingenommen wurden.

Im Zuge meiner Darstellung möchte ich mich auf zwei parallel verlaufende Argumentationsgrundlagen stützen: Einerseits lassen sich die Übergange zwischen den unterschiedlichen Bewusstseinszuständen von Wachen und Träumen als einander ergänzende ZeitPunkte des Neuanfangs auffassen. Die Zeit, die wir schlafend verbringen, werden vom Körper durchgehend Sinneseindrücke empfunden, doch von keinem entsprechenden Sinnes-Bewusstsein wahrgenommen. Die persona (lat. Maske, Rolle, Person) ist abwesend. Sie ist nicht präsent (lat. praesens: gegenwärtig; wirksam, auch: entschlossen, furchtlos). Menschen wälzen sich also im Schlaf hin und her, sobald bestimmte Empfindungen den Körper heimsuchen – ganz so wie im alltäglichen Wachbewusstseinszustand Reaktionen gemäß gewohnter Automatismen stattfinden. (Ab und zu werden auch Klänge und Töne in den Ablauf eines Traums integriert. Die Luftzufuhr, die Temperatur im Raum, die Lichtverhältnisse, die Härte der Liegestatt, all das hat Auswirkungen auf die Qualität des Schlafens und des Träumens ebenso wie das, welches die letzte Tätigkeit vor dem Schließen der Augen ist.) Erst neulich erzählte mir jemand, sie habe sich im Laufe der Nacht um 180 Grad gedreht und sei in der Früh mit dem Kopf am Fußende munter geworden. Der Körper wurde bewegt, doch da war kein Beweger. Es wurde geschnarcht, doch es gab keinen Schnarcher. All das ist hinzugedichtet, und so wird aus dem Nichts mittels Worten eine Scheinwirklichkeit erschaffen. Das Leben entlang von Glaubenssätzen, die sich aufgrund dieser Scheinwirklichkeit ergeben, vergleiche ich mit Schlaf. Es ist das gedankenverlorene Fallen ins Damals und ins Nochnicht, das sich ähnlich anfühlt wie wenn du zu lange der prallen Sonne ausgesetzt warst. Das Erkennen der Scheinwirklichkeit und das Erwachen aus den eingefahrenen gewohnten Reaktionsmustern assoziiere ich mit Wachen. Mit der Relation von tatsächlichem und sinnbildlichem Wachen und Schlafen gelangen wir zur zweiten Grundlage. In der Einsicht, dass es sich bei jedem neuen Tag um einen Neubeginn handelt und jedes In-den-Schlaf-fallen ein kleiner Ego-Tod ist, verbirgt sich noch eine weitere Einsicht: dass nämlich jeder Augenblick ein Neubeginn ist, in dem jede Zelle des Körpers auf Grundlage der alten Konfiguration wieder geboren wird. So verhält es sich auch mit Gefühl, Wahrnehmung, Reaktion, Bewusstsein. Die persona (lat. Maske) wird in jedem Moment aufgrund der momentan vorherrschenden Bedingungen neu geboren. In buddhistischer Terminologie werden die soeben genannten Komponenten einer Person skandhas genannt. Skandha bedeutet Haufen bzw. Anhäufung. Woraus bestehen die Haufen? Aus Seifenblasen, Schaum, Illusionen. So wie Atome (altgr. ἄτομος, á-tomos, unteilbar) grundsätzlich leer sind von jeglicher inhärenter Natur, so sind auch die Bausteine der Person leer. Was sie wirklich erscheinen lässt, ist lediglich die bewusste/unbewusste Identifikation mit der zusammen gesetzten Schaum und der Annahme, dass mit der Verleihung eines Namens das benannte Ding Wirklichkeit wird – im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort… und das Wort ward Fleisch. (Joh 1,1; Joh 1,14)

Wachen und Träumen

Ein Mensch träumt davon, ein Schmetterling zu sein. Er wacht auf und fragt sich, ob er nicht in Wirklichkeit ein Schmetterling ist, der davon träumt, ein Mensch zu sein. Im Wachzustand verfügen wir gewöhnlich über Bewusstsein, während wir im Schlaf bewusstlos sind. Obwohl Auge, Ohr, Nase, Mund, Haut und Hirn vorhanden sind, nehmen wir keine Sinnesempfindungen wahr. Denn dazu fehlt ein Bewusstsein. Ja, es gibt Traumsequenzen während der REM-Phasen. Beim luziden Träumen wachen wir sozusagen im Schlafzustand, weshalb wir auch vom Wachträumen sprechen. Handlungen und Geschehnisse können willentlich beeinflusst werden – ganz im Gegensatz zum Traum während der Schlafphase, in dem wir Spielball der Ereignisse sind und Handlungen geschehen als würden sie uns zustoßen. Nur dass es eben niemanden gibt, der die Folgen erleidet; im Reich der Träume können wir hunderte Male sterben und kommen doch jedes Mal mit dem Leben davon, weil die Person bzw. das denkende, urteilende, handelnde Ich vorübergehend abwesend ist.

