Pirsig revisited

Im letzten Artikel schrieb ich über das Kultbuch der 1970er Jahre Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten von Robert M. Pirsig. Darin geht es um die Untersuchung des Begriffs Qualität, um Inter-Esse (Dazwischen-Sein) und die Liebe an der Sache selbst. Der Autor nimmt den Lesenden auf eine Reise mit und beleuchtet zwei Seiten einer Medaille: Leben-Tod. Es geht um Loslassen-können, um wahrhaftig zu leben.


Was klagen wir über die Natur? Sie hat sich gütig erwiesen: Das Leben ist lang, wenn man es recht zu brauchen weiß.

SENECA

Durch die Lektüre konnte ich Zusammenhänge in der griechischen Philosophie verstehen lernen, die ich glaubte bereits verstanden zu haben. Ich wurde daran erinnert, dass wahrhaftiges Lernen nur dann möglich ist, wenn ich mich zuerst leermache von dem, was ich bereits zu wissen glaube. Mit anderen Worten: wenn ich mir eingestehe, dass ich nicht wirklich weiß, was ich zu wissen glaube. Denn Wissen setzt sich niemals aus bloßen Versatzstücken von Informationen zusammen. Diese sind lediglich der Lehm, aus dem Gefäße geformt werden können. Leider benutzen Menschen jedoch ihre graue Masse allzu oft, um sogenannte Fakten anzuhäufen, dieses Konvolut aus Versatzstücken für eigenes Wissen zu halten. Dabei ist es weder eigen noch Wissen. Es wurde bloß auf-genommen, meist weil es aufgrund bereits an-genommener (oder genauer: übernommener Meinungen) an-genehm war. Denn es beruht nicht auf eigener Denkarbeit, sondern ist bloß Wiederholung und Wiedergabe des Gehörten oder Gelesenen. Erst integrierte Information bedeutet in lebenspraktischer Hinsicht Wissen, ähnlich wie erst gründlich verdaute Nahrung Adenosintriphosphat bereitstellt, um den Organismus mit Energie zu versorgen. Es kommt nicht von ungefähr, dass wir den Darmbereich als zweites Gehirn bezeichnen.

Die eben angesprochene intellektuelle Bescheidenheit ermöglicht es mir, mit dem ganzen Wesen zuzuhören, die Perspektive des Schriftstellers einzunehmen und mit der Zeit immer öfter zu erahnen, worauf die Argumentation bzw. Erzählung hinausläuft. Es bereitet mir stets eine große Freude und Genugtuung wenn das, was in den kommenden Seiten dargestellt wird, meiner Vermutung entspricht.‚Tuned in,‘ I call it. Stanislav Lems Der futurologische Kongress und Philip K. Dicks Die drei Stigmata des Palmer Eldritch bilden hier keine Ausnahme. Doch gehören sie sicherlich aufgrund ihrer Plot-Twists zu jenen fantastischen Büchern, die mich mit offenem Mund innehalten lassen, staunend, perplex: „Woah!! Das hatte ich nicht kommen sehen!“ Solche Lese-Erlebnisse ermutigen mich, an jedes Buch mit einem frischen Geist heranzugehen. Wie in der Liebe zu Menschen kann auch die Liebe zu Büchern enttäuscht werden. Und dennoch stimmt es auch, dass jedes Buch das hergibt, was einer selbst mitbringt.


Dies trifft auf Robert M. Pirsigs Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten definitiv zu. Die darin geschilderten ideengeschichtlichen Entwicklungen verdeutlichen die Aufeinanderbezogenheit geschichtlicher Akteure wie Platon, Heraklit, Parmenides und Zenon und gewähren Einsichten in philosophische Bedingtheiten und Zusammenhänge.

Heraklit sagt, die Wahrheit zeigt sich in widerstreitenden Gegensätzen.
Parmenides hingegen meint, alles ist eins. Und: es gibt eine absolute Wahrheit.
Diese beiden Philosophen bilden somit, was ihre Ansichten zur Wahrheit und zur Bedingungslosigkeit bzw. Bedingtheit der Wahrheit betrifft, ein Gegensatzpaar. Heraklit stellt auch zu Zenon von Elea einen Konterpart dar. Dieser meint, die Realität bleibt unverändert. Es findet kein Wandel statt, stattdessen gibt es eine ewige Gegenwart. Heraklits bekanntes Diktum panta rhei (πάντα ῥεῖ, „alles fließt“) widerspricht Zenons Auffassung, denn Heraklit meint: Die einzige Konstante ist Veränderung.