Denn wer oder was stirbt schließlich am Ende des langen, viel zu kurzen Lebens? Und wer oder was hat Angst vor der Auslöschung, vor der Vernichtung? Es ist das kleine Ich-bin-ich. Geburt und Tod betreffen nur das in den Anschauungsformen Raum und Zeit existierende Ego. Wo dieses nicht existiert, gibt es auch keine Geburt, keinen Tod. Und Ego existiert stets in der Zeit. Zeit ist die Substanz, die das Ego konstituiert und von der das Ego zehrt. Die grauen Herren wissen, dass die Zeit es ist, die Anfang und Ende der Lebens-Geschichte auf einer Zielgeraden anberaumt.

Wenn du stirbst, stirbt nur dein Werden
Gönn ihm keinen Blick zurück
In der Zeit muss alles sterben –
aber nichts im Augenblick.

Konstantin Wecker

Etwas ganz Ähnliches geschieht, wenn wir (geistes-)abwesend lesen oder vorm Schlafengehen lesen, aber kein hinreichendes Sinnesbewusstsein mehr gegeben ist. Wenn wir durch den Wald gehen und die Blätter zwar duften, wir jedoch in ein Gespräch vertieft sind. Wenn wir jemandem zuhören, aber mehr mit den eigenen Gedanken als mit den Worten des Gegenübers beschäftigt sind. Hier befinden wir uns ebenfalls im Zustand des Träumens. Aufwachen bedeutet hier, die eigenen Handlungen in Körper, Rede und Geist zu lenken statt blind gemäß persönlicher Gewohnheiten oder kultureller Gepflogenheiten auf Geschehnisse und Umstände zu reagieren. Das betrifft auch und insbesondere das Reagieren auf die im Kopf umherschwirrenden Gedachtheiten. Schlafen und Wachen erscheinen somit nicht nur als Zustände, die sich zu bestimmten Tages- und Nachtzeiten abwechseln. Vielmehr können sie als Gradmesser eines in Achtsamkeit (sati) und klarem Verständnis (sampajañña) mehr oder minder geübten Bewusstseins angesehen werden. Um etwas wirklich zu sehen, müssen Auge, Form und Sehbewusstsein zugleich gegeben sein. Nur dann findet Sehen statt. Dass ein Seher erschaffen wird, ist etwas der direkten Erfahrung Hinzugefügtes (engl. self-ing). Eine Frage, die ich mir in Bezug auf Träume immer wieder stelle: Warum erscheinen zwar Traumbilder, aber niemals Traumklänge, Traumgerüche, Traumempfindungen?


Selbst oder Nicht-Selbst

Es ist nützlich,
sich von Zeit zu Zeit
einen Besuch abzustatten.

Dschalal ad-din Rumi

Der Verstand wird in der westlich geprägten Kultur so hoch geschätzt. Der Intellekt und die Kraft der Vernunft haben einen ungeheuren Stellenwert. Doch wozu dient er, wenn er nicht dafür verwendet wird, eine „liebevolle Rede und ein tiefes Zuhören“ (Thich Nhat Hanh) zu ermöglichen? Jack Kornfield sagt: „Compassion is natural for the awakened heart – Für das erwachte Herz ist Mitgefühl natürlich.“ Vielen Menschen fällt es jedoch schwer, mit sich selbst Mitgefühl zu entwickeln, vor allem wenn sie davon überzeugt sind, ein Selbst zu sein oder zu haben, das nicht gut genug ist. Der dadurch entstandene Schmerz wird nicht wirklich gefühlt und nicht hinterfragt. Die eigentliche Erfahrung der Einsamkeit und Unzulänglichkeit im eigenen Leben wird nicht gemacht. Stattdessen wird der Durst nach mehr gestillt und wieder gestillt.

Vergeblich wird das echte LEBEN gesucht. Je und je wird wieder eine schale Ersatzbefriedigung gewählt. Statt leuchtenden Regenbogen setzt mensch auf virtuelle Realität, statt Liebe zu verschenken schaufelt mensch Zucker in sich hinein, statt auf diesem Planeten im eigenen sinnerfüllten Tun das Paradies zu finden betet mensch zu Gott im Himmel. Und statt im Hier und Jetzt wahrhaft zuhause zu sein entwirft mensch sich hoffnungsvoll oder nervös in die Zukunft oder spult im Gedächtnis vergangene Zeiten ab, in Reue oder Wehmut. Oft bis zu jenem Punkt, an dem der Glaube ans Echte verloren geht oder der Ersatz für das Echte gehalten wird.

Es gibt einen großartigen Effekt der spirituellen Praxis: das Löwengebrüll. Es ist dies der Moment, in dem klar ist, dass ich nicht ein dauerhaftes Selbst besitze, bin oder habe, mich daher von diesem Moment an nicht mehr so ernst nehmen muss und deshalb viel mehr Freude am Leben erfahre. Das Löwengebrüll stellt sich von selbst ein, sobald die notwendigen Bedingungen gegeben sind. So wie das Wachstum einer Pflanze bloß behindert wird, sobald jemand am Stengel der Pflanze zieht oder die Pflanze ausgräbt um nachzusehen ob sie bereits gewurzelt hat, so finden auch Veränderungen der Geisteshaltung auf subtile Weise statt und bewirken die Nicht-Identifikation mit der Person. Was ist nun eine Person? Eine Person kommt zustande, wenn Form, Gefühl, Wahrnehmung, karmischen Formationen und Bewusstsein gegeben sind. Sobald wir an einem oder mehreren dieser Faktoren hängen, folgt Unzufriedenheit, Kummer, Frustration, Stress.

You know what my secret is?
I don’t mind what happens.

Jiddu Krishnamurti

Skandhas

Wenn wir von einer Person sprechen, dann ist in buddhistischer Tradition die Rede von fünf Komponenten, Teilen, Aggregaten, Fadenknäueln, die üblicherweise für das Selbst gehalten werden. Das Festhalten an diesen im Sanskrit skandhas genannten Anhäufungen ist verantwortlich für die unzähligen Ausformungen von Leid (skr. dukkha) im Leben des Menschen. Ein kurzer Ausflug in die Etymologie, die Lehre von der Herkunft der Wörter: Knäuel stammt von lat. clunga und bezeichnet ein Gebilde, in dem Hunderte Fäden in- und durcheinander laufen, sodass undurchschaubar ist wie alles zusammenhängt. Bemerkenswert erscheint in diesem Zusammenhang, dass aus demselben Wortstamm auch der Begriff Klüngel abgeleitet ist sowie das englische to cling mit der Bedeutung festhalten, klammern. Skandhas lassen sich somit ganz einfach als Knäuel verstehen, deren Fäden auf undurchschaubare Weise zusammenhängen und an die wir uns klammern, weil wir glauben, dass unser Überleben davon abhängt, ein Jemand zu sein oder zumindest in den Augen anderer jemanden darzustellen. Shakespeare sprach in Wie es euch gefällt davon: „die ganze Welt ist Bühne und alle Fraun und Männer bloße Spieler“. Woran hängen wir denn nun im Speziellen?

1. Form (rūpa)

2. Gefühl (vedanā)

3. Wahrnehmung (samjñā)

4. Gewohnheiten (sankhāra)

5. Bewusstsein (vijñāna)

Diese fünf skandhas sind jene Plätze, an denen wir uns aufhalten und aufhängen: “das bin ich”, “so bin ich” etc. Sie bilden die Grundlagen der Identifikationsprozesse. Sie zu beobachten und deren Auftauchen und Verschwinden unvoreingenommen zu registrieren zerstört die Illusion eines dauerhaften Ichs.

Form (rūpa)

Yet it is just within this fathom-long body, with its perception & intellect, that I declare that there is the cosmos, the origination of the cosmos, the cessation of the cosmos, and the path of practice leading to the cessation of the cosmos.

Rohitassa Sutta

Wie lässt sich die hartnäckige Illusion, ich sei mein Körper, entlarven? Zunächst einmal verändert sich der Körper ununterbrochen und tut Dinge, die ich ihm nicht befohlen habe. Auch wenn der Körper zäh erscheint und viel aushält, so ist es doch Tatsache, dass der menschliche Körper mit der Zeit altert, immer wieder erkrankt, schließlich gebrechlich wird und zerfällt. Genau genommen beginnt der Verfallsprozess mit dem Moment der Geburt. Abgesehen davon, dass ein Körper, der den Anspruch erhebt, “Selbst” zu sein, auf meine Anordnungen hören sollte, dies aber nicht (immer) tut, lassen sich die Sinnesempfindungen untersuchen: Bin ich was ich erblicke? Bin ich tatsächlich die sich ständig verändernden visuellen Eindrücke? Aber wieder: Ich kann nicht bestimmen, was ich sehe. Und es erfordert ein gutes Maß an Achtsamkeit, um zu erkennen wie ich sehe. Bin ich der Geruch, den der Körper absondert oder den ich durch die Nase wahrnehme? Nein, “ich” bin auch noch “ich” wenn der Körper gewaschen wurde. Ich bin auch nicht der, der den Duft der Seife erschnuppert – die Nase bewerkstelligt das ganz alleine mit Hilfe der dafür geeigneten Rezeptoren. Ebenso verhält es sich mit den Klängen: Vielerlei Geräusche werden im Laufe des Tages produziert, die ich nicht willentlich hervorgerufen habe: Furzen, Rülpsen, Niesen, Husten usw. Nicht anders ist es mit den im Inneren des Körpers wirkenden Organsystemen und Drüsen. Das Herz schlägt und der Atem fließt ob ich will oder nicht. Ich sondere Schweiß und Speichel ab, Urin und Tränen, ob ich will oder nicht. Was den Geschmack von Speisen und Getränken betrifft, so ist jegliche Geschmacksempfindung äußerst kurzlebig und von äußeren Faktoren abhängig. Ab welchem Zeitpunkt wird Nahrung zu uns, mit anderen Worten, wann hört es auf Nahrung zu sein und trägt zur Regeneration und Versorgung von Zellsystemen bei? Auch das äußerliche Erscheinungsbild und der Körperbau verändern sich im Laufe des Lebens. Das Selbst wird trotz all dieser Veränderungen stets mit dem gleichen Namen belegt und die Identifikation mit dem Körper perpetuiert. Mit dem Tastsinn verhält es sich ebenso, bin ich doch nicht das durch eine Wespe oder ein anderes Insekt verursachte Jucken. Dieses kommt und vergeht schließlich wie jede andere körperliche Sinnesempfindung. Was das Denken betrifft – im Buddhismus der sechste Sinn neben Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – so lässt sich das Auftauchen und Vergehen von Gedachtem beobachten und als unpersönlicher Prozess registrieren, der ohne eigenes Zutun stattfindet.