Parmenides beeinflusst mit seiner Postulation einer absoluten Wahrheit seinen Schüler Sokrates und insbesondere dessen Vorstellung einer ewig unveränderlichen Welt der Ideen. Von dieser Ideenwelt, so Sokrates, stellt die irdische Welt von Name und Form ein Abbild dar. Ein weiterer Lehrer des Sokrates ist Anaxagoras, ein Pionier der Naturwissenschaften. Zwischen der (ewigen) Welt der Ideen und der Welt der Naturwissenschaften vermittelnd entwickelt Sokrates das Wesen des Dialogs: die Dialektik. Er geht auf der Agora, also dem Marktplatz des antiken Griechenland, spazieren und, so könnte man sagen, „belästigt“ die Menschen, indem er sie darauf hinweist, dass sie nicht wissen, was sie zu wissen meinen. In der dialektischen Form der Wahrheitssuche finden wir auch wieder Heraklits Ansatz: Der Dialog (διάλογος, „durchsprechen“, „Fließen von Worten“, „Zwischen-den-Worten-sein“) und die Gegen-Sätze, woraus die Wahrheit hervorgeht. Dialog bedeutet, stets auf der Suche nach Bedeutung und Sinn der Rede zu sein, die sich zwischen den gewechselten Worten zeigt. Dialog ist geprägt von der Absicht, verschiedene Blickwinkel zu beleuchten und deren Gewichtung und Gehalt vorurteilsfrei zu untersuchen. Das Ziel eines Dialogs besteht nicht darin, seinen Einfluss in eine bestimmte Richtung geltend zu machen oder in der Unterscheidung, wer Recht oder Unrecht habe, ebensowenig in der Feststellung, was richtig oder falsch sei. Vielmehr ist das gewünschte Ergebnis eines echten διάλογος das Verständnis der anderen Persönlichkeit und die Bedeutungserweiterung eigener Begriffswelten, welche sich durch das Mit-Teilen unterschiedlicher Ansichten ergibt. Jiddu Krishnamurti verwirklicht das Ideal des unvoreingenommenen Forschers in seinen Vorträgen und Schriften auf beeindruckende Art und Weise und möge Dir als Inspirationsquelle dienen. In dieser von Krishnamurti vorgelebten Absicht also sprach Heraklit von den einander entgegengesetzten Kräften, aus deren Zusammenwirken bzw. Wechselwirkung die Wahrheit entsteht. Aus ideengeschichtlicher Perspektive entwickelt sich daraus Protagoras‘ relativ bekannter Homo-Mensura-Satz. Dieser besagt, dass „der Mensch das Maß aller Dinge“ ist. Dementsprechend gibt es nach Protagoras‘ Auffassung keine absolute Wahrheit, nach der wir uns alle zu richten hätten. Stattdessen entsteht Wahrheit im Gespräch, in der Auseinandersetzung mit sich selbst, im Austausch mit der Natur und anderen Lebewesen. Wahrheit findet sich auf dialektischem Wege, im Dialog.

Nun, der Schüler von Sokrates ist Platon. Er ist der Schriftsteller, der die Dialoge des Sokrates verfasst. In Platons verschriftlichten Dialogen kommt eine starke Abneigung gegen Sophisten, Rhetoriker und Kathederlehrer zum Ausdruck. Im Unterschied zu den authentischen Philosophen, also den alten und echten Liebhabern der Weisheit, nehmen diese nämlich Geld an – ähnlich wie heutzutage Politiker – um was zu tun? Um Reden zu halten. Platon setzt sich für den Dialog ein, als Mittel zum Zweck der Wahrheitsfindung. Er erschafft damit eine gewisse Synthese zwischen Parmenides von Elea („alles ist eins“) und Heraklit von Ephesos („alles fließt“). Wie macht er das? Nun, es gibt in verschiedenen Dialogen, u.a. im Phaidon, Hinweise darauf, wie die beiden Sichtweisen in Einklang gebracht werden können bzw. beleuchten Platons Dialoge, wie die beiden Philosophen argumentieren – woher sie kommen (Elea – Ephesos), wo sie stehen (Absolut – Relativ), und worauf sie hinauswollen (Einheit – Vielfalt).


Lass Dich auf ein Gedankenexperiment ein…

Jemand sagt, es gibt eine unvergängliche Wahrheit, eine absolute Wahrheit, wie dies Parmenides tut. Daraus ergibt sich, dass die Vortrefflichkeit oder, wie es damals genannt wurde, die ἀρετή (aretḗ), ein Qualitätsideal menschlicher Aktivität bezeichnet. Die ἀρετή gibt das Maß an Vollkommenheit an, die sich während des Vollzugs einer bestimmten Tätigkeit zeigt. Nach dieser Auffassung gibt es einen absoluten Meister. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er im Nicht-Tun seines Handelns die höchste aretḗ verwirklicht. Bei Sokrates ist dies die Hebammen-Kunst (μαιευτική τέχνη (maieutikḗ téchnē), und in dieser hat er eine sehr hohe Vortrefflichkeit erreicht. Worin besteht Sokrates‘ ἀρετή nun? Sie besteht zunächst darin, auf seine innere Stimme (das δαιμόνιον, daimónion) zu hören, heutzutage würden wir vermutlich sagen: auf die Intuition zu hören; das, was im Anderen schlummert, hervorzukehren; die philosophische Neugier und das Staunen über das Alltägliche hervorzurufen; zu hinterfragen, was uns im Allgemeinen so selbstverständlich erscheint.