Diese Überlegungen mögen als Anhaltspunkte dienen für eigene Reflektionen in Bezug auf den Körper.

Gefühl (vedanā)

The human turns to drugging
As to nursing from the breast
Coming to the age of weaning
Only when he’s put to rest.

Khalil Gibran

Gefühle sind entweder angenehm, neutral oder unangenehm. Manche Menschen sind bereits empfindsam genug, während fünf Minuten, in denen sie Schokoladenkuchen verzehren, alle Gefühlstöne wahrzunehmen. Auch die beste Schokolade schmeckt nicht nur angenehm. Geschmack und Konsistenz variieren während des Verzehrs: knackig, knusprig, süß, bitter, hart, weich usw. usf. Was zu Beginn Schokolade ist, hat nach 3 Sekunden Kauen kaum mehr Ähnlichkeit mit Schokolade. Wie lange bleibt dieser oder jene Geschmack erhalten? Wie ist der Nachgeschmack? Wann ist der Drang, den halb zerkauten Brei zu schlucken, nicht mehr zu unterdrücken? Wann kommt das Verlangen nach dem nächsten Bissen – wenn die Süße nachlässt und die Masse zwischen den Zahnlücken sich bemerkbar macht? Darüber wird oft hinweg gesehen.

Ein weiterer Aspekt, der bei Gefühlen eine Rolle spielt, ist die Voreingenommenheit. Um beim Essen zu bleiben: Können wir einmal Schokolade essen, ohne „Schokolade“ zu denken? Der Verzehr mit geschlossenen Augen birgt oft manche Überraschung – es schmeckt doch anders, wenn zuvor mit den Augen und der Nase Form, Farbe und Geruch wahrgenommen wurden. Wie fühlt sich die Nahrungsmasse am Gaumen und im Rachen an? Auf den Zähnen und auf der Zunge – wie denn nun? Es heißt, wenn du ein Stück wirklich achtsam isst, dann brauchst bzw. willst du gar kein zweites.

Unstillbarer Durst gründet stets auf Unachtsamkeit, d.h. auf der durch persönliche Vorlieben gefilterten, verzerrten, zurechtgebogenen Wahrnehmung der Wirklichkeit auf Kosten der direkten Erfahrung dessen, was ist.

Wahrnehmung (samjñā)

In der Tat, nichts charakterisiert einen Menschen so gut wie das Verhalten seiner Aufmerksamkeit.

José Ortega y Gasset

Wahr-Nehmung beinhaltet das Wieder-Erkennen bestimmter Muster und Erscheinungen. Intelligenz ist bis zu einem gewissen Grad das Erkennen von komplexen Zusammenhänge und Mustern, seien es nun Verhaltensmuster, Zahlenmuster, grammatische oder geometrische Muster usw. Manchmal lässt sich ein bestimmter Sinneseindruck weder mit Bekanntem vergleichen noch in eine Struktur oder ein Modell einordnen. Das Wahrgenommene lässt sich somit nicht be-greifen. Die momentane Unmöglichkeit, etwas zu begreifen, bedeutet mit anderen Worten: ich kann nicht identifizieren, worum es sich handelt, ich kann es nicht benennen. Neues ist namenlos und findet jenseits etablierter Ordnungen statt. Jede vollkommen neue Erfahrung, d.h. jeder Sinneseindruck, der mit keinem Referenzpunkt aus vergangenen Erfahrungen verglichen werden kann, wird entweder in die bestehende Nomenklatur eingegliedert oder aus der persönlichen Erfahrung ausgeblendet.

Wesentlich ist, dass die Objekte der Welt nicht nur entsprechend der Sinnesorgane verschieden aufgefasst, sondern auch mit unterschiedlichen, teils konträren Assoziationen verknüpft werden. Dementsprechend reagieren verschiedene Menschen auf ähnliche Reize so verschieden. Das mag trivial klingen. Doch wären wir uns allein dieser Tatsache im Umgang mit unserer Familie, in unserer Beziehung, am Arbeitsplatz etc. konsequent bewusst, dann bräuchte es keinen Ruf nach Toleranz. Wenn offensichtlich ist, dass wir unterschiedlich wahrnehmen und Sprache selten ausreicht, um die Erfahrung zu vermitteln, dann tragen wir in erster Linie Verantwortung für die Reaktion auf die eigene Wahrnehmung und die daraus entstehenden persönlichen Gewohnheiten.

Gewohnheiten (sankhāra)

He who has so little knowledge of human nature as to seek happiness by changing anything but his own disposition will waste his life in fruitless efforts.

Samuel Johnson

Dazu gehören gewohnte Sichtweisen, Ideen, Meinungen und der gesamte kulturelle Ballast, den wir auch dann noch tragen wenn wir meinen, „nackt“ zu sein, bloß weil wir unsere Kleidung abgelegt haben. Fundamentale Einstellungen zu weltlichen Erfahrungen bewirken unsere Reaktionsmuster:

Wenn etwas angenehme Empfindungen schafft, dann gefällt mir das.

Wenn etwas unangenehme Empfindungen hervorruft, dann missfällt mir das.

Wenn etwas weder angenehm noch unangenehm ist, dann langweilt mich das.

Das ist das gängige Reaktionsmuster auf das Spektrum menschlicher Gefühle. Den Großteil der Lebenszeit verbringen wir damit, die Dinge in unserem Leben so einzurichten – wir versuchen es zumindest – dass möglichst nur angenehme Empfindungen unseres Weges kommen. Egal ob die Wahl des Partners oder des Jobs, meistens geht es um die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Was sind Bedürfnisse? Das Verlangen nach angenehmen Empfindungen und das Vermeiden unangenehmer Empfindungen. Auf diese Weise sammeln sich Verhaltensmuster an, die den Lebenslauf bestimmen. Da bleibt meistens keine Zeit – und auch kein Verständnis für die absolute Notwendigkeit – um diese Verhaltensmuster zu erkennen, zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern.

Es gilt, den verwirrenden Zauber der liebgewonnenen Denk- und Handlungsmuster zu durchschauen. Sankhāra ist stets konstruiert, bedingt, gewollt, beabsichtigt, karmisch wirksam, vergänglich. Karmische Formationen sind mentale Phänomene wie Ansichten, Überzeugungen, Meinungen, Ideen, Konzepte, Vorstellungen… mit einfachen Worten: Es handelt sich um Motive bzw. Handlungsabsichten, die durch unbewusste Wiederholung die Identifikation mit dem Selbst verstärken.

| Anicca vata sankhara | uppada vaya dhammino |
| Uppajijitva nirujjhanti | tesam vupasamo sukho |

Mahā Parinibbāna Sutta

Alle sankharas sind vergänglich.
Sie haben die Natur des Entstehens und Vergehens.
Das Zur-Ruhe-bringen ebendieser bringt große Freude.

All die menschlichen Phantasien, Projektionen, Gedanken, Erinnerungen und Hoffnungen lassen sich unter dem Begriff sankhāra zusammenfassen. Um den Einfluss von sankhāras zu schwächen, wende dich voller Aufmerksamkeit den eigenen Gewohnheiten zu. Beobachte sie und lerne sie gut kennen. Bekämpfe nicht deine schlechten Gewohnheiten – sie werden dadurch nur stärker oder durch deine Bemühungen noch zahlreicher. Versuche wo immer möglich, dich denjenigen Tätigkeiten zu widmen, die du zu Gewohnheiten machen möchtest.

Immer-wieder-darüber-nach-Denken wie du dich gerne fühlen würdest, ohne zu akzeptieren wie du dich im Augenblick fühlst, bewirkt Schüren und Nähren jener Gedanken, die den momentanen Geisteszustand verfestigen. Klammern und Ablehnen bedeuten beide Treibstoff für die Illusion eines inhärenten Selbst (skr. upādāna).

Entspanne dich – körperlich und mental. Entspann dich hier und jetzt in den Moment hinein.

Vergiss den nächsten Moment – es gibt ihn nicht!

Bewahre das Gewahrsein im gegenwärtigen, wunderbaren Augenblick und verweile darin. Das ist eine viel praktischere Route zu Glück, Freude, Gelassenheit und Frieden als beständig nach Erklärungen, Lösungen, Rechtfertigungen, Schlussfolgerungen und Gründen zu forschen. Natürlich gibt es auch eine Zeit dafür, aber diese Bemühungen führen nicht weiter als bis zum nächsten Problem, zur nächsten Frage.

Bewusstsein (vijñāna)

It’s a war on consciousness.

Dennis McKenna

Bewusstsein (skr. citta, jñāna) bedeutet in diesem Zusammenhang, zu wissen, was ich tue während ich es tue. Wenn ich esse weiß ich, dass ich esse und wenn ich trinke, weiß ich, dass ich trinke. Wenn ich atme, weiß ich, dass ich geatmet werde 😉

Im Buddhismus wird vom Speicherbewusstsein (skr. ālaya-vijñāna) gesprochen, wenn es um die Anhäufung von sankhāras geht. Alle unbewussten Verhaltensweisen und mentalen Bilder stammen aus diesem „Behälter“. Speicherbewusstsein ist deshalb ein wesentlicher Faktor für Irrtümer und Täuschungen. Denn die in der Psyche hinterlassenen Eindrücke sammeln sich in einem sogenannten āśaya, einem Ruheort. Sie verhindern die reine Anschauung, indem sie Wirbelwinde (skr. vṛtti) jenes gefährlichen Halbwissens auslösen, das auf übernommenen Vorstellungen und falschen Schlussfolgerungen beruht und auf diese Art und Weise die klare Wahrnehmung verfälscht. Sinnesempfindungen werden auf der Grundlage von Präferenzen, Prämissen und Präsuppositionen interpretiert. Nach der buddhistischen Philosophie und der Lehre des Patañjali im Yoga-Sutra verunmöglichen so die Rest-Wirkungen unbewusster Eindrücke die direkte Erfahrung der Wirklichkeit.

Werden die aktivierten Muster jedoch als das gesehen was sie sind, nämlich Schöpfungen des Geistes, dann trennt das Bewusstsein nicht mehr Subjekt von Objekt, gebiert keine Person und entwirft keine Welt. Diese Form des geklärten Bewusstseins wird Geistbewusstsein (skr. manovijñāna) genannt: Klares Gewahrsein von Empfindungen, Gefühlen und Gedanken ohne dualistischen Überbau. Unverhüllt.