Die unvergängliche Wahrheit dient als Basis, um zu erkennen, worin wahrhaftige Vortrefflichkeit besteht, also zu wissen, was vollendete ἀρετή ist. Im Gegensatz dazu, wenn man nicht eine ewige, absolute Wahrheit, sondern stattdessen ἀρετή als höchstes Prinzip annimmt, aus der sich sodann die Wahrheit ergibt bzw. in welcher sich die Wahrheit letztendlich zeigt, im Maß der Qualität menschlichen Schaffens. Platon hat im Grunde Sokrates‘ Wirken verfolgt und analysiert (?) – einerseits die unvergängliche Wahrheit, andererseits das höchste Prinzip der ἀρετή als Ursprung der Wahrheit. Einerseits spannt er den Bogen zu Parmenides, andererseits nimmt er Bezug auf Heraklit.

Und nun kommen wir zu Aristoteles, dem „Schüler“ von Platon. Die unveränderliche Pferd-heit, die allen Einzel-Pferden vorausgeht, so wie alle Ideen den Erscheinungen vorausgehen, wie es bei Platon heißt, wird bei Aristoteles nicht mehr so wichtig genommen wie die einzelne Pferd-Erscheinung. Aristoteles geht von der Unveränderlichkeit der Substanz aus. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Geburt des modernen Realitätsverständnisses. Bei Aristoteles wird der λόγος (lógos), die Vernunft, die Logik, die Erkenntnis, das Wort zum „Wahren“ erklärt. Das ist „das Wahre“. Das „Gute“ hingegen wird ein vergleichsweise unwichtiger Wissenszweig – die Ethik. Sie beschäftigt sich mit dem Guten, und wenn die Vernunft das Höchste und Wahre ist, dann wird dementsprechend Ethik und Gefühl entwertet. Dazu gehören Umgangsformen, Manieren, Konventionen. All das wird im Vergleich zu Vernunft, Logik und Erkenntnisfindung geringgeschätzt.

Die Geburt des modernen Realitätsverständnisses. Das muss man erst einmal sickern lassen…


Was die Kirche der Vernunft, allgemein „Universität“ genannt, und was die „Wissenschaft“, um die sich der Mensch darin bemüht, der Menschheit an Definitionen bietet, das sind Begriffsbestimmungen gemäß der materialistischen Weltanschauung bzw. des objektiven Idealismus. In der Wissenschaft dient die Ratio der dialektischen Wahrheitsfindung. Ethik und Gefühl haben darin nur Platz, insofern sie bereit sind, sich dem Diktat der Vernunft unterzuordnen. Thomas von Aquin hat zu seiner Zeit, einer Zeit, die bisweilen zu Unrecht pauschal als „dunkel“ hingestellt wird, mit seinem Skalpell-Geist die Aufgabe unternommen, eine Synthese zwischen Glaube und Wissenschaft zu vollziehen. Doch er hat nur den Anfang gemacht. In Zeiten, in denen es Menschen gibt, die „an Wissenschaft glauben“ und andere bezichtigen, „nicht an die Wissenschaft zu glauben“ ist es unabdingbar, diese Synthese im persönlichen Bereich nachzuvollziehen, um dem Primat der Erfahrung jederzeit Vorrang vor ideologischen Konstrukten einzuräumen, auch wenn diese noch so selbstgemacht und hausverständig daherkommen.

So wie wir begonnen haben mit Parmenides – die Wahrheit ist unabänderlich und ewig, und mit Heraklit – die Wahrheit entsteht durch das Wechselspiel der Gegensätze – so begegnen wir der Synthese einer absolutistischen Glaubenskirche und einer relativistischen Vernunftkirche in Thomas von Aquins Hauptwerk. Ein halbes Jahrtausend später doziert Hegel über These, Antithese und Synthese. Aber das ist seine Geschichte.

Wir schreiben unsere, in jedem Augenblick. Das Leben, ein kosmischer Trick?
Eine Abfolge von Momentaufnahmen – oder ein einziger Moment, der kein Gestern und kein Morgen kennt?

Wie lange sind wir denn hier? Achtzig Jahre, neunzig, vielleicht auch 100 wenn wir Glück haben und unserem Herzen lauschen, wenn wir uns nicht mit unnötigen Sorgen quälen, uns nicht in rastloser Geschäftigkeit abhetzen, uns nicht in ständige Unruhe versetzen.

Mögen wir, möge ich, der Kürze des Lebens gewahr, meine Zeit darauf verwenden, die Paradoxien des Lebens auszuhalten, um sie miteinander in Einklang zu bringen statt meine Zeit damit zu verschwenden, mit dualistischen Scheinproblemen zu ringen.

Das größte Hemmnis des Lebens ist die Erwartung, die sich an das Morgen hängt und das Heute verloren gibt.

SENECA

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