Good and evil are an affair of the world.

When they‘re an affair of the world,
they‘re just a preoccupation.

If, when we‘re struck by preoccupations,
we‘re shaken by preoccupations,
the mind becomes a world.

Ajahn Chah

In der Psychoanalyse findet sich meines Wissens der dieser Auffassung verwandte Zugang zu den sogenannten Doppelsignalen. Das sind jene Eigenschaften, die wir an uns selbst nicht ausstehen können und die aus dem einfachen Grund, dass wir nicht zu ihnen stehen und uns weigern, uns deren Wirklichkeit zu stellen, unser Leben so stark beeinflussen und in den vielen Fällen uns naturgemäß den Menschen nahebringen, die das Pendant zu unseren unterdrückten Regungen und Reaktionsmustern darstellen.

Life reflects us, perfectly and constantly.
What you hate in others, you hate in yourself.
What you love in others, you love in yourself.

Nimbin Museum, Australia

Mit den im Speicherbewusstsein vorrätigen Reaktionsmustern und den nach C.G. Jung benannten Schatten verhält es sich so wie mit Tieren im Wald in dunkler Nacht, die nur dann besondere Macht haben, wenn wir wegschauen und uns vor ihnen fürchten. (Es kommt vor, dass Tiere im dunklen Wald nur in unserer Vorstellung existieren.)


Jetzt wurde einige Male der Begriff „Wirklichkeit“ verwendet. Es erscheint daher angebracht, auf zwei Ebenen der Wirklichkeit hinzuweisen, zwischen denen in spirituellen Kreisen oft unterschieden wird und die ihre je eigene Gültigkeit haben: Die konventionelle Realität und die absolute Realität. Sie schließen einander nicht aus, sondern bestehen parallel bzw. gleichzeitig. Das Auge des Betrachtenden entscheidet über die für-wahr-genommene Realität. Konventionell: „Das ist meine rechte Hand. So sieht sie aus. Sie besteht aus Knochen, Gelenken und Blut, sie ist bedeckt von Haut und Nägeln und Haaren.“ Absolut: „Das ist Sternenstaub. Leben, wie es sich in Form/Leerheit manifestiert.“ Diese beiden Sichtweisen sind komplementär.

Wir haben immer die Wahl, ob wir den großen oder kleinen Kontext sehen. Wir können in jedem Moment reinen Tisch machen.

Den Garten kultivieren

So wie Pflanzen gewisse Bedingungen brauchen um zu sprießen und zu gedeihen, braucht auch der Mensch bestimmte Bedingungen, um das in ihm schlummernde Potenzial zu aktivieren. Pflanzen brauchen Sonnenlicht, Erde und Wasser. Manche brauchen mehr Sonnenlicht, manche weniger. Manche lieben es im direkten Sonnenbad – und zeigen diese Liebe auch bei Tag und bei Nacht. Andere verkümmern sobald sie direkter Bestrahlung ausgesetzt sind. Auch wieviel Wasser eine bestimmte Pflanze benötigt ist unterschiedlich. Wie durchtränkt soll oder darf die Erde sein? Wie soll die Erde beschaffen sein? Wir Menschen leben auf der Erde. Auch wenn sie an manchen Stellen zubetoniert wird, bahnt sich die Natur doch stets einen Weg ans Licht. Was von Menschenhand installiert und in Stand gehalten wird, bricht die Natur wieder auf sobald die Bemühungen um die Einebnung, Begradigung, Oberflächenregulierung, Nivellierung usw. usf. nur etwas nachlassen. Wir Menschen schaffen uns tagtäglich die Bedingungen, die uns gedeihen oder verkümmern lassen. Natürlich sind Menschen viel komplexer als Pflanzen, natürlich natürlich. Und klar, wer würde schon so weit gehen, Menschen mit Pflanzen zu vergleichen? Das ginge doch wirklich etwas zu weit. Oder?

Zunächst sollte dieser Beitrag vom Thema LOSLASSEN handeln. Doch dann dachte ich mir, was soll’s, schreib einfach mal drauf los. Und lass los von dem geplanten Vorhaben, einen Text zu einem vorbestimmten Thema verfassen zu wollen. Geht es nicht beim Umgang mit dem eignen Leben einfach um das, was gerade ansteht? Um das was gerade in diesem Moment passiert? Und ist es nicht im Umgang mit Sprache genau so? Alles was als Schablone davor geschoben wird, wirkt auch wie eine Schablone. Wir können niemandem wirklich etwas vormachen. Auch nicht uns selbst. Wenn ich mit jemandem spreche, ist es meine Stimme, die wirkt. Der Inhalt mag eine Rolle spielen, doch wie die Stimme die Nachricht moduliert, eben diese Sprach-Melodie bewirkt, was wie ankommt und beim Gegenüber auf taube oder offene Ohren stößt. Und hier schließt sich der Kreis zum Garten. Es ist vielleicht ein Gedankensprung, doch bitte, liebe Leserin, lieber Leser, vollführe ihn mit mir. Ich spreche vom Garten des Geistes, von der Kultivierung des Bewusstsein. Wie wir mit uns selbst sprechen, so sprechen wir im Allgemeinen mit anderen. Sind wir fähig uns selbst anzuhören und in uns zu gehen, um zu sehen, was da vor sich geht? Dann werden wir auch willens und fähig sein, anderen unser Ohr zu leihen. Das andere im besten Falle nach wie vor nach innen gerichtet um den eigenen Körper zu spüren, mit dem ganzen Wesen zuzuhören und im Atemrhythmus mitzudenken. Und wir werden mit der entsprechenden Melodie aufwarten können, die sich auf Grundlage dieser Geistes-Kultur entfaltet.

Die Unterschiede im Pflanzenreich sind so groß wie in der Welt der Menschen: Ein Garten ist stets das Ergebnis von Bemühungen, mit den Bedingungen der Natur die größtmögliche Schönheit, Eleganz und Vielfalt hervorzuzaubern, mit anderen Worten: das in ihr schlummernde Potenzial zu aktivieren. Ich finde mich bei manchen Begegnungen in Gärten wieder, in denen wuchert es nur so von verknöcherten Ideen und fixen Konzepten, man verliert sich vollkommen im Dickicht der Meinungen. Andere Gärten erblühen in kunterbunten Regenbogenspektren und fantastischen Farbenfraktalen, Möglichkeiten ohne Ende.


Die Erfahrung der Erfahrung

Tras el vivir y el soñar,
está lo que más importa:
despertar.

Antonio Machado

Je nachdem inwieweit ein Mensch die Grundlagen geschaffen hat, der eigenen Natur Ausdruck zu verleihen, werden sich Menschen finden, die diesen Ausdruck von Herzen wertschätzen. Denn was sie finden, das lebt seit Jahren im Herzen und harrt des Ausspruchs, der Verwirklichung im Jetzt. Die buddhistische Praxis des Zen besteht darin, sich der eigenen Erfahrung zuzuwenden. Nicht dem Inhalt der sinnlich wahrgenommenen Gegen-Stände. Sondern dem Geschmack der Gegenwart. Im Zen wird der außergewöhnlich gewohnten Erfahrung Mensch zu sein der ihr zustehende Tribut gezollt.

Octavio Paz nennt dies la experiencia de la experiencia. Darauf kommt es an. Als Mensch ist das echte Universum, das wirkliche Leben immer in Reichweite. Unser Unterbewusstsein ist ohne Unterbrechung in Kontakt mit den körperlichen Empfindungen. Alle Institutionen verlangen jedoch, dass Menschen die Erfahrung der direkten Erfahrung vernachlässigen, um sodann verlassen in einer konkurrenzorientierten Welt hierarchisch geordnete Daten über das kommende Wetter oder beliebige Informationsbrocken über andere Teile der Welt aufzunehmen, damit die eigene Welt den Anschein von Ordnung und Sicherheit erweckt. Wie wichtig diese Information auch erscheinen mag, sie geht auf Kosten der direkten Erfahrung mittels der Sinne, die jenseits der ichbeschränkten Sicht im gegenwärtigen Moment stattfindet.

Der Garten des Geistes wird fortan nicht mehr kultiviert, sondern konditioniert, auf maximalen Ertrag zurechtgestutzt. Das Einzige was sich unbegrenzt ausbreiten darf ist das Unkraut der Ideologien und Absolutheitsansprüche. Das ist die Frequenz, auf der dann mit anderen kommuniziert wird. Zuhören funktioniert nur eingeschränkt. Das Wachstum ist auf ein paar Ideen-Töpfe beschränkt. Der Garten Erde wird übersehen. So ist es nun mal. Je tiefer wir uns hineingraben, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir das größere Ganze aus den Augen verlieren. Und wenn es erst mal aus den Augen ist… na, wir wissen ja. Zugleich ist es wahr, dass sich die Welt in einem Sandkorn erkennen lässt… wenn wir nur richtig hinschauen. Tatsächlich dient mit der angemessenen Geisteshaltung ein jeder Anblick dem Erwachen zur Wahrheit.


Die Sache mit der Wahrheit

They say ‚the more you know the more there is to know‘, well yeah, on one level that‘s right. But there‘s another way. The more you know, the more you realize how little there is to actually know to take control of your life and your life experience, and so much of the complexity hides the simple, sparkling truths.

Genius…

This is the misunderstanding of the academic intellectual mind. It perceives understanding complexity as intelligence and cleverness – when genius is seeing the simple hidden by complexity.

David Icke

Ich glaube, Wahrheit und Freiheit entspringen derselben Wurzel. Der Schlüssel zur Freiheit liegt in der Wahrnehmung der Dinge, wie sie wirklich und wahrhaftig sind. Normalerweise liegt über der direkten Erfahrung ein identifikatorischer Wahrnehmungsfilter über dem anderen. Die Filter selbst sehen wir nicht, und darin liegt die Ursache vieler Missverständnisse und zwischenmenschlicher Querelen. Würden wir uns öfter mit unserer eigenen Form der Wahrnehmung beschäftigen als mit den dort draußen verorteten und mit Namen belegten Dingen, würden sich viele Aufrufe zu Toleranz und Verständnis erübrigen.

Der Schlüssel zur Freiheit, sagte ich und schrieb es. Doch der Schlüssel dient nur als Metapher. Wir brauchen keinen Schlüssel. Denn die Tür ist nicht verschlossen. Es liegt nur an uns aufzuwachen, aufzustehen und hinzugehen. Sie zu öffnen obliegt uns und hindurchzuschreiten wie eine Königin, ein König, und den Garten des Geistes zu betreten. In Stille. Doch in den meisten Fällen passiert uns dasselbe Malheur wie dem zierlichen Tierchen im Vogelkäfig, das sich in der Tür festkrallt und vergisst, dass es Flügel – unendliches Bewusstsein – gibt und sich diese gar nicht weit entfernt von den Schulterblättern (vom Herzen) befinden.

Suzuki Roshi sagte einmal: Just to be alive is enough. Was sich für manch zweibeiniges Arbeitstier wie ein Affront anhört, ja wie ein Angriff auf die so mühsam zurecht gebastelte Version der eigenen Lebensgeschichte wirken mag, kann vor den wachsamen Sinnen eines Beginnergeistes nicht verbergen, worin des Roshis Absicht lag: Uns aufs Wesentliche aufmerksam zu machen. Statt von Gedanken fortgetragen zu werden wie Löwenzahnschirmchen in der Frühlingsbrise; statt der Vergangenheit nachzujagen wie der streunende Kater seinem verlorenen Mäuschen; statt zukünftigen Ereignissen vorzugreifen und sich dabei vorzustellen: »Dann und dort werde ich diese Form, dieses Gefühl, solch einen Gedanken, solche Dinge haben«; schließlich und endlich statt zu trauern, weil wir das persönliche Glück für ein individuelles Vogerl gehalten haben, das ab und zu, sofern es ihm gefällt, auf unserer Schulter Platz nimmt; statt weiterhin der Vorstellung anzuhängen, dass für das eigene Lebensglück bestimmte oder unbestimmte Personen, Plätze oder Sache notwendig sind; statt sich all dieser Irrwege anzunehmen und sich im Irrgarten der eigenen Gelüste und Abneigungen zu verwirren und zu verirren, erinnert Suzuki Roshi dich und mich an die alles entscheidende Frage: Was muss ich hier und jetzt loslassen, um die Erfahrung von Fülle zu haben, um den Geschmack von Fülle zu genießen?


Der Wert von Geschichten

Unwissenheit ist nicht nur: nicht zu wissen was wahr ist, sondern es ist auch: an die Wahrheit von etwas zu glauben, das nicht wahr ist. Und in der Folge zu behaupten, jeder hätte Anspruch auf seine eigene Wahrheit, und auf diese Weise eine Form des absoluten Relativismus in Bezug auf die Wirklichkeit zu stellen, der darauf hinausläuft, dass niemand wirklich irgendetwas wissen kann bzw. dass wir alle gleichermaßen im Dunkeln tappen. Das ist mit ein Grund, warum Geschichten eine so große Rolle im Leben spielen. Welche Geschichten wir uns selbst über unser Leben erzählen hängt zu einem entscheidenden Teil von der Gruppe ab, in die wir eingeteilt werden: In-/Ausländer, Mittelklasse, Arbeitsloser, Patriot, Pazifist, Nihilist, Anarchist, Systemerhalter, Rebell… ist es nicht so, dass Begriffe wie diese schon eine Vorauswahl über die überhaupt denkbaren Geschichten treffen? Manchmal wird auch deutlich wie sehr die Geschichten auf die Charaktere zugeschnitten sind, die in ihnen die Hauptrolle spielen. Und im eigenen Leben spielt wohl jedefrau und jedermann die Hauptrolle, oder?

Als Bodhidharma einmal vom mächtigen Kaiser gefragt wurde: »Wieviel Verdienst habe ich durch meine Taten erworben?« »Worin besteht die Essenz der höchsten Lehren?« und »Wer bist du?«, besann er sich einen Augenblick und antwortete dann: »Keinen Verdienst.« »Nichts Heiliges. Weite Leere.« und »Ich weiß es nicht.« Gelinde gesagt, der Kaiser war erstaunt. Und um noch eins draufzusetzen, verließ Bodhidharma den Thronsaal und begab sich für neun Jahre in eine Höhle um zu meditieren. Warum?

.innehalten Geist den lässt dieses wie Koan Ein

Wie führe ich mein Leben? Führe ich oder werde ich geführt? Wie sieht der Garten meines Geistes aus – nach 30 Jahren auf der Erde, nach 40 Jahren, nach 50, 60, 70 Jahren? Wirkt er gepflegt? Wirkt er so, als möchtest du gerne zur Entspannung einen Spaziergang machen? Wie viel Raum bietet er? Wie viele Grünschattierungen gibt es? Oder gibt es fast nur schwarz und weiß, richtig und falsch? Gibt es womöglich nur nützliche und unnütze Sträucher und Gräser, nur wichtige und unwichtige Dinge? Können sich die vielen über Jahre hinweg sorgsam gepflegten Gewächse noch immer gut riechen? Oder herrscht ein unüberschaubares Wirrwarr von Überzeugungen, Konzepten und Ideen?

Ist es am Ende vielleicht gar so, dass jener berühmte Geschichtenerzähler, den wir alle seit Kindheitstagen kennen und der uns vom verheißungsvollen Garten Eden berichtet, in Wahrheit von der Kultivierung des eigenen Bewusstsein spricht? Ist am Ende … vielleicht… sogar … das alles hier … nein nein das kann nicht sein… oder doch?